Seitdem der Mensch Äther kennt, nutzt und diskutiert, ist er auch süchtig danach. Äther – eine vielseitige und ätherische Droge, die bisher nicht als solche anerkannt wird.
Äther, oder definitiv nicht kurz H5C2–O–C2H5, ein Alkoxyalkan, welches in vergangenen Zeiten als Betäubungsmittel benutzt wurde, ist der Stoff, nach dem Dr. Wilbur Larch in Irvings Meisterwerk „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ hochgradig süchtig ist. Während der Prohibition diente Äther als Alkoholersatz. Es wirkt wie Alkohol, inklusive einer aufkommenden Erregungsphase – bis dann die Betäubung eintritt.
Heutzutage kennen wir Äther zumeist nur aus dem Chemieunterricht und gelegentlich auch vom Arbeitsplatz, wenn dort ein tüchtiges Lösungsmittel gebraucht wird. Für die Anästhesie wird es nicht mehr verwendet und Alkohol ist mittlerweile jederzeit und kostengünstig verfügbar. Doch mit dem Wandel der Zeit war es mit der Äthersucht ganz und gar nicht vorbei.
Äther bezeichnete zunächst auch ein Konstrukt der Physik, welches die Ausbreitung von Licht erklären sollte. Bis dann die Relativitätstheoretiker und andere Wirklichkeitskonstrukteure auf den Plan traten. Es gab ein ziemliches Gezerre um die Rolle des Äthers in unserem Kosmos und eigentlich ist es auch völlig egal, wer da was behauptet hat. Äther als Konstrukt der Physik verlor ziemlich an Bedeutung, nachdem die moderne Physik schlussendlich doch einige himmlisch anmutende Rätsel löste.
Was blieb, war nur der Zusammenhang mit der Sucht. Dies hat der Äther ursprünglich der Nachrichtentechnik zu verdanken. Auch wenn wir telefonieren, schicken wir unsere Wörter durch den Äther. Um die Sucht ohne Ende Wörter durch den Äther zu jagen hinreichend zu befriedigen, wurden Mobiltelefone erfunden. Wer heutzutage mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, kommt sich oft vor, wie in einem Callcenter. Bei dem, was man so alles unfreiwillig zu hören bekommt, wird schnell klar, dass viele dieser Telefonate eigentlich überflüssig wären – wäre da nicht diese Sucht.
Wer nicht gerne telefoniert kann der Äthersucht auf eine andere Weise nachgehen, indem er über das Ethernet ins Internet geht. Technische Störungen, welche das Ethernet nicht nutzbar machen, führen bei vielen Menschen zu den gleichen Ängsten und Symptomen wie bei Drogenabhängigen. Im Mittelpunkt steht stets die Frage, wie der Tag ohne das Suchtmittel denn bloß erquicklich gestaltet werden soll. Doch während es Beratungsstellen für die meisten gängigen Süchte gibt, suchen wir trotz dem mehr als augenscheinlichen Bedarf vergeblich nach Beratungsstellen für Äthersüchtige.
Demnächst mehr zu Suchtthemen, wie Streitsucht, Eifersucht, Schwindsucht, Zusammengesucht, Bleichsucht und natürlich Gelbsucht, wofür es ebenfalls keine Beratungsstellen gibt.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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