16
]
Was bewegt Blogger dazu, eine solche Überschrift zu setzen: „Israel hat Jawaher Abu Rahmah vergast“?
In Anbetracht allein dieser Überschrift schwillt mir da so manch andere Frage im Gebeiß: Ganz Israel? Oder nur das Israel hinter der Grünen Linie? Welches Israel ist gemeint? Das Gottesvolk? Oder eine Person namens Israel? Oder Eretz Israel? Oder Medinat Israel?
Im dazugehörigen Text werden die Fragen dann erschöpfend (im Sinne von *gähn*) beantwortet: Es geht um „Kräfte des zionistischen Schurkenstaates“ aka Staat Israel. Blättert man ein wenig im Blog „Mein Parteibuch“ herum, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Es geht um ganz intime Dinge, um Identitätsfragen, um Herzens- und Glaubensangelegenheiten. Dem Betreiber des Blogs und allen, die dort posten, scheint es ganz besonders wichtig zu sein, den Staat Israel als Schurkenstaat darzustellen. Dabei geht es nicht um Erkenntnisgewinn, sondern um das Ausleben eines Vorurteils. Und so sucht man sich, so will es mir scheinen, förmlich Anlässe, um Israel die Bezeichnungen „Schurkenstaat“ und „Unrechtsregime“ anzuhängen. Nachrichten über Akte der Gewalt und Unterdrückung, verübt an Palästinensern, werden zu freudigen Anlässen. Endlich darf sie wieder angeworfen werden, die ach so kritische und ach so wahrheitsgemäße anti-israelische Nebelmaschine.
Auf der rechten (*kicher*) Banner-Seite der Website heisst es „Boycott Apartheid Israel“. Nach Durchsicht des Blogs will mir scheinen: Warum nur „Apartheid Israel“? Warum von Israel nicht samt und sonders die Finger lassen? Die Bewohner Israels wird es nicht stören, wender die jüdischen, noch die nicht-jüdischen. Falls Letztere, nennen wir sie: Palästinenser, nicht „vergast“ werden. So wie Jawaher Abu Rahmah. „Vergast“ von israelischen Nazis. Muss ich noch mehr sagen? Es spricht Bände, dass dieser Artikel zur Stunde die Pole Position bei Google Deutschland (Suchwort: Jahawer Abu Rahmah) besetzt.
Dass Israel genauso schlimm ist wie Nazi-Deutschland, diesen Eindruck zu erwecken – darum scheint es dem Autor des Artikels außerdem zu gehen. Die Palästinenser als Opfer der Opfer. Die Opfer der Deutschen sind die Täter. Blaming the Victims. Es sind solche Assoziationen, die befördert werden sollen – allein durch den Gebrauch der Vokabel „vergast“. Warum es nicht gereicht hätte, statt dessen Wörter wie „getötet“, vielleicht sogar „ermordet“, zu benutzen, ist offensichtlich. In einem Leser-Kommentar für die Linke Zeitung – dort wurde der Parteibuch-Artikel, mit geringfügigen Änderungen versehen, übernommen – fasst „Francis“ die zweifellos antizipierte, wenn nicht erhoffte, Leserreaktion in Worte:
Was für eine Ironie! Juden VERGASEN Menschen die etwas gegen ihr (Apartheid-)Regime haben!
Dreckige faschistoide Zionsten!
Und dann kommen hier in Deutschland so hirnlose „Antideutsche“ auf die Idee sich mit den Zionsten zu solidarisieren, die sind wahrscheinlich der Meinung die „armen“ Juden dürften jetzt auch mal Völkermord und Terror machen!
Und so wird Jahawer Ahu Rahmah mit einem Mal zu „unsere[r] mutigen[n] Genossin“ – man beachte dabei „unsere“. Interessant auch, dass der eigentliche Autor ebendieses Beitrags offenbar die Website der deutschsprachigen Freunde der PFLP betreibt. Schlechtere Werbung für linke, säkularistische Palästinasolidarität kann man einfach nicht machen.
Neulich beklagte Ghassan, dass die Palästinasolidarität hierzulande trotz der von Israel in hellem Tageslicht begangenen Verbrechen denkbar kleine Brötchen büke. Nach der Lektüre von Parteibuch, Linke Zeitung und Freunde der PFLP mag ich dies nicht allzu sehr bedauern.
|
|
Im Prinzip würde ich Deiner Kritik zustimmen, wenn mich nicht ein Punkt stören würde: Sie kommt als Kritik an Entgleisungen (?) von Linken (?) daher.
Oh, Mann, wer läuft nicht alles herum und schreit 'wir Linken'?! Grüne, Sozialdemokraten, Piraten, Nationalliberale (gibt's hier in der FC ein, zwei prächtige Exemplare), Antideutsche, Staatsfeinde und Staatsfreunde, Verfassungschützer und Verfassungsfeinde, Gebrüder-Strasser-Fans, Esoteriker, Hippies, Punks, Redskins, aufmuckende Anwaltskinder, fruchtessende Frauen, selbstgefühlt hippe Yuppiemänner, Börsenzocker mit iPhone, welche, die was mit Medien machen, gläubige Ungläubige, selbstgewisse Gläubige, jede Menge Neurotiker, Maulhelden und Schläger... - sehr buntes Völkchen. (So lange, wie die sich nicht nur selbst als Linke bezeichnen, sondern auch von Linken als Linke kritisiert werden, kann man kein Linker sein wollen.) Es gibt diesen ekligen pi-Philosemitismus und es gibt den widerlichen Idioten-Antisemitismus, von dem Du hier ein Beispiel gibst. Mehr muss dazu im Prinzip nicht gesagt werden. Interessanter wäre eine Beschäftigung mit denen, die sich das doofe Herumtaumeln der Typen mit dem Schaum vorm Mund zu Nutze machen. Philo- oder Antisemitismus, die haben da keine Vorlieben, die nehmen, was gerade passt. |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 12:44
@goedzak
"es gibt den widerlichen Idioten-Antisemitismus," Und von wem wird dieser vertreten? Von (einzelnen) Idioten, ok. Aber mit der generell unter Linken verbreiteten Haltung zu Israel und den Palästinensern hat das natürlich nichts zu tun? Merke: Die Frage, ob Antisemitismus unter Linken existiert, ist tabu. Und daher auch die Frage nach den Gründen dafür. Interessant finde ich auch, wer als von goedzak und seinen F.C.-Genossen zertifizierte Linke eigentlich übrig bleibt: ein geringer Teil der Linkspartei-Anhänger vermutlich, plus die der noch vorhandenen linken Splitterparteien. Summa summarum wohl so ca. 1-2 % der Bevölkerung. Und solange die F.C. von den restlichen 98-99 % nicht gesäubert ist, mag auch goedzak sich nicht Linker nennen. |
|
|
Für mich ist Scheiße Scheiße - und das Aufwiegen von Pest mit PCholera (Antisemitismus "gegen" PI-Israel-Liebe) führt nicht wirklich weiter.
|
|
|
@ derDonnerstag
Du scheinst dich ja gut auszukennen "generell unter Linken"... |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 16:36
@MondoPrinte
Wer wiegt denn hier auf? Was den unter Linken verbreiteten Antisemitismus und den Opferkult der Palästinenser betrifft, muss man nicht lange suchen, hier in der F.C. z.B. Aber die meisten sind dafür natürlich blind. Wer selbst antisemitisch eingestellt ist, erkennt eben keinen Antisemitismus. |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 16:50
PS.
Kleine Präzisierung: Keine Ahnung, ob Antisemitismus unter Linken stärker verbreitet ist als in der Gesamtgesellschaft. Nur die meist recht einseitige Haltung pro Palästinenser und anti Israel scheint mir doch sehr typisch für gewisse linke Kreise zu sein. Dein Beispiel hier ist eben kein "Einzelfall", sondern nur die konsequente Fortführung dieses Denkens bzw. Nicht-Denkens. Genau so wie die Antifa-Deppen, die in Hamburg die Vorführung eines Filmes von Claude Lanzmann verhinderten und dazu antisemitische Parolen brüllten. Oder Linke-Funktionäre, die gemeinsam mit Hamas-Mitgliedern demonstrieren etc. |
|
|
@derDonnerstag
"Wer selbst antisemitisch eingestellt ist, erkennt eben keinen Antisemitismus." Wer pro-zionistisch eingestellt ist, offenbar auch nicht. |
|
|
Na, "gewisse linke Kreise" - das klingt ja schon anders.
Über die Causa Lanzmann lass uns hier aber bitte nicht streiten. Und versuche bitte auch nicht, mein Posting zu instrumentalisieren. Dein hier offenbar werdendes Antisemitismus-Verständnis kann ich jedenfalls nicht teilen. |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 18:02
@zephyr
"Wer pro-zionistisch eingestellt ist, offenbar auch nicht." Das ist so nicht ganz richtig. Wer so pro- zionistisch ist wie dD, der erkennt und sieht in allem Antisemitismus. Er hat die Lektion der Hasbara gelernt, jegliche Kritik sofort als Antisemitismus zu entlarven. |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 18:04
Kannst Du hellsehen? Oder inwiefern wird hier mein Antisemitismus-Verständnis offenbar?
Ich finde eine kritische Haltung Israel gegenüber o.k. Nur wenn diese aufgrund einer Ideologie eingenommen wird, die umgekehrt keinerlei Kritik an Hamas und Hisbollah zulässt, dann es ist es zum Antisemitismus nicht mehr weit. Bzw. dann steckt sehr wahrscheinlich Antisemitismus dahinter. Wenn nämlich, wie Du schreibst, "es ganz besonders wichtig" ist, "den Staat Israel als Schurkenstaat darzustellen" und suggeriert werden soll, dass "Israel genauso schlimm ist wie Nazi-Deutschland". Das hatten wir hier alles schon zig mal. Ich spare mir die Links. Z.B. der Vergleich des vorgeschlagenen Profilings von Fluggästen mit der Selektion an der "Rampe", die Bezeichnung des israelischen Angriffs auf den Gaza-Streifen 2008 als "Massaker", die Verweigerung jeglicher sachlicher Auseinandersetzung über die Hamas, die Darstellung Israels als größte Gefahr für den Frieden in der Region, etc. Wenn das für Dich alles nichts mit Antisemitismus zu tun hat, bitteschön. Ich frage mich nur, was Du dann mit Deinem Blog ausdrücken wolltest. |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 18:14
@dD
Wen sprechen Sie hier an? |
|
|
schrieb am
05.01.2011 um 18:22
MondoPrinte. Hatte sich mit Ihrem Post überschnitten.
|
|
|
@ dD Ich merke gerade, wie wir über das in meinem Posting besprochene Problem hinwegkommen sollen - auf Dein Betreiben hin.
|
|
|
@MP
Dein Geraune muss ich jetzt nicht verstehen, oder? Ich finde, wer etwas zu sagen hat, der kann und sollte das laut und deutlich tun. Mein Vorschlag wäre: Mal drüber nachdenken, warum unter all den unterdrückten Völkern dieser Erde ausgerechnet die Palästinenser sich besonders großer Solidarität unter den Linksradikalen in Deutschland erfreuen. Dann würde ich mich fragen, ob es wirklich für um den Kampf für die Palästinenser geht oder ob nicht der Kampf gegen Israel im Vordergrund steht - die Palästinenser also nur als austauschbare Statisten dienen. Hat man diese Fragen erst mal unvoreingenommen betrachtet und für sich beantwortet, dann wundert es einen auch nicht mehr, wie bestimmte Leute so blöd sein können, von "säkularistischer Palästinasolidarität" zu faseln, wenn sie doch eigentlich Islamisten unterstützen, die Israel vernichten wollen. |
|
|
@der Donnerstag
" - die Palästinenser also nur als austauschbare Statisten dienen." Ich wüsste nicht, gegen wen man die Palästinenser "austauschen" könnte. Es hat noch nie ein Israel ohne Palästinenser gegeben. |
|
|
schrieb am
06.01.2011 um 15:51
Die Palästinenser lassen sich schwer austauschen, stimmt. Notfalls kann man sich aber z.B. auch mit dem iranischen Regime solidarisieren, dass man - in Umkehrung der Tatsachen - als von Israel bedroht darstellt.
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen