müslikind

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06.12.2009 | 02:08

Die andere Weltrettung

Allen von euch, die mich persönlich kennen habe ich schon von meinen Nachbarn erzählt. Von der kurdisch-irakisch-jesidischen Familie mit den sieben Kindern, die mich vor etwa 3 Jahren „adoptiert“ hat. Meine Erlebnisse mit ihnen lassen mich anders über die gesellschaftlichen Debatten über Integration, Bildung, Hartz 4, Arbeitslosigkeit und Geschlechterrollen denken. Dazu ein anderes Mal mehr. Viel wichtiger ist mir Klara, die mit ihren zwei Jahren vor kurzem entdeckt hat, dass in ihrem Lieblingsbilderbuch („su. gebr. Spielzeug“ hatte ich in der Zeitung inseriert) alle Figuren Haare haben wie sie und ich. „Haare“ sagt sie auf Deutsch und nicht auf kurdisch, erzählte mir ihre Mutter später. Und Dalal (4), die vor ein paar Wochen angefangen hat, von sich aus gerne zu malen und zu basteln (meine bisherigen Animationsversuche trafen auf wenig Resonanz). Kürzlich schenkte sie mir ein von ihr als Buch bezeichnetes Objekt, das aus mehreren unterschiedlich großen Papierstücken nach einem unergründlichen System zusammengeklebt war. In den Bestandteilen vermutete ich eine Seite aus einem Vokabelheft und ein Arbeitsblatt von ihren Brüdern.

Auch andere Menschen können sich für Alltagsbegegnungen begeistern, wie ich kürzlich herausgefunden habe. Bin still vergnügt, wenn ich merke, dass jemand so denkt wie ich. Und noch mehr, wenn ich neue, kreative, eigensinnige Gedanken und Perspektiven entdecke. Besonders hat es mir der Blog Outnumber angetan. Von eigenen Erlebnissen und Erinnerungen kommt er auf politische Probleme, Gefühle, Familienbeziehungen. Immer in einer sehr subjektiven, persönlichen Art und immer gleichzeitig spannend zu lesen und nachdenklich. Letztens brachte er eine so wunderbare Geschichte, dass ich nichts verraten will, ihr müsst sie unbedingt selber lesen! Gerade das Persönliche ist es, was mich anspricht. Zu sehen, dass Menschen selber denken. So wie Klara (noch eine), die gerne von den schwerwiegenden Problemen ihrer Kinder erzählt („minus 1 gibt es nicht!“), politische Themen in mehrere Richtungen dreht und wendet und dazu immer ihre Gefühle erklärt. <!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } -->

Oder der Blog manomama, in dem eine Augsburgerin berichtet, wie ihr, nach der Begegnung mit einer arbeitslosen Näherin die Idee kam, das Textilgewerbe in unserer Stadt wiederzubeleben. Die Idee wirkt auf den ersten Blick so rührend naiv und erinnerte mich sehr an die Zeit mit 15 als ich mich fragte, warum denn die Welt so schlecht ist und warum man nicht „einfach“ alles besser machen kann. Ob die Idee naiv ist, hängt natürlich sehr davon ab, wer sich um ihre Umsetzung bemüht und offenbar stehen die Chancen gut, besagte Träumerin ist älter als 15. Abgesehen von der wunderbaren Idee passt sie aber besonders wegen Texten wie diesem in diese Kategorie, seht selbst!


Manchmal finde ich diesen persönlichen Ton auch in meinen Lieblingszeitungen. „Ein Pamphlet für Berlin“ ist der etwas großspurige Untertitel eines Artikels von Ambros Waibel über das Leben in Neukölln. Er ist genervt, dass Westdeutschland erstens den dortigen Lebensstil nicht teilt und zweitens nicht ausreichend respektiert. Eine herrliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Mentalitäten! Ebenfalls mit der Stimmung der Menschen in einem Stadtteil befasst sich ein taz-Artikel von Waltraud Schwab über – tatsächlich! - meinen Wohnort, den sie als „Scherbenviertel“ tituliert. Komme sogar darin vor! Finde mich ziemlich gut getroffen. Das vorhergehende Gespräch war auch sehr schön und inspirierend, sehr un-augsburgerisch auf jeden Fall! Eher berlinerisch... Aber weiter im Text. Ganz besonders hat mit gefallen, wie der Freitag das, was ich fühle sogar im Leitthema Medienkritik auf den Punkt bringt: „Sendungen wie die Tagesschau sorgen dafür, dass die Welt so aussieht, als schließe sie unmittelbar an die Tagesschau von gestern an und als sei dies der tiefste Sinn des Laufs der Dinge. In Wahrheit ist die Welt wild, widersprüchlich, durchgeknallt und eben auch hinreißend.“ In den letzten Satz habe ich mich sofort verliebt. Wahrscheinlich lese ich deshalb so gerne persönliche Geschichten, weil sie ein Gegengewicht sind zu den trockenen Nachrichten, die so tun, als ob es eine zweite Welt gäbe, in der für alles die richtigen Worte da wären, wo alles nach Regeln läuft, wo alles bekannt ist. Wo es keine Menschen wie mich, Klara, Dalal und die genannten Blogger gibt. Und keine wirklichen Meinungen, weil man sich nur im Rudel wohl fühlt, wo alles Konsens, Mitte, Lehrmeinung ist und niemand selber denken muss. Deshalb habe ich das Gefühl, die Blogger (und gute Journalisten) retten das wahre Leben. Sonst würde die Tagesschau es vielleicht irgendwann nach und nach aufsaugen.

PS: Habe heute zum ersten Mal einen Text hier und auf www.mueslikind.blogspot.com veröffentlicht, bin noch unentschieden, wie ich in Zukunft verfahre.

 
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Kommentare
outnumber schrieb am 07.12.2009 um 02:11
Hallo Miriam,

so kann die Woche immer beginnen! Vielen Dank dafür, dass Du Deinen Blog auch hier veröffentlichst. Du hast eine schöne Auswahl getroffen, nein, nicht weil ich auch dabei bin :-))) sehr gut haben mir die Blogs von manomama und pamphlet für berlin gefallen.. ich musste gleich lachen bei Ambros Waibels "Denn wieso säße sonst ich, ein weißer, super aussehender und gepflegt gekleideter Mann in den besten Jahren..."

Unabhängig davon, ob Du hier weiter veröffentlichst oder nicht, Deinen Blog merke ich mir.

Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche,

outnumber
müslikind schrieb am 08.12.2009 um 00:14
Danke outnumber! :-)
müslikind
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