Wissen Sie beispielsweise, was ein Beta-Minus-Zerfall ist? Also, ich meine, wissen Sie es? Gut, da zerfällt im zweiten Schritt der Uran-Radium-Zerfallsreihe ein Thorium-234-Kern unter Emission eines Elektrons und eines Elektron-Antineutrinos in einen Palladium-234m-Kern, und das passiert wegen der durch W-Bosonen vermittelten schwachen Kernkraft, indem ein Down-Quark zu einem Up-Quark wird, was dazu führt, dass aus einem Neutron ein Proton wird. Soweit lässt sich das bei Wikipedia nachlesen und klingt geradezu unfassbar schlau. Wenn Rangar Yogeshwar das im Wissen vor Acht (bedenke man... habt Acht!) so erklären würde, würde er sofort abgesetzt und durch Harald Lesch oder Doktor Guido Knopp ersetzt. Aber wissen denn Sie jetzt, was da passiert und wieso da Betastrahlung entsteht, die in Ihre Haut dringen und Krebs verursachen könnte? Oder wissen Sie bloß Bescheid, weil Sie es soeben gelesen haben?
Der Journalist und Autor Wolf Schneider wies in einem seiner Bücher bezogen auf Journalisten darauf hin, dass viele von ihnen etwas zu wissen glauben, aber doch lediglich darüber informiert sind. Und dieser Blog behauptet, dies gelte nicht nur für Journalisten, sondern für uns alle. Widersprechen Sie?
Der Blog behauptet aber noch mehr. Insbesondere behauptet er, dass wir, während wir uns eine Meinung zu einem Thema bilden, sehr weiche Grenzen zwischen Glauben, Informiertsein und Wissen ziehen – wenn überhaupt welche. Und weil alle über Fukushima reden, nimmt dieser Blog das Geschehen dort – oder das, was er glaubt, was dort geschieht – beispielhaft zum Anlass.
Fangen wir mit dem Glauben an:
+++ 16.00 Uhr: 10.000-fach erhöhte Strahlenwerte im Reaktor 1 +++
Im Wasser eines zweiten Reaktorblocks in Fukushima ist 10.000-fach erhöhte Strahlung gemessen worden. Dieser Wert sei jetzt am Meiler Nummer 1 aufgetreten, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreiberfirma Tepco am Freitag. Am Donnerstag war bereits an Reaktor 3 im AKW Fukushima Eins im Wasser eine Radioaktivität festgestellt worden, die 10.000 Mal so hoch war wie üblich.
[Quelle: stern.de (www.webcitation.org/5xcXzc81h)]
Wissen Sie, ob ein 10.000-fach erhöhter Wert „der Radioaktivität“ gefährlich ist? Oder klingt es bloß bedrohlich? Ja, dieser Blog hat auch etwas damit zu tun, wie Publizisten gleich welcher Art mit Sprache umgehen. Wie oft liest man schließlich dieser Tage, dass in Lebensmitteln Radioaktivität „gefunden“ wurde, ganz so, als könnte man sie mit einem Skalpell herausschneiden wie einen Tumor und anschließend wegwerfen. Nicht bloß sprachlich schlampig ist jedoch diese Meldung, sondern vor allem inhaltlich, und das gleich zweifach.
In welchem Wasser wurden diese erhöhten Werte gemessen? Im Wasser im Druckbehälter oder in dem, das durch die Kühlmaßnahmen im zerstörten Containment in die Umwelt gelangt? Zweiteres wäre offensichtlich um einiges bedenklicher als Ersteres. Oder gar im Leitungswasser in der Teeküche? Schnell mal nachlesen, was die "Organdosis" ist!
Und was ist üblich? Ein wenig zynisch, aber ausgesprochen treffend stellte die Bloggerin „claudia“ in einer Diskussion hier bei „freitag.de“ fest: „Skeptiker werden bei der Aussage wie von Ihnen dargestellt fragen: 10.000-fach von was? Mit dem Doppelten der letalen Dosis von Blausäure bin ich tot, mause. Der 10.000-fache Wert des Glucosegehaltes des hiesigen Trinkwassers wird meinen Insulinwert nicht mal müde zucken lassen.“
Das Wörtchen „üblich“ öffnet dem freien Assoziieren mit beliebigen Kontexten Tür und Tor. So gibt es einige Manager in Deutschland, die das 10.000-fache des Hartz-IV-Regelsatzes verdienen. Und ein Erdbeben der Stärke 9 ist 10.000-mal stärker als ein Beben der Stärke 6,333. Zwischen einem Erdbeben der Stärke 1,333 (nur von empfindlichen Messgeräten nahe am Epizentrum überhaupt registriert) und einem der Stärke 4 (das fühlt sich an wie wenn ein LKW direkt an Ihnen vorbei fährt) liegt jedoch derselbe Faktor 10.000. Es gibt Diskotheken, die dank besonderer Bassbeschallung in unmittelbarer Umgebung energiereichere Vibrationen auslösen können.
Die besagte „Nachricht“ ist also eigentlich eine Sensationsblase, und zwar wörtlich, wenn man einmal die englische Bedeutung der „Sensation“ etymologisch auf „sentire“ (lat. empfinden) und „sensus“ (lat. Gefühl, Wahrnehmung, Sinneseindruck) zurückführt. In dieser Hinsicht ist eine sprachliche Betrachtung des deutschen „sinnvoll“ genauso interessant wie die des englischen „common sense“. Dieser ist dann nämlich weniger der „gesunde“ Menschenverstand, sondern das gemeinschaftliche Gefühl. (Da darf man sich auch getrost einmal fragen, was es denn mit dem Denglischen „Sinn machen“ wohl so auf sich haben mag, und was eigentlich "Sinnlichkeit" ist... blöd, aber sexy?) Da wir Menschen aber die Eigenart haben, spontan lieber unserem Bauchgefühl zu vertrauen als dies erstmal beiseite zu schieben und uns das nötige Wissen anzueignen, glauben wir, wir lägen richtig. So weit, so gut oder auch nicht.
Wirklich schlimm wird die ganze Nummer erst dann, wenn wir uns informieren lassen. Es ist in armageddonoiden Zeiten wie der aktuellen schließlich nicht nötig, uns selbst zu bemühen, denn durch sämtliche medialen Fenster, seien es die gute, alte Flimmerkiste oder das World-wide Wired (oder al gusto das World-wide Weird), drängeln sich über unsere senses die Erklärbären in unsere gute Stube, unser Hirn, und das mit immer mehr Vorzug für das multimediale Gesamterleben. Es reicht für unsere verwöhnten (oder eher reizübersättigten) Birnen nicht mehr, dass uns Rangar Yogeshwar, Harald Lesch et al. und in spätestens fünf Jahren Doktor Guido Knopp die zum jeweiligen Zeitpunkt bekannten Fakten zu den Ereignissen in Fukushima berichten. Sie werden stattdessen multimedial so aufbereitet, wie wir es aus Hollywood-Powergrafik-Hochleistungscomputern à la „Star Wars“ gewöhnt sind, untermalt mit Sounds in THX-Qualität. Was geht, das muss. Kauft ja von den Senderfutzis sonst keiner. Wenn Fukushima Daiichi 2 in die Luft fliegt, reicht nicht die Teleeinstellung der aufnehmenden Kamera, sondern da muss noch eine Super-SloMo drauf und eine Computeranimation, schön mit Sounds und all das. So wird dann eine Knallgasverpuffung zu einem Ereignis, zu einer Sensation, also einer sensation, einem Sinneseindruck, der umgehend „Sinn macht“, und Schwupps!, haben wir eine Meinung.
„Sinn macht“ der Eindruck erst dann, wenn das freie Assoziieren (quasi die Lieblingsbeschäftigung unseres Hirns) losgelegt hat und daraus genug Füllmaterial entstanden ist. Um eine Entscheidung zu treffen, welche auch immer, benötigt unser Hirn nämlich ein Mindestmaß an Daten. Hat es diese Daten nicht, assoziiert es sie aus bisherigen Erfahrungen hinzu. Aber hat es diese Menge an Daten erst einmal, erlischt sein Bedarf nach weiteren auf der Stelle – und damit unser Bedürfnis, uns weiter mit Fakten zum Thema zu befassen. Sie kennen doch sicher dieses Klecksbild, aus dem man eine antike Vase oder zwei sich gleich knutschende Mädchen erkennen kann (upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/74/Cup_or_faces_paradox.svg)? Solche Kippbilder funktionieren genauso lange, bis man Ihnen die Informationslücke aufzeigt und sie füllt. Es gibt auch Kippbilder, die nicht bei allen Menschen funktionieren. Ein Beispiel dafür ist die sich drehende Tänzerin (upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Spinning_Dancer.gif). Bei manchen Menschen dreht sie sich immer links-, bei anderen immer rechtsherum, bei manchen wechselt die Drehrichtung, die sie sehen.
Warum das so ist? Nun, die Fähigkeit, Datenlücken durch Erzeugen pseudo-willkürlicher, eigentlich auf Erfahrung basierender Muster zu füllen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Für Menschen, die für ihr Dasein ein besonders großes Maß an Kreativität benötigen, ist es gut, wenn diese Fähigkeit besonders ausgeprägt ist. Menschen jedoch, die eine Situation möglichst objektiv beurteilen sollen, sind am besten das genaue Gegenteil. Denn wenn ihr Hirn keine Lust darauf hat, auch die größten Datenlücken zu schließen durch mehr oder wenig subjektive / zufällige Erzeugung, verlangt es nach mehr Daten. Die Besitzer solcher Hirne fangen also im Zweifel an zu recherchieren.
Damit sind wir bei der Information. Das Dilemma der heutigen Zeit, nämlich des Informationszeitalters, ist, dass sich solche Lückenbüßer an jeder virtuellen Ecke finden lassen, von Wikipedia bis zu den obskursten Verschwörungszirkeln. Schlimmer noch: erhält eine Information ein „Qualitätssiegel“ in einer Form, die Sie für vertrauenswürdig halten, öffnen Sie sich auch für diese Information und halten Sie für wissensbasiert. Und welchem Qualitätssiegel Sie vertrauen, hat wiederum etwas mit Ihrer Erfahrung zu tun.
Nehmen wir mal die Inder als Beispiel. Inder sind doch eigentlich ziemlich sympathische Zeitgenossen, oder? Saris sehen an einer Frau wirklich toll aus, das Essen ist verdammt lecker, und Goa, also Goa... Indien ist uns Deutschen in der Regel jedenfalls sympathisch. Kommt das vom gemeinsamen Sprachstamm? Assoziieren Sie ruhig frei drauflos! Also, die Inder. Rangar Yogeshwar, der derzeit so akute Erklärbär des ersten deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wussten Sie, dass Yogeshwar eigentlich Luxemburger ist und nur Halbinder (de.wikipedia.org/wiki/Ranga_Yogeshwar)? Da können Sie mal sehen! Oder Harald Lesch. Lehrt in München, klingt des öfteren gerne wie ein Westfale, ist aber Nordhesse (geboren in Gießen, de.wikipedia.org/wiki/Harald_Lesch). Oder Doktor Guido Knopp (www.youtube.com/watch?v=z2TWjePMb4E). Oder Rainald Grebe.
Bisher hatte es hier Links in Klammern. Aber bei Rainald Grebe kommt es ganz ohne: www.youtube.com/watch?v=YLP3cmQgNIc. Wieso? Weil dieses Kleinod der Sorte „Feuer frei!“ an Assoziationen und vor allem Ausbuddeln von irgendwann einmal in der Schule erhaschter Information und daraus fein ziseliertem Witz ein geradezu perfektes Beispiel dafür ist, wie die weiter oben beschriebene externalisierte Lenkung freier Assoziation in eine bestimmte Bahn funktioniert. Achten Sie auf den Unterschied in Ihrer sensation zwischen „Beethoven hat ja komponiert“ und „Dürer war ja Maler“. Bei Beethoven ist Ihre Lücke noch zu groß, um auf eine Pointe vorab zu schließen. Bei Dürer führen Takt und Wortfolge Grebes Sie bereits vorher in die Stimmung, beim Abfeuern der Vorab-Pointe loszulachen.
Und genauso reagieren wir bei „10.000-fach“: konditioniert. Wir reagieren dort, bei Grebe, amüsiert und hier, bei "10.000-fach", ängstlich. Und zwar je mehr, desto mehr wir glauben und / oder informiert sind (also: konditioniert), und je weniger, desto mehr wir wissen. Aber Wissen findet erst später statt, erst nach unseren Bedürfnissen. Glauben wollen wir. Information kriegen wir. Wissen, um all das wirklich beurteilen zu können, ist Arbeit.
Wissen Sie beispielsweise, dass eine moderne Computertomografie Ihres Brustkorbs Sie der 200-fachen Strahlenbelastung aussetzt im Vergleich zu einer antik anmutenden Röntgenaufnahme Ihres Schädels? Oder haben Sie das mal gelesen, in diesem Blog hier, und werden es demnächst, bei passender Gelegenheit mal an den Mensch bringen?
Und wie beeinflusst nun "das, das Sinn macht", Ihre Wahlentscheidung? Wissen Sie da, was Sie tun? Sie wissen, was ich meine...
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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