Gentrification, oder das eingedeutschte Gentrifizierung ist ein Wort, dass es vor diesem Jahrtausend im öffentlichen Bewusstsein kaum gegeben hat. Dafür geistert es nun um so häufiger durch die Medien und ist nach Friedensbewegung, Umweltbewegung und Lichterketten gegen Rechts der derzeitige kleinste gemeinsame Nenner aller, die irgendwie das Gefühl haben, etwas könnte faul sein im Staate. Dabei ist es eigentlich ein Phänomen, dass existiert, seit es Städte gibt und dass bisher nur deshalb keine umfassende Medienreaktion hervor gerufen hat, weil es bislang zumeist marginalisierte Randgruppen betroffen hat, deren Zugang zu den Medien weitaus umständlicher funktioniert, als es nun bei der neuen Boheme der Fall ist.
Wer sich nicht mit aufwändigen Texten voller politikwissenschaftlicher Begriffe herum schlagen und trotzdem einen kleinen Überblick gewinnen will, wie Gentrifizierung in Großstädten funktioniert, dem sei Will Eisner ans Herz gelegt. Ja, genau der Comiczeichner Will Eisner, der sonst eher für seinen Superhelden „The Spirit“ bekannt ist. Der gilt nebenher nämlich als einer der Väter der Graphic Novel und seine Erstveröffentlichung von 1978 in diesem Bereich ist gerade neu ins Deutsche übersetzt worden. (Eisner, Will; Ein Vertrag mit Gott; Carlsen Verlag; 2010).
Die vier Geschichten, die der Band beinhaltet, erzählen die Geschichte der Dropsie Avenue in der South Bronx. Angefangen bei den holländischen Siedlern, über Engländer, jüdische Flüchtlinge, italienische und lateinamerikanische Migrant_innen durchstreifen die Geschichten das 20. Jahrhundert. Und ewig kommen die Miethaie, Ausbeuter, Animositäten zwischen den verschiedenen Ethnien dazwischen, wenn jemand versucht, das Viertel lebenswerter zu machen. Die Geschichten sind nicht immer frei von latent rassistisch anmutenden Charakterisierungen. Oft folgen sie einem eher klassischen Comic Modell von guten Helden und fiesen Bösewichten. Da sich die Rollen aber auf alle agierenden Figuren gleichermaßen verteilen, ist immerhin für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt. Das Buch gibt einen interessanten Einblick besonders in den Alltag New Yorker jüdischer Familien, mit dem sich Eisner bestens auskennt, der selbst 1917 in Brooklyn auf die Welt kam. Die Hoffnungen der Neuankömmlinge werden jedenfalls schnell durch Wirtschaftskrisen, Mietwucher oder politisches Kalkül zunichte gemacht. Mit schroffen Schraffierungen und charakteristischen Eisner Figuren kreiert der Zeicher ein recht trauriges Bild von Stadtteilentwicklung. Die Wellenbewegung von Aufstieg und Fall eines Viertels, die man gerade in Sankt Pauli oder Neukölln beobachten kann, ist also just a little bit of history repeating.
Was kann man aus dem Comicbuch für die heutige Situation lernen? Dass aller Zusammenhalt nichts hilft gegen die Korruption und das Kapital dieser Gesellschaft? Dass man möglichst wenig für sein Viertel tun sollte, damit es verfällt und uninteressant für Spekulanten wird? Eisner jedenfalls zeichnet das vergleichende Bild der Bewohner von Dropsie Avenue mit einer Kakerlake. Sie kämpfen immer weiter gegen die Resignation, auch wenn der Sinn nicht ersichtlich ist. Ist das Fatalismus oder unbändiger Lebensmut? Das überlässt der Zeichner der Betrachtung der Leser, auch wenn man schließlich in seinem Lebenslauf entdeckt, dass er selbst den Weg so mancher seiner Figuren gegangen ist: weg aus New York, ins sonnige Fort Lauderdale, Florida, wo er vor fünf Jahren verstarb.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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