motorradblogger

Blog von motorradblogger

07.01.2010 | 17:40

Mit dem Motorrad im Schneegestöber: Kein Wintermärchen

Die KLX bereit zum Ski fahren. On Twitpic

Es ist Freitag Abend und ich besuche die Weihnachtsfeier meiner ehemaligen Firma in Dortmund. Schon auf der Hinfahrt ist es schweinekalt und es schneit leicht. Die Straßenverhältnisse sind schon jetzt als eher beschissen zu bezeichnen. Ich bleibe auch nicht lange auf der Feier, denn diese findet draußen statt und ich bin bereits durchgefroren. Als der Schneefall immer stärker und stärker wird, sattle ich mein giftgrünes Ross und fahre Richtung Heimat.

Es sind ungefähr 40 Kilometer bis nach Hause und wenn es hier in Dortmund schon so übel schneit, wie sieht es dann erst bei uns im Sauerland aus? Bereits die ersten Kilometer ist die Fahrt gruselig und ich komme kaum über 60 Km/h, weil die Straßen teilweise bereits von einer Schneedecke bedeckt sind. Die kleine und leichte 250er KLX lässt sich aber dennoch gut beherrschen, ich muss zwar langsam fahren, aber noch fühle ich mich recht wohl. Es ist noch nicht allzu kalt und die Finger sind noch beweglich, die Stulpen, die ich am Lenker montiert habe helfen. Sieht zwar scheiße aus, aber Hauptsache nicht so schnell frieren.

Ich erreiche den Dortmunder Flughafen und fahre weiter Richtung Unna. Der Schnee wird plötzlich wesentlich stärker und die Temperatur sinkt deutlich ab. In Unna schmerzen meine Finger wie Teufel, ich versuche sie durch ständiges Bewegen wenigstens ein bisschen zu erwärmen. Es gelingt mir nicht und zu allem Übel werden auch die Straßenverhältnisse immer schlechter. Hinter Unna nehme ich die Bundesstraße Richung Menden, kann aber nur maximal 50 fahren, weil sich unter der nun geschlossenen Schneedecke auf der Fahrbahn Eis gebildet hat. Es ist ungefähr fünfzehn Grad Minus, das Visir beginnt unten bereits zuzufrieren, was mir aber im Moment egal ist. Ich muss so oder so andauernd die linke Hand aus der Stulpe ziehen, das Visir vom Schnee befreien und die dick behandschuhte Hand danach wieder in die Stulpe fummeln.

Hinter mir bildet sich eine kleine Autoschlange, aber sie trauen sich nicht mich zu überholen, die Verhältnisse lassen das selbst mit vier Rädern nicht zu. Trotzdem spüre ich im Nacken, wie die Ungeduld der Autofahrer wächst und ihr Verständnis für meine beschissene Situation sinkt. Glücklicherweise fahre ich dann auf ein noch langsamer fahrendes Auto auf, was die Situation etwas entspannt. Ich erreiche eine kleine Bergkuppe, die kurz vor Langschede liegt, dann geht es langsam und vorsichtig bergab. Meinen linken Daumen spüre ich kaum noch, nur einen pulsierenden Schmerz. Überhaupt schmerzen meine Finger wie mit Nadel gespickt, so dass es mir vor Schmerz teilweise das Gesicht verzieht.

Nach ein paar Kilometern erreiche ich die Ruhr und fahre über die Brücke, lege ich mich im darauf folgenden Kreisverkehr fast auf die Fresse, obwohl ich im ersten Gang mit gezogener Kupplung und ohne Schräglage die KLX um die Kurve trage. Dieses verdammte Eis. Tückisch ist es.

Das Auto, das unsere Kolonne bremste ist leider in eine andere Richtung abgebogen und nun bin ich wieder das Hindernis. Die Autofahrer hinter mir werden mir aber mit jedem Meter immer egaler, denn die Schmerzen in meinen Finger beschäftigen mich mehr. Der rechte Daumen brennt inzwischen wie Feuer und auch die restlichen Finger schmerzen fürchterlich. Die Stulpen helfen bei diesen Temperaturen einfach nicht mehr dauerhaft, eine Griffheizung wäre toll.

Schließlich erreiche ich Menden, nun ist es nicht mehr weit, aber die Straßenverhältnisse sind kontinuierlich schlechter geworden. Es ist sehr rutschig und ich kann nur noch maximal 50 Km/h fahren, dann merke ich, wie die KLX langsam instabil wird und die Reifen die Traktion verlieren. Ich denke an den Bieberberg, den ich in Lendringsen noch hinauf muss. Davor graust es mir am meisten. Warum zur Hölle ist eigentlich nicht ein Streuwagen unterwegs? Seit Dortmund nicht einer? Haben die Weihnachtsfeier?

Kurz vor Lendringsen lege ich mich dann doch nochmal fast auf die Seite, weil ich einen stark drängelnden Autofahrer vorbei lassen will und dabei in tieferen Schnee am Straßenrand gerate. Das Vorderrad beginnt zu rutschen, aber ich kann es gerade noch stabilisieren. Mit einer schwereren Maschine hätte ich in jedem Fall gelegen.

So ein blödes Arschloch, was drängelt der auch so? Warum überholt er nicht einfach, wenn ich ihm zu langsam bin? Nächstes Mal lass ich keinen mehr vorbei… keinen Bock mich hinzupacken und dann von einem solchen Spinner überfahren zu weren. Aber das Adrenalin tut wenigstens meinen Händen etwas gut, weil es die Schmerzen ein wenig abschwächt und endlich erreiche ich die Abfahrt der verschneiten Bundesstraße.

Ich dirigiere die KLX vorsichtig um eine rutschige Kurve, dann bin ich endlich in Lendringsen. Nur noch zwei Kreisverkehre, die ich vorsichtig mit beiden Beinen am Boden durchfahre und es folgt die letzte Herausforderung. Der Bieberberg. Oben steht unser Haus, es geht teilweise recht Steil hinauf, also beginne ich vorsichtig im 2. Gang den Anstieg. Und über den zweiten Gang komme ich auch nicht hinaus, sobald ich den Dritten einlege, um die Geschwindigkeit auf mehr als 30 zu “katapultieren”, beginnt das Hinterrad trotz der Stollenreifen nicht mehr richtig zu packen. In den leichten Kurven muss ich die Geschwindigkeit so oder so drosseln, zu groß meine Sorge, dass mir wieder die Haftung des Vorderreifen flöten geht. Auch an diesem Anstieg wurde übrigens nicht gestreut, so wie auf der gesamten Strecke von Dortmund nach Menden.

Nach gefühlten 10 Minuten bin ich dann endlich oben an unserem Haus angekommen. Total fertig, als hätte ich gerade eine 400 Kilometer Tour gefahren, steige ich von der 250er und versuche den Schlüssel abzuziehen. Geht nicht, ist im Schloss festgefroren, was mir im Moment aber auch ziemlich egal ist, ich will einfach nur noch, dass die Schmerzen aufhören und gehe rein.

Die Kleidung abzulegen fällt mir schwer, ich kann die Finger kaum bewegen. Irgendwie gelingt es mir dann doch mich zumindest der Regenkleidung und der Lederjacke zu entledigen. Ich stecke die Finger in die Achselhöhlen und presse, was den Schmerz lindert. Steffi eilt herbei und betrachtet mit mitleidig. Fast zwei Stunden habe ich für die Strecke gebraucht. Normal wären 40 Minuten. Mit der FZR höchstens 20.

Steffi kommt auf die Idee, ich solle mir einen Schnaps trinken, das würde die Arterien weiten. Also kloppe ich mir 2 Whiskey in den Kopf und tatsächlich, es wird sofort merklich besser. Langsam tauen meine Finger wieder auf, aber mein rechter Daumen bleibt eine einzige Frostbeule, die Haut ganz weiß und auch ein wenig taub.

Steffi, meine Freundin, fragt mich später, warum ich denn nicht mit ihrem Auto gefahren bin, aber die Antwort fällt ihr sofort nach der Frage selbst ein. “Du musstest das einfach machen oder?”. Ich nicke: “Ich musste doch testen ob die KLX wintertauglich ist”.

Und das ist sie. Geringes Gewicht, Stollenreifen und wenig Leistung. Im Winterbetrieb sind das große Vorteile.

Nur eine Griffheizung muss ich noch kaufen. Oder wenigstens mal neue Handschuhe. Oder endlich die Zündung vom ollen Russen reparieren. Drei Räder sind ja manchmal doch nicht so verkehrt.

 
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Kommentare
luggi schrieb am 08.01.2010 um 00:16
Volles Verständnis, auch weil ich eine ähnliche Situation mit 50ccm von Simson durchgemacht habe. Nur die verfolgende Rotte hat damals gefehlt. Nochmal Respekt für die Aussage, dass man mit angepasster Geschwindigkeit fahren soll und nachfolgende "Stärkere" das respektieren sollten.
S.Heinel schrieb am 08.01.2010 um 00:29
Meine Schwester war 2005 für ein Jahr in Irland und damals hat es da wie Herr Kachelmann so schön sagen würde, die Landschaft "etwas angezuckert". Das wären nach deutschen Verhältnissen noch recht normale Zustände gewesen, aber die Iren waren aus dem Häuschen. Die Meisten hatten in ihrem Leben noch keinen Schnee gesehen. Fast 5 Jahre ist das her und so wie Sie können sich die Briten jetzt kaum vor Schnee retten.

"Können wir noch Winter?" fragt der SPIEGEL online:

www.spiegel.de/panorama/0,1518,670426,00.html

und als Antwort fiel mir dann ein neulich hier veröffentlichter Artikel im Blog von Sebastian Dalkowski ein. "Moderne Zeiten: Outdoor-Jacken":

"Warum Mitteleuropäer sich so anziehen, als wollten sie zum Nordpol reisen"

www.freitag.de/community/blogs/sebastian-dalkowski/moderne-zeiten-outdoor-jacken

Ich wette sie hätten da ganz gerne polarregion-tauglich Handschuhe besessen.

Am Wochenende soll es auch endlich bei uns im Süden so richtig schneien. Ich hoffe es, denn bisher hat uns der Winter noch ziemlich verschont und ich liebe Winter ;)
motorradblogger schrieb am 08.01.2010 um 11:43
Das mit den Outdoor-Jacken stimmt schon und ja, bessere Handschuhe hätte ich mir gewünscht, aber leider mache ich das ja nicht zum ersten Mal, es ist wenn ich mich recht erinnere jetzt der 4. Winter den ich mit dem Motorrad durch fahre, es sind immer 3 leidvolle Monate. Mal mehr mal weniger. Von daher sind mit Outdoor-Jacken wirklich suspekt.
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20:31
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:29
musica hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:28
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:28
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Columbus hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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