motorradblogger

Blog von motorradblogger

22.02.2010 | 18:34

Wie Westerwelle und Teile der Medien vom Thema ablenken

Westerwelles Äußerungen zu Menschen, die von der Arbeitslosengrundsicherung II leben müssen (Hartz 4), und vor allem das positive Echo einiger Medien (Zeit, Bild), würden in einem Internetforum als "übelstes Trollniveau" bezeichnet, denn bei der "Debatte" werden wissentlich Fakten verschwiegen, nur um eine schwache Gruppe unserer Gesellschaft als politisches Opferlamm zu missbrauchen. Einen wirklich sehr lesenswerten Artikel dazu gibt es bei den NachDenkSeiten.

Zur Debatte selbst möchte ich gar nicht viel sagen, da sie an Widerwärtigkeit und Unsachlichkeit nicht zu überbieten ist. Mir ist nur gestern etwas bewusst geworden, das ich für sehr wichtig halte: Der öffentliche Diskurs lenkt vom einem sehr wichtigen Thema ab.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Politik am 09. Februar 2010 darauf hingewiesen, dass die Regelsätze für Kinder, die unter ALG II fallen verfassungswidrig sind. Im Klartext: ALG II Empfänger mit Kindern leben praktisch unter dem Existenzminimum. Darüber wird aber leider nicht mehr gesprochen, die Debatte dreht sich nur um die unsachlichen Äußerungen des Herrn Westerwelle, während die Bild Zeitung dies nutzt, um zusätzlich auch noch gegen Migranten zu hetzen.

Ich vermute dies geschieht aus reinem Selbstschutz, denn wenn man sich fragt, wer auf die äußerst bescheuerte Idee gekommen ist Kinder mit einem geringeren Regelsatz als einen Erwachsenen versorgen zu wollen, dann ist die Antwort folgende: Die Politik hat unsere Gesellschaft mit Hartz 4 "beglückt" und die Probleme, die nun bestehen selbst mit geschaffen. Realitätsfremd, kinderfeindlich, Klientelpolitisch.

Kinder brauchen oft neue Kleidung, Kinder sind häufiger krank, Kinder bekommen Zahnspangen und Einlagen für die Schuhe, Kinder brauchen Spielzeug, Kinder wachsen, manche Kinder bekommen irgendwann Brüste, Kinder müssen gesellschaftlich teilhaben dürfen, Kinder brauchen manchmal auch Nachhilfe, Kinder brauchen gute Winterkleidung, Kinder möchten auch mal die Nordsee sehen oder wenigstens ins Schwimmbad, Kinder brauchen Fahrräder, Schulbücher, Stifte und Hefte, Wasserfarben, Zeichenblöcke und Hausschuhe, irgendwann auch mal einen Computer. Kinder benötigen einfach mehr!

Eine der großen Probleme von ALG II Beziehern mit Kindern ist die Anrechnung des Kindergeldes an den Regelsatz. Das Kindergeld ist doch genau für die oben genannten Dinge gedacht und wird vom eh schon zu geringen Regelsatz der Bedarfsgemeinschaft auch noch abgezogen. Das ist doch absurd. Genauso absurd ist es, sich als Politiker zu wundern, warum Menschen von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, wurde diese Arbeitsmarktsituation mit der Einführung von Hartz 4 doch bewusst herbeigeführt.

Ausgangspunkt der von Westerwelle polemisch angestoßenen Debatte war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Leider wird über den ursprünglichen Kern der ALG II Problematik nun nicht mehr diskutiert. Sich auf unterstem Trollniveau zu verständigen ist ja auch einfacher, lässt es die "Diskutierenden" doch vergessen, wie benachteiligt die Kinder von ALG II Betroffenen sind. Sie sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft und sollten vom Staat mehr unterstützt werden. Es wäre schön, wenn sich die öffentliche Diskussion in diesem Zusammenhang auf wirklich wichtige Themen konzentrieren würde:

Warum kommt das Kindergeld nicht bei den ALG II Kindern an?

Warum führen wir keine Mindestlöhne ein und sichern damit, dass Menschen mit Arbeit nicht mehr zusätzlich noch ALG II beantragen müssen?

Warum denken wir in Zeiten mit immer weiter steigender Produktivität und immer weniger Arbeitsplätzen nicht über ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Grundsicherung nach?

Warum haben wir in unserem Bildungssystem so ungleiche Bildungschancen?

Warum sind über 20% der ALG II Bezieher Migranten und wie können wir sie integrieren?

Das sind die Fragen, die es zu diskutieren gilt. Ein auf derart niedrigem Niveau geführter Dialog wie der von Herrn Westerwelle und seinen Kollegen führt jedenfalls zu keinem brauchbaren Ergebnis.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.02.2010 um 20:01
Es geht scheinbar genau darum ein Grundeinkommen, spricht Mindestlohn auf jeden Fall zu verhindern! Darum HarzIV, darum "outsourcing" in Niedriglohnländer. Erst wenn die Not vieler so gross ist das die Kaufkraft nicht einmal mehr für "Geiz ist geil Produkte" reicht, Importe und damit Importsteuereinnahmen nicht mehr genug einbringen wird wieder für Arbeitsplatzerhaltung wieder die Lanze gebrochen, - für Arbeitsplätze mit einer Entlohnung die dem Stand der Niedriglohnländer entspricht. Das ist das Ziel.
carlfatal schrieb am 23.02.2010 um 02:12
Schröder hat genau das (die erfolgreiche Einführung eines Niedriglohnsektors) 2005 in Davos bestätigt. Solche Herren, die ihr Leben mit Krieg und verbrecherischer Ausbeutung verdienen, sich an der Armut anderer und dem von diesen erpressten eigenen Reichtum ergötzen können, solche Herren haben es
langsam über, daß in einer bürgerlichen Demokratie fast alle mitreden dürfen, vor allem aber, daß es immer zu viele tun. Alles nur Spielchen, um deren eigene Form von Demokratie durchzusetzen, Klassenkampf von der falschen Seite, geführt von Leuten, die vor Gier sabbernd perfekte Erfüllungsgehilfen ihrer Klientel sind, so korrupt, daß sie dank der Häufigkeit von "Skandalen" längst nicht mal mehr mit den Schultern zucken.

Aus genau diesem Grund bin ich auch entschiedener Gegner eines bedingungslosen Grundeinkommens: hier wird es den Niedriglohnsektor weiter ausweiten, was
wiederum Auswirkungen auf die Wirtschafts-, Sozial-, und Sicherheitspolitik bestehender Niedriglohnländer haben wird, die Umverteilung von unten nach oben faktisch nur noch beschleunigen wird. Im Grunde genommen steckt hinter der neoliberalen eine
neofeudalistische Idee, die neben Reichtum auch nach Sklaverei giert.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist nur dann sinnvoll, wenn es auf weltweit geltenden Richtlinien aufgebaut wird und für alle Menschen gilt.
Ebenso sind Mindestlöhne, wie sich z.B. in Brasilien deutlich zeigt, letztlich nur ein weiteres Mittel, den Lohndurchschnitt allmählich abzusenken.

Gegen diese neoliberale Bande hilft nur der Aufbau von Netzwerken, die Aufklärung, Bildung für alle betreiben und damit Solidarität möglich machen.
Wenn es dann irgendwann mal einen gesellschaftlichen Konsens in der Frage geben sollte, wer hier die größten Verbrecher sind, kann mer auch wieder drüber reden, wie mer sie los wird.
Sarah Rudolph schrieb am 22.02.2010 um 22:05
Vielen Dank.
Es ist schade, wie schnell es gelungen ist mit etwas Gebrüll seitens Herrn Westerwelle vom eigentlichen Thema abzulenken. Da wird aus "die Kinder haben zu wenig" ganz plötzlich "Die Sozialschmarotzer kriegen den Hals nicht voll".
Auch ich habe mich ablenken lassen. Warum eigentlich?
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