MondoPrinte

Befindlichkeiten

05.09.2009 | 22:03

Berliner Kolonialismus-Streit

Die Meinungsverschiedenheiten um die Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben, so wird immer deutlicher, nicht so sehr mit der Ausstellung an sich zu tun, sondern mit der Frage der propagandistischen Verwertbarkeit wesentlicher Elemente dieser Ausstellung. Alain Posener berichtet:

Gedacht war, so Werkstattleiterin [der Werkstatt derKulturen, wo die Ausstellung eigentlich hätte stattfinden sollen, jetzt aber in die "Uferhallen" im Wedding umgelagert wird] Philippa Ebéné, an eine "Hommage an people of colour", deren Opfer und Leistung in Deutschland nicht gewürdigt werde. Als aber die Ausstellungsmacher ihre Arbeit präsentierten, beschäftigten sich von 96 Tafeln auch 18 mit der weniger rühmlichen Seite der Geschichte: nämlich mit der Zusammenarbeit bestimmter "antiimperialistischer" Kräfte mit den Achsenmächten. Eine Tafel war etwa dem Großmufti von Jerusalem gewidmet, der als SS-Gruppenführer bosnische Muslime für Hitlers Holocaust rekrutierte. Das passte Ebéné nicht ins Konzept.

Warum nicht?

Sehr früh wurde nämlich deutlich, dass Ebéné jeden Hinweis auf die Kollaboration der Kolonialvölker mit den Deutschen deshalb ablehnt, weil das "ihre Opfer relativieren" würde.

"Opfer relativieren" - solches Vokabular kennt man ja auch von der Gegenseite, repräsentiert vom Kurator der Ausstellung, Karl Rössel. Während Posener die Position Ebénés einigermaßen fair wiedergibt- er macht mit einem Seitenhieb auf Edward W. Said deutlich, auf welcher "Seite" er "steht" -, darf sich Rössel in der Jungle World des Reporters Bernd Beier als Stichwortgeber bedienen. Das führt dann dazu, dass einige recht heftige Aussagen unwidersprochen getätigt werden, die eindeutig aus jenem Argumentationsarsenal stammen, aus dem auch Blätter wie eben die Jungle World ihre Munition beziehen. Was Rössel da erzählt und was er da an Verbindungen herstellt, etwa zwischen Husseini und Arafat, alles das kennt man bereits.

Al-Husseini war ja ein überzeugter Faschist, ein fanatischer Antisemit, der den Nazis schon 1933 zur Machtübernahme gratuliert hat, der später einen profaschistischen Putsch im Irak mitinszeniert hat, von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland im Exil war, eine Residenz hier in Berlin hatte in einem »arisierten« jüdischen Haus, Zehntausende muslimische Freiwillige auf dem Balkan für die Waffen-SS rekrutierte. Und er war am Holocaust beteiligt.

Ohne dass Beier ihn gerade im letzten Punkt um eine Verdeutlichung seines Standpunktes ersucht hätte, fährt Rössel fort - und macht - das wird an seiner Wortwahl deutlich - gerade in Bezug auf die Palästinenser aus seinem Herzen keine Mördergrube:

Wer die Auseinandersetzung mit Nazikollaborateuren, ganz egal welcher Herkunft, zu unterdrücken versucht, hat in so einer Position nichts verloren. Es kann doch nicht rassistisch sein, wenn man sich mit den Rassisten der Geschichte auseinandersetzt. Wenn es Leuten wie Husseini, dem Palästinenserführer, mit seinen Nazifreunden gelungen wäre, den Krieg zu gewinnen, würde es keine Werkstatt der Kulturen geben, es würde überhaupt keine Migranten in diesem Land geben, um die sich Frau Ebéné dann bemühen könnte.

Und nun zu Arafat:

Dass Husseini 1946 zurückkehrte, in der Arabischen Liga wieder zum obersten Repräsentanten der Palästinenser ernannt wurde, vom Palästinen­sischen Nationalrat 1948 zum Präsidenten gewählt wurde, Präsident der Weltmuslimkonferenz war in den sechziger Jahren und sich bis zu seinem Tod 1974 nie von seiner faschistischen Ver­gan­genheit distanziert hat und noch 2002 von Arafat trotz allem als palästinensischer Held gefeiert wurde, das kommt in dem Buch [des Jounalisten Rene Wildangel] nicht vor.

Nicht der kritische Verweis auf eine eindeutig problematische historische Gestalt wie Hadj Amin al-Husseini, sondern die Aneinanderreihung einer bestimmten Sorte von Argumenten ist es, die mich an Rössels Ausführungen stört. Das alles riecht ein bißchen stark nach "Die Araber sind alle Nazis". Dass das der Jungle World gut in den Kram passt, dürfte klar sein. Schuldabwehr, ick hör' dir trapsen.
Laut Neues Deutschland (sic!) ist die Ausstellung

noch bis Ende des Monats in den Uferhallen in Berlin-Wedding sowie in Kopie in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen zu sehen.

Kolonialismus und Faschismus bzw. die Rolle der Kolonisierten in der Zeit des Nationalsozialismus bzw. die "Verbindung" (ich weiss, ich weiss...) der Themenkomplexe Verbrechen des Kolonialismus einerseits und der Shoa andererseits - alles das sind Themen, die hierzulande noch kaum ausreichend und noch weniger angemessen behandelt worden sind - und das liegt u.a. an diversen ideologischen Überbauten (Antiimperialismus und Antiantisemitismus als neue romantische Polit-Bewegungen; deutsche Schuld und ihre Abwehr - unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Rassismus bzw. Antisemitismus), und den damit verbundenen Befindlichkeiten, die eine Auseinandersetzung, die von intellektueller und historischer "Redlichkeit" (Karl Rössel) geprägt ist, verhindern.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 06.09.2009 um 18:53
Hochinteressant! Bisher wußte ich nicht einmal worum es in diesem Berliner Kolonialismusstreit geht. Ihre Positionen erscheinen mir sehr plausibel nachvollziehbar!
Michael1 schrieb am 20.09.2009 um 14:14
Die deutsche Erinnerungslandschaft bezüglich der NS Zeit weisst blinde Flecken auf wenn es um die Situation besonders von Afrodeutschen, Kolonialmigranten, Sinti und Roma geht. Eine Gedenkausstellung an jene, sowie die people of colour die Deutschland vom Nationalsozialismus befreiten ist schon lange überfällig. Wie kann es sein dass stattdessen eine Verkaufschau für ein Schulbuch an den Wänden hängt die unangenehm an die rassistischen Völkerschauen und Kolonialfilme erinnert die im 3. Reich produziert wurden wo der Hauptprotagonist Karl Rössel sich als Lichtgestalt inszeniert im Kampf gegen Adolf Hitler? In dem offensichtlich rassistischen Konzept von Karl Rössel versammeln sich die guten "Eingeborenen" aus Subsahara-Afrika und hinter Adolf Hitler die bösen "Eingeborenen" aus dem Nahen Osten.
...und die gesamte weisse Deutsche Presse steht hinter Rössel von Jungle World, BZ, Welt, FAZ ...
MondoPrinte
Israel-Palästina und "unsere" Befindlichkeiten
Mitglied seit:
2 Jahre 38 Wochen
Zuletzt aktiv:
19.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 18
Kommentare: 46
Mein Web:
Logbuch
20:07
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:07
freedom of speech? hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:06
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:06
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:04
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG