Man könnte es als eine weitere Bankrotterklärung der Berliner Kulturpolitik deuten, aber auch als Chance für eine Weiterentwicklung. Das C/O Berlin, Ausstellungsort, Atelierraum und Kreativzentrale in Berlin Mitte erhält nach aktuellem Kenntnisstand keinen weiteren Mietvertrag, das mittlerweile international renommierte Fotomuseum muss sich wohl ab dem 1.April 2011 eine neue Bleibe suchen.
Den Gesichtern der drei Gründer des C/O war die große Enttäuschung über den bevorstehenden Umzug deutlich anzusehen, als sie am Freitag zur Pressekonferenz in die Räume des alten Postfuhramts an der Oranienburgerstraße geladen hatten. Ausgerechnet kurz vor dem 10. Geburtstag des Projektes C/O, das ursprünglich als fixe Idee des Gründungstrios bestehend aus Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott entstanden war, ist die Zukunft des Fotografieausstellungsortes völlig ungewiss. Nach fast fünf Jahren in dem denkmalgeschützten Gebäude, in dem auf 1800 qm Fotos von renommierten Künstlern wie auch immer wieder von Nachwuchsfotografen präsentiert werden, müssen sich die drei befreundeten Köpfe des Projektes, das mittlerweile 40 feste Mitarbeiter hat nach einem neuen Ort umsehen. Der soll nicht nur groß, zentral und charmant sein, sondern am besten auch noch als Eigentum zu erwerben. "Wir wollen nicht länger Spielball der Investoren sein", sagt Ingo Pott, der als Architekt maßgeblich an der Gestaltung des Gebäudes beteiligt war. Doch die Vorstellungen hören sich selbst im an Leerstand nicht armen Berlin utopisch an.
"Geliebter Oldtimer"
Doch das Postfuhramt, so schön das Gebäude auch ist, hatte durchaus auch Macken. Keine Klimaanlage, veraltete Bausubstanz und fehlende Besucherbereiche sorgten gerade bei den Erfolgsausstellungen auch für Kritik der Besucher. Möglicherweise könnte ein neuer Raum diese Missstände beenden. Das Herz der Gründer hängt allerdings am Postfuhramt. Pott beschreibt das Verhältnis so: "Für uns ist das Gebäude wie ein geliebter Oldtimer: wunderschön, aber pflegeintensiv und teuer im Betrieb."
Noch besteht für die drei die Hoffnung, in weiteren Verhandlungen mit den neuen Eigentümern, einer Investorengruppe aus Israel, möglicherweise einen neuen Vertrag auszuhandeln. Doch die Erwartungen sind eher gedämpft. "Wir hatten hier vorher eine Art WG-Situation, die sehr stark auf der Unterstützung der alten Eigner aufbaute. Das wird es so nicht mehr geben." Stephan Erfurt sieht sogar das "Lebenswerk C/O" in Gefahr, wenn wirklich ein Auszug im nächsten Frühjahr erfolgen muss. "Wir haben für das nächste Jahr schon große Austellungen konzipiert, zum Teil vorfinanziert, Robert Mapplethorpe, Arnold Newman und Fritz Eschen zum Beispiel. Die sind jetzt akut gefährdet." Einem möglichen Umzug weg aus dem Zentrum als Ausweg steht man dennoch skeptisch gegenüber. Man möchte auf die Touristenströme und Zufallsbesucher nicht verzichten, die letztlich das C/O finanzieren.
Tatsächlich hat es das C/O als privates Projekt innerhalb von acht Jahren geschafft, komplett auf eigenen Beinen zu stehen. Seit 2008 schreibt man schwarze Zahlen. Nur für drei Ausstellungen gab es bisher öffentliche Förderung, auch wenn die Politik gerne mit "schönen Worten" unterstützt, so Erfurt. Spätestens mit der Annie Leibovitz Ausstellung im vergangenen Jahr erarbeitete sich das C/O einen Ruf als internationales Fotomuseum. Das so oft geforderte Prinzip der Eigeninitiative und Bürgerbeteiligung, das beim C/O besipielhaft funktioniert hat, ist nun doch zumindest bei der Standortsuche auf die Kulturpolitik angewiesen. Es wird sich zeigen, wieviel öffentliche Unterstützung sich für ein modernes Museumskonzept in der Berliner Bevölkerung und Politik zusammenfinden wird.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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