müslikind

müslikind

06.09.2010 | 01:39

Praxisexperiment Integration oder meine Antwort auf Ihrwisstschonwen

HartzIV-Kinder sind Symbole für unverschuldete Not. In der öffentlichen Diskussion werden deshalb (zu Recht) bessere Schulen gefordert. Dennoch es absurd zu glauben, die Defizite ließen sich allein durch die Schule ausgleichen. 

Was unterscheidet ein HarzIV-Kind von anderen? Nehmen wir die Heldin (5). Seit gestern sind wir bei meinen Eltern. Am Telefon braucht sie einen Moment, um in ihre Sprache zurückzufinden. Wenn sie mir spricht, benutzt sie Wendungen, die ich vorher nie von ihre gehört habe. Ausdauernd klimpert sie auf dem Klavier meiner Schwester, es klingt gar nicht schlecht. Beim Ausflug am See erlebt sie ihre erste Bootsfahrt in einem Ruderboot. Nach anfänglicher Angst genießt sie es, lässt die Hand ins Wasser hängen und versucht, mit den Enten zu kommunizieren. Später auf dem Spielplatz beäugt sie neidisch ein deutlich kleineres Mädchen, das ohne Stützräder Fahrrad fährt (ich überlege immer noch, woher in ein Gebrauchtes für sie bekomme und wo man in unserem Viertel Radfahren üben kann). Meistens spricht sie zu laut, gar nicht daran gewöhnt, nicht ihre sechs Geschwister übertönen zu müssen. Auch sonst fällt ihr Kommunikationsverhalten gelegentlich negativ auf, z.B. wenn sie am Tisch laut „Kuchen!“ ruft. Dennoch wird mir vor allem eines überdeutlich, wenn ich sie in dieser Umgebung sehe: Dass sie ein ganz normales Kind ist. Sie genießt es, in Ruhe spielen zu können: Auf dem Klettergerüst ihre Grenzen auszutesten, mit Lego zu bauen, zu basteln, am Klavier erfundene Lieder zu singen. Sie albert gerne herum, freut sich über Aufmerksamkeit von Erwachsenen und will im Schwimmbad unendlich oft rutschen.

All das erlebt sie in ihrer Familie selten bis nie. In einer Familie wie meiner würde sie vermutlich keine Glitzer-Ohrringe und kaum rosa Kleidung tragen. Hätte aber bald Klavierunterricht und könnte wahrscheinlich schon Radfahren und schwimmen. Wäre sicherlich schon häufiger als zweimal im Zoo gewesen (ihre Mutter war bis heute nie) und dazu auf Bauernhöfen und in kleinen Tierparks. Hätte ein eigenes Zimmer mit eigenem Spielzeug, dass in Regalen seinen Platz hätte. Es würde dann seltener von ihrer Schwester zerstört oder von der Mutter unerreichbar „aufgeräumt“ werden. Am Wochenende würden Ausflüge gemeinsam mit anderen Familien veranstaltet und sie würde Freundschaft mit Gleichaltrigen schließen. Sie würde deutlich mehr Wörter kennen, um ihre Fragen an die Welt zu stellen. Stattdessen fahren wir übermorgen zurück.

Ab und zu wird es morgens um 10 an meiner Tür klingeln und ihre Mutter wird mich zum Frühstück einladen und mich anschließend bitten, für sie bei der ARGE anzurufen, da ein Teil der Leistungen aus unverständlichen Gründen nicht gezahlt wurden und sie dringend Winterkleidung für die Kinder kaufen muss. Die Heldin wird mir wieder stolz ihre neuen Ohrringe/Kleid/Glitzersandalen zeigen, die sie bekommen hat, ihre Schwester natürlich ebenso (gefühlte 80% der Äußerungen über Frauen in der Familie betreffen das Aussehen). Von Spielzeug weiterhin kaum eine Spur. In der beengten Wohnung wird sie mit den Geschwistern herumtoben und fernsehen. Außer für den Kindergarten und zum Einkaufen mit der Mutter wird sie die Wohnung kaum verlassen. Den Kindergartenbesuch wird die Mutter weiterhin großzügig handhaben, wenn die Heldin mal unpässlich ist.

Und ihre Augen werden wieder glänzen, wenn ich Zeit habe, ihr etwas vorzulesen, sie einfach in meiner Wohnung etwas in Ruhe basteln oder spielen zu lassen oder sogar einen Ausflug ankündige. Auf dem Spielplatz werden dann meine Augen glänzen, wenn ich sehe, dass sie etwas neues gelernt hat und stolz darauf ist.


Jetzt sage nochmal einer, solche Kinder bräuchten mehr Förderunterricht! Sie brauchen ein Leben! Ihre Probleme sind Symptome von den Problemen ihrer Familien, von Zermürbung durch Arbeitslosigkeit, Überforderung mit der Integration. Meistens kommt eine ganze Reihe solcher Schwierigkeiten zusammen. Aber das ist ein anderes Thema.

PS: Wie man bildungsferne Eltern unterstützen kann, war Thema meiner Diplomarbeit, in Kürze wird es hier eine Zusammenfassung geben.

 

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 06.09.2010 um 02:07
"Was unterscheidet ein HarzIV-Kind von anderen?"

Zum Glück behauptet noch niemand,
dass HartzIV ein genetischer Defekt ist,
auch wenn's leider ansteckend erscheint....
Vielen Dank für Deinen konstruktiven Beitrag!
weinsztein schrieb am 06.09.2010 um 02:19
Liebes Müslikind,

Kinder brauchen ein Leben, Spiele, Lob, Anerkennung und gute Schulen. Viele Eltern bräuchten früh Förderunterricht und Sarrazin den Druck, nach mehr als einem halben Jahr Leben unter Hartz4-Bedingungen ein weiteres Buch zu schreiben.

Ich freue mich auf die Essenzen Deiner Diplomarbeit.

Liebe Grüße
weinsztein
weinsztein schrieb am 06.09.2010 um 02:24
(Außerdem brauchen Kinder Liebe, Bälle, Kletterbäume, Bonbons (oder Müsliriegel). Und viel Gekuschel.)
merdeister schrieb am 06.09.2010 um 10:52
Vielleicht gab's den hier schon zu sehen...
merdeister schrieb am 06.09.2010 um 10:53
sorry weinsztein...
R.M. schrieb am 06.09.2010 um 11:44
Ein schönes Beispiel gelungener Nachbarschaftshilfe. So etwas wird aber die Ausnahme bleiben, nicht ein gesellschaftlicher Normalfall werden, obgleich solche Hilfestellungen zu begrüßen wären. Wie aber sollte politisch gehandelt werden, wenn man nicht davon ausgehen kann, dass sich derartige Nachbarschaftshilfen durchsetzen?
Frank Linnhoff schrieb am 06.09.2010 um 14:45
Müslikind, Sie sind ja ein GUTMENSCH!!!!!!
Fro schrieb am 06.09.2010 um 14:58
Sehr schön – und gut geschrieben.
Familie, Kita, Schule – das sind die Felder in denen in Zusammenarbeit mit den Betroffenen eine Bildungsoffensive angegangen werden muss und die Vorrausetzungen für eine soziale Integration geschaffen werden. Die Familie ist da sicher das schwierigste Feld, weil so schwer erreichbar – bin gespannt auf deinen nächsten Beitrag...

Integrations-Druck als Direktive von „Oben“, wie jetzt von vielen verlangt, ist vollkommen kontraproduktiv.
goedzak schrieb am 06.09.2010 um 15:06
Aus diesem Text spricht eine Menschlichkeit, eine Fähigkeit, Menschen nicht einfach als Angehörige einer Problemgruppe oder gar einer Gruppe Minderwertiger anzusehen, sondern als einzelne, besondere Menschen, wie sie die Claqueure des Herrn S. nicht aufzubringen in der Lage oder auch nur willens sind. Dass dieser Mangel auch bei einigen seiner Kritiker zu finden ist, macht es nicht besser.
Bin gespannt auf die Zusammenfassung der DA.
goch schrieb am 06.09.2010 um 16:13
Deine Geschichte macht deutlich, wie die Verweigerung eines angemessenen Unterhalts (HarzIV, Niedriglöhne, Leiharbeit) durch die Integrationsverweigerer (Konservative und Unternehmen) ein menschenwürdiges Leben und Lernen be- und verhindert.
Wer Menschen nur als Kostenfaktoren sieht oder sie in Nützliche und Weniger-nützliche einteilt, verweigert Ihnen Artikel 1 des GG. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2010 um 18:02
ich geb meine tochter in deine familie,
naja, wegen dem klavierunterricht,
vielleicht drei monate?
ginge das?

sorry,
ich les da nichts
"mitmenschliches" :roll:

hartz4-mama frau g.
müslikind schrieb am 06.09.2010 um 22:06
Wie wirkt es denn auf dich?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2010 um 11:28
sagen wir,...
ich hing auf ner palme nach dem lesen (einschließlich+va der kommentare wegen) :roll:

sagen wir,...
ich hätte teils genau das gegenteil der aussagen in den kommentaren als kommentar gebracht, was ich schlicht abkürzen wollt, um von der palme herunterzugelangen, indem ich ausschloß, was zusammengefaßt diese kommentare diagnostizierten...

(ich leb nun ziemlich genau zehn jahre
mit meiner tochter auf "soz.hilfe",später "hartz4"...)

mehr will ich gar nicht dazu sagen!
goedzak schrieb am 07.09.2010 um 11:33
Man kann in dem Text, wenn man unbedingt will, eine 'gut gemeinte' Herablassung lesen. Muss man aber nicht, da hat jeder ziemlich Spielraum. Damit meine ich, man kann abwägen, was mehr wert ist, das + oder das -.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2010 um 12:23
ich will keine herablassung lesen,
deshalb komm ich ja
zu einem gegenteiligen "urteil" ;-) ...

du liest dies herablassende und mußt
es deshalb mit gutgemeint betiteln,
um in diesem rahmen
ein höchstmögliches lob
"Aus diesem Text spricht eine Menschlichkeit, eine Fähigkeit, Menschen nicht einfach als Angehörige einer Problemgruppe oder gar einer Gruppe Minderwertiger anzusehen, sondern als einzelne, besondere Menschen,..." aussprechen zu können, ein "trotz...der betrachtung dieser menschen als problemgruppe und sogar gruppe minderwertiger, siehst du (müslikind) diese menschen als einzelne, besondere menschen..." ...
applaus, vorhang fällt...
wir gehen hinaus und reden bei einigen gläsern guten rotweins über diese gelungene inszenierung,übermorgen gehts zu den "schmutzigen händen" und nächste woche steht "der theatermacher" oder "ein fest für boris" an, sinn ma uns noch nich ganz einig...
goedzak schrieb am 07.09.2010 um 12:43
'Gut gemeint' ist kein Lob, auch kein Prä-Lob, eher das Gegenteil. Ich finde trotzdem in dem Text etwas, was die Autorin von allen hier sich präsentierenden S.-Verstehern und vielen S.-Kritikern unterscheidet. Das wollte ich mit meinem zugegeben ziemlich platt formulierten Kommentar sagen.

Bin mir ja oft nicht sicher, ob ich Dich richtig verstehe, mir scheint aber, mit den letzten Zeilen Deines Kommentars behauptest Du eine bestimmte Haltung, sogar Lebensweise bei mir. Kann ich nur sagen, kalkuliere ein, dass Du Dich irrst.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2010 um 12:55
ich sagte nur grad:
der goedzak isn lieber...
mehr steht da auch nicht drüber ;-)

s gäb wirklich einiges zur haltung,
die der text darstellt zu sagen,
aber eben nur der text,
wie eben auch nur "n kommentar" usw...

ka,wie du lebst,
aber sei dir gewiß,
ich kalkuliere ausschließlich mit der möglichkeit
des irrtums ;-)

nicht krumm nehmen
und ad müslikind:
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-keine zeit derzeit...also : bis irgendwann-
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