Moritz Piehler

Crossroads

09.07.2010 | 11:50

Last Exit: Cleveland

Es soll ja auch noch andere Sportarten geben, als Fußball. Zugegeben, in den meisten pausiert man sommertechnisch und um der Konkurrenz aus dem Weg zu gehen momentan, aber das heißt ja nicht, dass nichts passiert. In der NBA war dieser Sommer heiß diskutiert, heiß erwartet und hat sich gesteigert bis zum Siedepunkt: Talk of the day ist der Wechsel von Megasuperüberstar LeBron James von den Cleveland Cavaliers  zu den Miami Heat. Mit seinem Wechsel stirbt die Hoffnung einer ganzen Stadt.

LeBron James ist so etwas wie der Michael Jordan, Magic Johnson und Kobe Bryant der Liga in einem. Sensationelle Athletik in einem Körper, der eigentlich unmöglich ist, gepaart mit einem Spielverständnis und einer Mannschaftsdienlichkeit, die sich Jordan und Bryant erst über Jahre voller Niederlagen erarbeiten mussten. James ist 2,03 bewegt sich aber wie ein Aufbauspieler. Punkte, Rebounds, Assists, James sammelt Statistiken, wie andere Blaubeeren. Nicht umsonst wird der eher stille Guard "King James" genannt. Aber in seinem König bislang fehlt ist die Krone. Individuell hat er sie längst, schon zwei Mal wurde er zum MVP, dem wertvollsten Spieler der Liga gewählt. Aber den NBA Titel, wenig bescheiden World Championship genannt, hat King James noch nie gewinnen können.

Untergang einer Industriestadt

Ortswechsel: Cleveland mitten im Rustbelt gelegen, Heimat des Rock'n'Roll und der nahezu legendär chancenlosen Footballer der Cleveland Browns. Die Stadt liegt brach, innerhalb von wenigen Jahren hat die Wirtschaftskrise aus der hauptsächlich auf Automobilindustrie beruhenden Industriemetropole einen Gott verlassenen Ort gemacht. Beziehungsweise ist es eher umgekehrt: Gott und Rock'n'Roll ist das einzige was den Leuten hier noch bleibt in der Wirtschaftskrise. Und die Hoffnung. Die Hoffnung auf bessere Zeiten und König James. Er war der Beweis, das alles besser werden kann. Sein Strahlen auf den Plakaten, sein Name auf den Graffitis der Stadt. Zwischen leerstehenden Geschäften und grasüberwachsenen Bürgersteigen keimte die Hoffnung in Postern und Cavaliers Flaggen. James kommt aus Akron, Ohio, keine 40 Meilen vor den Toren der Stadt. Er war einer von ihnen, bescheiden, freundlich, erfolgreich. Seine Auftritte vor den Spielen zelebrierte er, indem er Kreide unter das Dach der Decke schleuderte. "The chosen one" - der Auserwählte- war ein weiterer Spitzname für King James. Was für eine Verantwortung auf den Schultern eines jungen Mannes.

Superman has left the building

Vielleicht hätten sich die Menschen von Cleveland ihren Heldennamen besser aussuchen müssen, denn schon King James war nicht nur König von England, sondern am Ende seiner Karriere auch unter neuem Namen König von Irland. In Cleveland hatte man auf die Treue des Monarchen gehofft, darauf, dass mit LeBron irgendwie alles besser werden könnte, irgendwann. Noch im Herbst 2008 feierte man auf den Straßen, als Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Aber Cleveland blieb eine der ärmsten Städte des Landes. Dann folgten zwei Saisons, in denen das Team jeweils erster ihrer Division wurde und mit Titelambitionen in die Post-Season ging, nur um jeweils schon vor dem Finale zu scheitern. Es müssen diese Momente gewesen sein, in denen LeBron die Hoffnung verloren hat. In denen er nicht mehr daran geglaubt hat, einen Titel nach Cleveland zu holen. Gestern unterschrieb der 25-jährige bei den Miami Heat, die sich damit ein absolutes Starteam zusammen gekauft haben. Dwayne Wade, wendiger Aufbauspieler und Chris Bosh, athletischer Power Forward ergänzen die Mannschaft aus Floridas. Selbst wenn aufgrund des Salary Caps (der amerikanischen Regelung, dass alle Mannschaften nur einen begrenzten Etat zur Verfügung haben dürfen) nur noch zwei Busfahrer mit den drei Stars auflaufen, wäre alles andere als ein Titel im nächsten Jahr eine herbe Enttäuschung.

In Cleveland herrscht Verbitterung, Enttäuschung. Zunächst glaubten viele Fans nur an einen Internetscherz. Aber es ist die Wahrheit und tief im Herzen wussten sie es in Ohio: Superman has left the building. Selbst der Besitzer des Teams veröffentliche einen hasserfüllten Brief auf der Homepage, in dem vom "Verrat" des "ehemaligen Helden" die Rede ist.  Und jetzt bleibt ihnen nur die Erinnerung. An bessere Zeiten. An rollende Förderbänder und gefüllte Rock'n'Roll Clubs. Und an King James, der den Gegner blockt, quer übers Feld dribbelt, einen Gegenspieler nach dem anderen mit Leichtigkeit umkurvt und zwei Meter vor der Dreierlinie abstoppt um den Wurf mit der Schlusssirene zum Sieg zu Verwandeln. Schon zerstaubt der Traum vom besseren Leben in Cleveland, wie die Kreide unter der Hallendecke.  

 
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Kommentare
Tagedieb schrieb am 09.07.2010 um 23:54
Schön einmal etwas beim freitag über eine der "anderen sportarten" über basketball zu lesen.
auch wenn die behauptung "LeBron James ist so etwas wie der Michael Jordan, Magic Johnson und Kobe Bryant der Liga in einem" meiner Meinung nach dann doch kobe bryant nicht gerecht wird, geschweige denn magic johnson oder gar dem unerreichten Michael Jordan.
lebron und die inszenierung die er um sich herum aufbaut ist aber wirklich ein interessantes blogthema auch außerhalb des basketballschen kontextes.
wie auch die hier angesprochene sympiose von lebron und cleveland einer stadt in der nun des ersteren trikots brennen...
Moritz Piehler
Moritz ist freier Journalist und Fotograf aus Hamburg. Studiert hat er mal Amerikanistik, Lateinamerikastudien und Sport, Grund genug, sich in diesen Themen weiter zu bewegen.
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