Deichkind im Müll, oder eher Deichkind AUF Müll und das Publikum im selben. Denn in der komisch-kritisch-analytischen Popkultur Operette auf Kampnagel hat die schwer zu schubladisierende Hip-Hop-Elektro Combo Deichkind über dem meist jugendlichen Publikum auf den Stehplätzen eine riesige Kralle voll mit Müllsäcken platziert. Und die erfüllt alle Erwartungen, die man an riesige Metallkrallen haben kann: sie senkt und öffnet sich im Laufe des Abends über den freudig erwartungsvollen Besuchern. Damit hatte es sich aber auch mit der Erwartungserfüllung, denn während das Stehplatzpublikum wie auf Knopfdruck bei jedem Deichkind Song anfängt zu hüpfen und zu tanzen, nur um dann während der popkulturellen Diskurse leicht verunsichert da zu stehen, weiß das Theaterpublikum auf den oberen Rängen gar nicht mehr, was es von dem halten sollte, das Deichkind plus diverse Schauspieler plus popironische Ikone Ted Gaier da auf ihrer Müllbühne zwischen Elektrosounds und Trampolinen abliefern.
Wer verarscht hier eigentlich wen?
Kann eine Band den eigenen Starkult ironisch gebrochen aufs Korn nehmen, ohne dabei die eigene Fanbasis bloß zu stellen? Nimmt hier eigentlich niemand mehr irgendwas ernst? War nicht Pop mal die ernsthafteste Sache der Welt? Der Bruch der Bandgeschichte und mit ihm die Ernsthaftigkeit des Lebens kam für Deichkind vor einem Jahr, als Produzent Sebi Hackert mit nur 32 Jahren starb. Die darauf folgende Selbstfindungsphase, die Trauerverarbeitung karikiert die Band ebenfalls im Theaterstück mit einer "Bandaufstellung" nach dem psychologischen Muster der Familienaufstellung. Aber muss das auf der Bühne sein, fragt man sich da? Beziehungsweise: "Was soll der Scheiß denn jetzt?" wenn man zu der erwartungsfrohen Partymeute im bunten Müll gehört, die laut Fanumfrage der Band zum Großteil auch glaubt, dass der Song "Arbeit nervt" sich gegen Hartz IV Empfänger richtet. Das ist mindestens so irritierend, wie die popkulturellen Diskurse, die Ferris vom hohen Ross, in diesem Fall einem Tennisschiedsrichterstuhl, herab vorträgt wie mühsam auswendig gelernt. Dessen Flow war auch schon mal besser. Die Versuche des Feuilletons, die Band zu katalogisieren werden hier aufs Korn genommen. Deichkind dagegen will uns mitteilen: Alles kann bedeutsam sein - muss aber nicht. Die Band spielt mit allen möglichen und unmöglichen kulturellen Vergleichen, baut linke Parolen um zu Saufliedern. Aber ist das noch kritisch, wenn die Fans dann zu den Saufliedern saufen? Und muss es überhaupt kritisch sein?
Im Gleichschritt Pogostick
Die Band philosophiert über Sinn und Unsinn von Starkult und Lenkbarkeit der Masse (und ein bisschen Gentrifizierung, weil das in Hamburg gerade dazu gehört) und das Publikum spielt mit und verehrt diffus und gehorcht blind. Vielleicht würde sich die Band ja tatsächlich wünschen, dass niemand in die eigens eingerichtete Bierduschenzelle geht. Dass die Jugendlichen sagen, "Nö, läuft nicht, sagt mir erstmal warum." Das bleibt aber aus und so bleibt der Diskurs auf der Einbahnstraße und nur das ungläubige Staunen und der frühe Abgang der Kampnagel Abonnementbesucher können beweisen, dass es hier gerade wirklich crazy abgeht.
Und dann der Einbruch in das klassische Theater, provokativ wie sonst nur was. Es sei denn, man war in den letzten zehn Jahren mal im Theater, das längst nicht mehr nur aus weltfremder Hochkultur besteht. Die Bühnenshow ist dagegen schon imposant, die dadaistische Inszenierung spürbar Deichkinds Metier. Auf dem Pogostick durch den Kunstnebel führt der Diskurs… ja wohin eigentlich? Das bleibt bis zum Ende unklar. Deichkind ist als Phänomen einfach unfassbar könnte man sagen, sogar für die Band selbst. Oder, schöner und einfacher formuliert auf die Frage von einem Fan zum anderen:
"Ey wasn, das hier eigentlich?"
"Das is Kultur, Digger!"
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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