müslikind

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07.11.2010 | 13:45

Milieus der Unterschicht

 

Das hier ist ein Hintergrund-Text zur Kurzfassung meiner Diplomarbeit.

Milieustudien haben in den vergangenen Jahrzehnten die klassischen Klassen- und Schichtmodelle abgelöst, die die Gesellschaft nur vertikal differenzieren (nach Einkommen, beruflichem Status und Bildungsgrad). Heute lassen sich Menschen nicht mehr so leicht „einsortieren“, die horizontalen Unterschiede im Lebensstil haben zugenommen. Es gibt nicht mehr „die Arbeiterschicht“ aus Menschen mit ähnlichen Eigenschaften und Interessen. In einer Einkommensstufe findet sich eine große Vielfalt von Lebensstilen. Die bekanntesten Milieustudien stammen vom (privaten) Sinus Institut und werden deshalb Sinus-Milieus genannt. Hier eine Übersicht auf der Seite des Instituts. In meiner Arbeit habe ich mich vor allem mit zwei Milieus befasst, die ich folgenden kurz im Hinblick auf die für meine Fragestellung relevanten Eigenschaften vorstellen möchte.
(Wer auf die Links geklickt hat und sich wundert: Nach der Fertigstellung meiner Arbeit brachte Sinus eine neue Version der Studie heraus, deshalb die zwei unterschiedlichen Schaubilder).

Hedonisten

Hedonisten sind meist unter 50 Jahre, der Schwerpunkt liegt bei den unter 30-Jährigen. Sie haben oft keine Berufsausbildung, sind häufig einfache und mittlere Angestellte, Arbeiter, Schüler, häufig ohne eigenes Einkommen. Einige haben aber auch mittlere bis höhere Einkommen. Ihre Angepasstheit im Berufsalltag steht im Gegensatz zum hedonistischen Leben in ihrer Freizeit. Innere Freiheit, Individualität und Genuss haben eine hohe Bedeutung. Da Spontaneität und Lebensfreude im Vordergrund stehen, mangelt es an Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen.

Erziehung 

Die Interviews von Liebenwein (2007) mit Hedonisten deuten darauf hin, dass in diesem Milieu ein permissiv-verwöhnender Erziehungsstil verbreitet ist. Die Eltern setzen auch nach der Kleinkindphase keine Grenzen. Zum einen wollen sie sich von ihren eigenen Eltern abgrenzen, zum anderen scheuen sie Konflikte mit ihren Kindern. Sie möchten außerdem ihren Kindern nicht zumuten, unter Druck zu geraten und sich Regeln beugen zu müssen – das vermeiden sie selber so weit wie möglich. Ihr Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder ist groß. Den Wunsch nach einer Familie haben sie sich erfüllt, sind sich aber der Einschränkungen schmerzlich bewusst (im Gegensatz zu Mittelschicht-Eltern, die sich nicht über Einschränkungen beklagen).

Positiv für die Entwicklung der Kinder ist, dass sie nicht bestraft werden. Bei verwöhnten Kindern besteht aber eine erhöhte Gefahr, dass sie Drogen konsumieren oder in der Schule durch Devianz auffällig werden.

Bei den Hedonisten sind beide Eltern an Haushalt und Kinderbetreuung beteiligt. Für sie kommt es (wie für Experimentalisten und Postmaterielle) infrage, ihre Kinder schon unter 3 Jahren in eine Betreuungseinrichtung zu geben.

Erwachsenenbildung

Das Interesse der Hedonisten an Weiterbildung ist gering. Es gibt keinen besonderen Ehrgeiz, aufzusteigen, da dies vermehrte Anstrengung bedeuten würde. Die Persönlichkeit sehen Hedonisten als Ergebnis von Lebenserfahrung. Entsprechenden Kursen stehen sie sehr skeptisch gegenüber. Es wird Überforderung und Bevormundung befürchtet. Dozenten und Teilnehmende sollten der eigenen Lebenswelt nahestehen. Über mögliche Anbieter herrscht Unkenntnis. An Kompetenzen werden Selbstbewusstsein, kognitive Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien für den stressigen Alltag geschätzt. Kompetenzen sollten entwickelt werden, um unangenehme Folgen zu vermeiden. Der Einfluss von Peers und Vorbildern ist groß. Informelles Lernen und Unverbindlichkeit werden gegenüber organisierten Kursen bevorzugt. Außerdem sollten Lerninhalte zielgerichtet sein, zu umfassende Kenntnisse sind nicht von Interesse. Organisiertes Lernen wird mit Schulunterricht assoziiert und die Teilnehmenden als Spießer betrachtet. Projektartiges Lernen in selbst gewählten freizeitorientierten Angeboten und ein kameradschaftliches Verhältnis zum Dozenten finden dagegen Zustimmung. Fairness und Akzeptanz durch den Dozenten sind dabei von hoher Bedeutung. Die wertvolle Freizeit sollte allerdings nicht angetastet werden.

Konsum-Materialisten

Konsum-Materialisten verfügen über beschränkte finanzielle Mittel, dennoch sind ihnen prestigeträchtige Konsumgüter wichtig, sie wollen zeigen, dass sie mithalten können. Sie wünschen sich Bestätigung von außen und träumen von einem besonderen Leben, ohne erkennbare Anstrengungen, dies zu erreichen. Wegen der mangelnden Qualifikation sind die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten stark eingeschränkt, dennoch möchten sie gerne als Durchschnittsbürger gelten. Sie fühlen sich oft benachteiligt. Zwischen Arbeit und Freizeit besteht eine klare Trennung, die Arbeit erfüllt den Zweck der Finanzierung der Freizeit. Die Freizeit ist erlebnisorientiert.

Erziehung 

Konsummaterialisten praktizieren nach Liebenwein überwiegend einen permissiv-vernachlässigenden Erziehungsstil. Sie setzen kaum Grenzen, zeigen aber auch kein responsives Verhalten. Ihr Erziehungsstil ist geprägt von Ambivalenz und Inkonsistenz. So vermeiden sie etwa Konflikte aus Bequemlichkeit und neigen zu Vernachlässigung und Zurückweisung der Kinder. Die Befragten erleben Konflikte mit gesellschaftlichen Normen als konstituierendes Merkmal des Lebens in dieser Gesellschaft und möchten dies den Kindern ersparen. Sensitivität für kindliche Bedürfnisse ist nur mäßig oder nur zeitweise vorhanden. Mit der Familiengründung verfolgten sie Ziele wie die Ablösung aus dem eigenen Elternhaus und die Demonstration der Selbständigkeit. Sie sehnen sich nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit und empfinden familiäre Pflichten als einschränkend. Wie die Traditionsverwurzelten können sich Konsum-Materialisten nur geschlechtstypische Berufe für ihre Kinder vorstellen.

Der permissiv-vernachlässigende Erziehungsstil gilt als ungünstig für die kindliche Entwicklung. Teilweise wird er als Misshandlung betrachtet. Die Vernachlässigung verhindert die Entwicklung einer sicheren Bindung. Zahlreiche weitere ungünstige Auswirkungen sind zu erwarten, u.a. ein geringes Selbstwertgefühl und ein nur schwach entwickeltes prosoziales Verhalten. Der vernachlässigende Erziehungsstil kommt häufig bei Eltern vor, die unter depressiven Verstimmungen leiden.

Die knappen finanzielle Ressourcen beeinträchtigen nachweislich und auch nach Einschätzung der Eltern selber den Erziehungsstil. Die Eltern zeigen weniger Zuwendung und Unterstützung, willkürliches, strafendes Verhalten. Wenn die Kinder wenig unterstützt werden, haben sie ein geringeres Selbstwertgefühl und leiden auch stärker unter der Ablehnung durch Peers.

Erwachsenenbildung

Die Bildungserfahrungen der Konsum-Materialisten sind negativ. In Bezug auf die Schule wird von Desinteresse und Überforderung, Distanz zu Lehrkräften und Diskriminierungserfahrungen berichtet. Viele von diesen Personen haben Ausbildungen abgebrochen und sehen die Schuld dafür bei anderen. Die tatsächlichen Weiterbildungserfahrungen beschränken sich auf erzwungene Maßnahmen. Interesse wird an alltagspraktisch verwertbaren Kursen geäußert. Aber auch ausgefallene und unrealistische Kurswünsche werden geäußert. Weiterbildung wird eher als von außen verordnet gesehen, eigenes Verantwortungsbewusstsein fehlt. Es bestehen besonders hohe Weiterbildungsbarrieren. Bildungsanstrengungen werden als zusätzliche Belastung im Alltag empfunden. Wenn vermeidbar wird auf Weiterbildung verzichtet. Nur wenn sie notwendig ist, um Arbeit zu bekommen (vom Arbeitsamt verordnet), kommt die Teilnahme infrage. Es besteht überdurchschnittlich häufig Prüfungsangst und weitere Schwellenängste. Außerdem wird der Nutzen der Weiterbildungsmaßnahmen aufgrund der bisherigen Erfahrungen bezweifelt. Orientierungslosigkeit in Bezug auf mögliche Angebote erschwert Eigeninitiative. Hinzu kommen begrenzte finanzielle Möglichkeiten und zeitliche Probleme, z.B. durch fehlende Kinderbetreuung oder Schichtarbeit.

Im Bereich der Persönlichkeitsbildung besteht zwar durchaus Interesse. Allerdings wird in diesem Bereich kein großes Veränderungspotential gesehen und die Effektivität von Kursen bezweifelt. Die Kurstitel werden zum Teil nicht verstanden und es besteht Angst vor Manipulation. Mögliche Anbieter sind nicht bekannt. Es herrscht ein großes Desinteresse an Gesundheitsthemen bei gleichzeitig häufiger Betroffenheit von (chronischen) Krankheiten. Bedeutsam sind soziale und zwischenmenschliche Kompetenzen. Im Milieu herrscht eine traditionelle Geschlechterrollenverteilung. Entsprechende geschlechtsspezifische Kompetenzen gelten als wichtig. Des Weiteren werden körperliche Kraft und Abwehrstrategien für den als belastend empfundenen beruflichen Alltag geschätzt. Kompetenzen werden vor allem im Alltag erworben, Interesse an gezielten Kursen besteht nicht. Es gibt aber wenige Vorbilder im eigenen Umfeld und es wird mehr Einfühlungsvermögen gewünscht. Für informelles Lernen besteht kein Bewusstsein. Von einem Dozenten wird verlangt, dass er einfühlsam und nicht autoritär ist. Das hierarchische Verhältnis wird aber nicht aufgegeben. Gegenüber neuen Methoden wie Rollenspielen besteht Unkenntnis und Skepsis. Eine gute Erreichbarkeit des Veranstaltungsortes ist wichtig. Es sind nur Anbieter „erzwungener“ Maßnahmen bekannt, im Osten teilweise nicht einmal die VHS.

Literatur:
Barz, Heiner; Tippelt, Rudolf (2007): Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland. Praxishandbuch Milieumarketing ; inkl. CD-ROM: Adressaten- und Milieuforschung zu Weiterbildungsverhalten und -interessen. 2. Aufl. Bielefeld: WBV Bertelsmann.
Liebenwein, Sylva (2008): Erziehung und soziale Milieus. Elterliche Erziehungsstile in milieuspezifischer Differenzierung. Univ., Diss.--München, 2007. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

 

 

 
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