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Zu Guttenberg bewegt die Gemüter, und meines auch. Meine Empörung über die Unehrlichkeit, über akademisches Fehlverhalten, über die unglaubliche Überheblichkeit, mit allem durchkommen zu können. Einfach indiskutabel. Meine klammheimliche Freude über die neuen gemeinschaftlichen Möglichkeiten der Überprüfung und ihre öffentliche Wirksamkeit im Internet, über veränderte Formen der Artikulation von Unmut, die die BILD nicht einfach wegwischen kann. Aber auch Unbehagen über Zungenschläge in der Debatte, in der auf der einen Seite eine unterschwellige Form von Akademikerfeindlichkeit oder latentem Antiintellektualismus seine heftigen Blüten treibt, und in der auf der anderen Seite das Bildungsbürgertum seine Privilegien vehement verteidigt. So oder so: widerlich.
Aber eigentlich ist der ganze Vorgang auch nichts Neues unter der Sonne. Es kam nur gerade mal so zum Vorschein im frühlingsvorbotlichem Lichte. Wie war das? "Es gibt wichtigere Dinge", sehe ich auch so. Zum Beispiel die erneute Hartz 4-Reform, die - obwohl herbeigesehnt - nicht wirklich im Zentrum der Nachrichten stand in der vergangenen Woche. Allen ist irgendwie klar, dass die rechtliche Seite und der eigentliche Auftrag, der erfüllt werden sollte, nicht einmal spärlich unterfüttert worden ist. Moralisch und politisch finde ich Impulse unterstützungswert, die den Aspekt von "Würde" in die Diskussion bringen oder versuchen, ein irgendwie geartetes Grundeinkommen auf die Agenda zu bringen. Allein der Funke will (noch) nicht so recht überspringen. Kommt irgendwie nicht so richtig an. Erneute Propaganda gegen die "Schmarotzer" hat es allerdings auch nicht gegeben. Aber vielleicht waren auch alle zu sehr mit zu Guttenberg beschäftigt oder es geht eben doch nur um "Peanuts" beim aktuellen Reförmchen oder - noch wahrscheinlicher - es läuft sowieso alles gerade im besten Sinne (ändert sich ja nicht wirklich grundlegend etwas).
In beiden Debatten scheint ein eher unmerklicher Konflikt zu schlummern, in dem es nicht nur um einen Doktortitel bzw. Rücktritt geht oder um 5 bis 8 Euro mehr. Sondern es geht vielmehr um die Spaltung von Gesellschaft, um Schließungsprozesse (wer darf sich was erlauben und wer macht nicht mehr mit), und um Transparenz.
Ansonsten (was mich sonst noch so bewegt). Da fällt mir zum Thema Transparenz ein: Sollte jetzt doch langsam der Frühling kommen, wäre es an der Zeit, mal meine Fenster zu putzen. Vielleicht auch für den richtigen Durchblick.
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»Es gibt wichtigere Dinge", sehe ich auch so. Zum Beispiel die erneute Hartz 4-Reform, die - obwohl herbeigesehnt - nicht wirklich im Zentrum der Nachrichten stand in der vergangenen Woche.«
Richtig, die erneute Hartz-IV-*** ist massiv in den Hintergrund getreten. »Erneute Propaganda gegen die "Schmarotzer" hat es allerdings auch nicht gegeben.« Das Interessante dabei ist, dass heutzutage sogar Neonazis/Neofaschisten/Rechtsextreme das Wort "Schmarotzer" nicht mehr uneingeschränkt in den Mund nehmen (also wenn es um Deutsche geht), denn auch unter denen werden immer mehr arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger. »Sondern es geht vielmehr um die Spaltung von Gesellschaft, um Schließungsprozesse (wer darf sich was erlauben und wer macht nicht mehr mit), und um Transparenz.« Unsere Gesellschaft ist schon mehrfach gespalten. Meine Einschätzung ist, dass sie leider nicht mehr zusammenzukitten ist. Der neoliberal-neokonservative Block hat die auf dem Papier des Grundgesetzes demokratische und soziale BRD in den vergangenen rund 30 Jahren praktisch zerschlagen. Die bitterste Erkenntis ist mir, wie stark und umfangreich das sozialdarwinistische Gedankengut wieder in der Allgemeinheit verankert ist. |
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Nun, das ist eine interessante Frage:
Ist der Sozialdarwinismus wieder im allgemeinen Gedankengut als dominantes Prinzip verankert worden? Oder hat sich als neues Paradigma die "Verbetriebswirtschaftlichung" nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Individuen festgesetzt (jeder ist sein eigener Unternehmer")? Oder treibt die allgemeine Angst als Reaktion auf vielfältige gesellschaftliche Veränderungen solche Ausschläge von Abschottung und Ausgrenzung voran? Oder von allem ein bißchen? |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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