müslikind

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09.06.2010 | 23:30

Der Zynismus des Bildungssystems

Diese Rede habe ich bei einer Demo am 9. Juni 2010 anlässlich des Internationalen Bildungsstreiks gehalten. Text unten, falls ihr lieber selber lesen wollt.

Liebe Bildungsstreikende!
Wie stellt ihr euch Universität vor? Wie wollt ihr studieren und leben? Was sollte eurer Meinung nach das Ziel von universitärer Bildung sein?
Für viele Menschen im Laufe der letzten Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte bedeutete das Studium die Möglichkeit, sich umfassend zu bilden, eigene Interessen zu entwickeln, herauszufinden, was man kann und wie man sich persönlich in die Gesellschaft einbringen kann.
Im Gegensatz zur Schule war die Universität ein Ort mit einem hohen Maß an Selbstbestimmung. Man hatte viel Freiheit bei der Wahl der Inhalte, konnte je nach Neigung schnell oder langsam studieren, nebenbei arbeiten, Kinder erziehen, sich ehrenamtlich engagieren, zwischendurch Praktika machen und ins Ausland gehen und so weiter. Die Biographien von erfolgreichen Akademikern sind häufig nicht linear. Im Gegenteil, sie zeichnen sich häufig durch Brüche und Wechsel geradezu aus.
Daran sieht man, dass persönliche Entwicklung Zeit braucht. Und diese Zeit lohnt sich für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft. Denn um unser Zusammenleben zu organisieren brauchen wir Menschen mit Lebenserfahrung. Universitäre Bildung hatte von ihrem Grundgedanken immer zwei wesentliche Aspekte: Die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit und die Verantwortung für die Gesellschaft. Leider waren die meisten Menschen immer von dieser Art der Bildung ausgeschlossen. Und natürlich hatte auch dieses System seine Schwächen. Manche Menschen konnte es nicht zur notwendigen Eigeninitiative motivieren. Die Lehrmethoden waren häufig veraltet und die didaktischen Fähigkeiten der Lehrenden begrenzt. Und von Demokratie und Mitbestimmung gab es kaum eine Spur. Der Bezug zur Praxis fehlte meistens. Verbesserungspotential hätte es also durchaus gegeben.
Die Veränderungen in unserem Bildungssystem gehen aber in eine andere Richtung. Weder Persönlichkeit, noch Gesellschaft und auch nicht Chancengleichheit stehen im Fokus. Stattdessen gewinnen rein wirtschaftliche Interessen immer mehr an Gewicht. Das sieht man deutlich am Bologna-Prozess. Die Richtlinien dafür wurden vor 15 Jahren von einem großen europäischen Industrieverband verfasst und zu einem großen Teil von den europäischen Staaten übernommen.
Unter dem Vorwand, die Mobilität und die Vergleichbarkeit von Abschlüssen zu fördern, werden die Universitäten reformiert, damit Studierende an die Erfordernisse der Wirtschaft angepasst werden.
Das Ziel sind Lernroboter. In einem Turbo-Studium wird trainiert, was später gefordert ist: Flexibilität, Belastbarkeit, schnelles Lernen von  neuen Aufgaben. Dafür werden Studierende in enge Zeitpläne mit ständigen Leistungskontrollen gepresst. Urteilsfähigkeit, die Entwicklung eigener Ideen, vertiefte Auseinandersetzung mit einzelnen Themen sind nicht mehr gefragt. Auch Zeit für die Suche nach persönlichen Interessen und Fähigkeiten, für ein Studium im eigenen Tempo, für ehrenamtliches Engagement kommt zu kurz.
Alle Gruppen, die auf ehrenamtlichem Engagement von Studierenden basieren, leiden unter Mitgliederschwund. Stattdessen trifft man auf den Gängen der Universität und in der Bibliothek auf fleißig lernende Studierende, die jede Minute nutzen müssen. Das mag effizient scheinen, aber warum bitte trimmt man intelligente Menschen aufs Auswendiglernen? Warum nimmt man ihre eigenen Bildungsinteressen nicht ernst? Und warum setzt man sie so unter Zeitdruck?
Ich sage es nochmal: Bildung braucht Zeit. Zeit zur Verarbeitung und Auseinandersetzung mit Inhalten, Zeit zur Diskussion und zum Entwickeln eigener Standpunkte. Was diese Studierenden der neuen Bachelor-Studiengänge erzählen, ist aber ernüchternd: In keinem Fachgebiet kommen sie wesentlich über Einführungen und Standardwissen hinaus.
Auch grundlegende Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens werden nur oberflächlich behandelt. Für langfristige und intensive Projekte gibt es keinen Raum. Wie sollen diese Menschen, die drei Jahre unter Hochdruck zu Lernrobotern gemacht wurden, die komplexen Probleme unserer Zeit lösen?
Kreativität entsteht nicht unter Druck! Vertieftes wissenschaftliches Arbeiten ist dann erst im Masterstudiengang möglich – mit neuen Zugangshürden und nur einer begrenzten Anzahl von Plätzen. Damit wird verhindert, dass möglichst viele Menschen sich möglichst weit bilden und ihr Potential entfalten können. Neue Selektionsmechanismen werden etabliert. Anscheinend reichen billige und belastbare Arbeitskräfte für viele Aufgaben und man braucht man nur wenige wirklich hoch qualifizierte Absolventen.
Nicht nur im Bereich der Struktur der Studiengänge sind in den letzten Jahren massive Verschlechterungen eingetreten. Auch das Dauerthema der mangelnden Finanzierung hat sich verschärft. Bereits vor Einführung der Studiengebühren wurden staatliche Mittel gekürzt. Seminare und Vorlesungen sind schon lange überfüllt und das Betreuungsverhältnis katastrophal.
Wie erwartet, haben sich die Probleme mit Einführung des Bachelor/Master Systems noch verschlimmert. Die personalintensiven neuen Studiengänge sind nur durch die Studiengebühren überhaupt studierbar. Das Gesetz verlangt aber, dass die Studiengebühren nur zusätzlich zur Verbesserung der Lehre eingesetzt werden dürfen. Immer noch behauptet aber die Universitätsleitung, das wäre der Fall und die Studiengänge wären auch ohne Gebühren studierbar. Dabei ist aus mehreren Fakultäten bekannt, dass bei der Abschaffung der Studiengebühren auch Studiengänge abgeschafft werden müssten. Nur solche Studiengänge, die auch für Wirtschaft interessant sind, haben keine Probleme – es ist leicht für sie, Drittmittel zu akquirieren.
Hinzu kommt, dass wir ja im nächsten Jahr einen doppelten Abiturjahrgang an die Universitäten bekommen. Von umfassender Planung halten anscheinend weder das Ministerium noch die Uni etwas. Wie dieser Ansturm auf die Universität bewältigt werden soll, ist uns ein Rätsel. Fest steht nur, dass die Finanzierung der zusätzlich notwendigen Lehre nicht annähernd gesichert ist – auch hier werden wieder Studiengebühren bemüht. Wo die neuen Studierenden lernen sollen, ist angesichts der jetzt schon massiven Raumnot ebenfalls unbekannt.
Diese Missstände sind auf eine völlig verfehlte Bildungspolitik zurückzuführen. Wir fordern eine angemessene Finanzierung aller Studiengänge durch den Freistaat Bayern und die Abschaffung der Studiengebühren! Studiengebühren sind genauso wie die Einführung des Bachelor-Master-Systems mit nur wenigen Master-Plätzen und die Förderung von Exzellenzinitiative und Elitestudiengängen Schritte in Richtung von mehr Selektion im Bildungswesen.
Die größte Selektion im Bildungswesen beginnt aber bereits im Kindergarten und in der Schule. Kinder aus bildungsfernen Familien werden systematisch benachteiligt und erreichen nur selten das Abitur. Von diesen Jugendlichen verlangt die Gesellschaft, dass sie nach jedem Strohhalm greifen, jeden beliebigen Ausbildungsplatz annehmen und dafür dankbar sind. Ganz im Ernst: Das ist zynisch! Wer von den Bildungspolitikern würde freiwillig sein Leben lang im Supermarkt an der Kasse sitzen oder in Zeitarbeitsfirmen für wechselnde Auftraggeber Gebäude reinigen? Unser Bildungssystem produziert systematisch Ungerechtigkeit. Mit einer Gesellschaft, die aber ein Interesse daran hat, dass sehr viele Menschen ihr Potential nicht voll ausschöpfen können und ihren Beruf nicht frei wählen können, weil sie für den Arbeitsmarkt nicht benötigt werden, stimmt etwas nicht. Wenn das so ist, müssen wir dieses System ändern!

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 10.06.2010 um 05:39
Gute Rede, gut gemacht!
Ich habe sozusagen noch zur "guten alten Zeit" studiert. Es war sicher mit die beste Zeit meines Lebens - von der Gegenwart mal abgesehen ;-) . Ich hätte nie wieder Kind sein wollen, aber Studentin, ja. Die Freiheit, zu entscheiden, was ich wann wo und wie lerne - und um die wird die heutige Studentengeneration betrogen. Wehrt euch!
müslikind schrieb am 10.06.2010 um 12:28
Ich studiere auch nach dem alten System, bin gerade in der Endphase und mich schockieren die Veränderungen, die ich in den letzten Jahren an der Uni beobachten musste.
eykiway schrieb am 10.06.2010 um 12:12
Diese Viedeo ist nicht mehr verfügbar,
Zensur TRUllA DANKE
müslikind schrieb am 10.06.2010 um 12:27
Danke für den Hinweis. Auf youtube gehts: www.youtube.com/watch?v=8gU0_okscnQ. Mal forschen, was es da für Erklärungen geben kann...
Nick Haflinger schrieb am 15.08.2010 um 12:18
Hallo,
eine schöne Rede! Ich möchte zart darauf hinweisen, dass alle in der Rede angesprochenen Punkte und noch einiges mehr Eingang in das Bildungsprogramm der Piratenpartei bei der NRW-Landtagswahl 2010 gefunden haben. Vieles davon wird - hoffentlich - Bestandteil des allgemeinen Programms der Partei.
www.vordenker.de/jpaul/pp_bildungspolitik_nrw.pdf
MfG, Nick H.
müslikind schrieb am 15.08.2010 um 13:47
Jaja, vielleicht tret ich ja noch ein... Jetzt wo sich die Demokratie verflüssigt... ;-)
müslikind schrieb am 15.08.2010 um 13:48
Und danke für die Zustimmung! :-)
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