Moritz Piehler

Crossroads

19.03.2010 | 12:57

Fantastische Schreibe!

In der NEON gehts um: was hip ist, wer hip ist, warum wer hip ist, was wir, die "junge Generation" eigentlich wollen und wer wir sind. Abgekürzt gehts um Glaube, Liebe, Hoffnung in Röhrenjeans.Wahrheit ist in diesen Bereichen ja eher subjektiv.

Jetzt wurde der strahlende Mini-Stern etwas angekratzt, als öffentlich wurde, dass Autor Ingo Mocek, nun ja, eher kreativ in der Transkription von Starinterviews unterwegs war. Mocek musste gehen, die Redaktion eine zerknirschte Meldung herausgeben, in der sie sich bei Lesern und Künstlern entschuldigte. Ich bin mir sicher, dass Slash über diese Geste sehr gerührt war.

Wahrheit oder Pflicht

Die Frage stellt sich jedoch, wieviel Fantasie ist heute im Journalismus noch gefragt? War es nicht längst Zeit für einen neuen Tom Kummer? Und ist Mocek wenigstens an die hervorragenden Platitüden von Kummer heran gekommen, die von "echten" Prominterviews kaum zu unterscheiden waren und oft eher interessanter? Auch als, nennen wir es mal "creative journalist 2.0" sollte man sich Vorbilder suchen. Interessanterweise drängt sich der Verdacht auf, dass irgendeine NEON Redakteurin neulich ebenso wie ich nachts nicht schlafen konnte (auch Galaos sind nicht koffeinfrei, meine Lieben) und beim Zappen auf den Film "Shattered Glass" stieß, auf deutsch so knackig wie treffend betitelt: Lüge und Wahrheit.  Nun sieht Ingo Mocek nicht direkt wie Hayden Christensen aus, aber doch smart genug, um mit der ein oder anderen Wahrheitsveränderung durch zu kommen. Nun weiß man ja nicht, ob die betreffenden Stars einfach so unfassbar langweilge Interviews gegeben haben, dass man als Unterhaltungsdienstleister gar nicht anders konnte, als modifizierend tätig zu werden.

Werd erwachsen, NEON!

Es ist nur so: Wenn man sich schon Interviews ausdenkt, dann doch bitte nicht mit Jay-Z und Beyonce. Dann sollte man wenigstens die Chuzpe haben, wirklich interessante Personen zu wählen oder, besser noch, sich wirkich interessante Geschichten für langweilige Personen auszudenken. Das wäre dann schon Hegemannesk auf dem schmalen Grad zwischen Fälschung und Kunst. Papst Benedikt erzählt davon, wie er als Jugendlicher eigentlich Roadie bei den Stones werden wollte (nagut, zugegeben, so alt sind die nun auch wieder nicht). Oder Frau Merkels Mann (na, wie heißt er noch mal??) erzählt die schönsten Erlebnisse vom Gattinnen Treff mit Carla Bruni/ Michelle Obama oder Cherie Blair. Der Dalai Lama spielt leidenschaftlich Ego-Shooter und lebt trotzdem gewaltfrei. Sowas hätte man doch gerne gelesen und dann wäre es auch gar nicht mehr sooo wichtig gewesen, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist.

Wenn man jetzt auf neon.de nach Ingo Mocek sucht erscheint da die dreiste Lüge: "Diesen User gibt es leider nicht auf NEON.de." Manchmal funktioniert das ja mit dem Augen zudrücken und ganz fest wünschen und es ist wahrscheinlich, dass man sich zwecks Erhaltung der Street Credibility bei NEON stark wünscht, es hätte diesen User nie gegeben. Darauf kann man nur antworten: Werd erwachsen, NEON!

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 19.03.2010 um 14:46
Ich habe Neon nie gelesen, denke aber durch Bahnhofsbuchhandlungsblätterei, daß auch erwachsen nur ein Stern dabei rauskommen kann.
Ansonsten: Fälschungen sollten schon besser sein als das Original.
Friedland schrieb am 04.04.2010 um 09:25
Erfundene Interviews haben einen großen Nachteil: Sie sind langweilig, wenn man weiß, dass sie erfunden sind. Nur das Reale ist spannend und bewegend. Sich Geschichten ausdenken können selbst Kinder, und nur die sollten dies auch tun.

Journalisten, die Interviews erfinden, sind das Gammelfleisch der Lesemittel-Industrie...
Moritz Piehler
Moritz ist freier Journalist und Fotograf aus Hamburg. Studiert hat er mal Amerikanistik, Lateinamerikastudien und Sport, Grund genug, sich in diesen Themen weiter zu bewegen.
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