Mister Scoville

Die obsolete Mehrheit

22.04.2011 | 11:58

Ist Kaisa Mäkäräinen vor die Schranktür gelaufen?

Mensch, Kaisa, jetzt habt ihr es also auch gemacht. Habt uns die Utopie vom trinkfesten, kernigen, urigen und zugleich subversiv-anarchistischen, in irgendeinem Keller Heavy Metal riffenden Finnen zerstört. Zumindest den zweiten Teil, das mit dem Subversiven und Anarchistischen. Aber nun ja, wer so viel Alkohol verträgt und immer noch kleine schwarze Scheiben trifft nach 20 km Hetzjagt auf Skiern, um den braucht man sich keine großen Sorgen zu machen. Interessanter ist, die finnischen Wahlen in ein europäisches Licht zu hüllen und anschließend nach Deutschland zu schauen.

Timo Soini und seine Basisfinnen werden nun spaltauf, spaltab durch die Medien mit anderen sogenannten "Populisten" verglichen wie etwa Bossis Lega Nord oder Wilders' Partij voor de Vrijheid. Die FPÖ spielt hier eine Sonderrolle, weil ihre Führerfigur Haider aus als bekannt voraussetzbaren Gründen nicht mehr aktiv ins Tagesgeschäft eingreifen kann. Jedenfalls setzt sich nach und nach wenigstens in den etwas genauer hinschauenden Medien das Faktum durch, dass all diese und weitere rechts- bzw. nationalpopulistischen Strömungen (wie etwa die UKIP in Großbritannien oder die schwer zu sortierende Lage in Frankreich aus UDF, MPF und Front National) zwar einige Gemeinsamkeiten haben, diese aber mehr im Wie als im Was liegen. Zwar gibt es auch inhaltlich Übereinstimmung, doch viel auffälliger und für den Diskurs außerdem entscheidend sind die Parallelen im Erscheinungsbild und in der Methodik der "Populisten".

Überhaupt, was ist das eigentlich für ein Wort, "Populist"? Schon der bis heute in linken Kreisen als Pranger-Schimpfwort benutzte "Faschist" ist eine Totschlagvokabel, doch der "Populist" ist noch besser, unterstellt er doch, dass es geradezu an sich schlecht ist, populär sein zu wollen, was im politischen Zusammenhang ja nichts weiter bedeutet als nach dem Willen des Volkes zu entscheiden und zu regieren. Der, der jemanden als Populist bezeichnet und ihm damit Schlechtes unterstellen will, schwingt sich im selben Moment zu einer moralischen Instanz von eigenen Gnaden auf -- und führt sich damit selbst zum Schafott der Lächerlichkeit (außer in ganz intellektuellen Kreisen freilich).

Sei also allen Parteien (außer vielleicht den Yogischen Fliegern und der FDP) in diesem Sinne Populismus unterstellt, also den Willen des Volkes ernst zu nehmen und ihn wenigstens tendenziell in die eigenen Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen, könnte man die oben aufgezählten Strömungen vielleicht besser als Parteien für Modernisierungsverlierer im Sinne Heitmeyers, Schubarths und Pelinkas bezeichnen, wenigstens dann, wenn sie über den Status von Protest- und Denkzettelparteien hinaus sich im politischen Spektrum etabliert haben.

So weit so gut nichts Neues. Wie schaut es nun in Deutschland aus? Wo ist hier die 10-bis-30-Prozent-Partei mit "populistischen" Forderungen? Gemeinhin sollte man denken, solche Forderungen finden sich in "populistischen" Medien, hierzulande also im Flaggschiff des Axel-Springer-Konzernz. Pustekuchen. Sicherlich dürfte Nikolaus Blohme derzeit erfreut sein, mit Hans-Peter Friedrich einen Minister im Kabinett Merkel zu wissen, der nach den Schlagzeilen der BILD regiert. Doch eine ganze Partei dieser Coleur sucht man in Deutschland vergeblich, jedenfalls beim Blick über die 5-Prozent-Hürde und über einen längeren Zeitraum. Und alle Gesichter, die charismatisch genug gewesen wären, eine solche Strömung dauerhaft und relevant zu etablieren, wurden mit der Zeit Opfer ihrer Persönlichkeit oder der Schwerkraft. "Runter kommen sie immer", mal im übertragenen, mal im wörtlichen Sinne, mal die Prozentzahlen, mal ihre "Führer", dies scheint in Deutschland auf der rechten Seite des politischen Spektrums fast schon systemimmanent.

Gut so! könnte man nun rufen und soll es auch. Muss dann jedoch sogleich den Blick in die andere Richtung werfen. Wie war das: 10 bis 30%, eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze, radikale Positionen und Anbiederung an die tatsächlichen und vor allem angeblichen Modernisierungsverlierer. Merke: auch die Nazis waren Sozialisten. Und wer immer noch glaubt, die Braunen hätten die Roten damals aus ideologischen Gründen eingesperrt, deportiert und ermordet, hat seine Geschichtsbücher nicht gelesen. Dass es eigentlich eine reine Machtfrage war, macht an den Taten nichts besser, lässt jedoch die märtyreristische Geschichtsverklärung so mancher heutigen linken Stimme hohl klingen.

In diesem Sinne dürfte Die Linke -- heimlich, ganz heimlich und kaum hörbar natürlich -- dem Dicken aus Oggersheim ganz schön dankbar sein.

 
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