Das ist mein dritter Beitrag über die Heldin (5), ihre Schwester die Schnullerprinzessin (3) und ihre Familie. Hier findet ihr Teil 1 (Warum Heldinnen nie Leistungsträger werden) und Teil 2 (Praxisexperiment Integration oder meine Antwort auf Ihrwisstschonwen). Nach meinem letzten Text hatte ein Leser sich gemeldet, der der Heldin ein gebrauchtes Fahrrad von seinem Kind schenken wollte. Er hat sogar eine Stange besorgt, mit der man das Rad halten kann, damit sie ohne Stützräder üben kann, das Gleichgewicht zu halten.
Sie fährt unsicher in Schlangenlinien, aber sie fährt, die Heldin. Alleine, ohne Festhalten. Derweil breitet sich auf dem Gesicht der kleinen Schnullerprinzessin ein Strahlen aus, als sie den Balancierbalken bis zum Ende geschafft hat. Wir verlassen den Spielplatz und gehen an den Fluss. Erst geht die Heldin alleine runter, ich sammle oben mit der Prinzessin bunte Blätter zum Pressen und Herbstbilder basteln. Als die Heldin sie ruft traut sie sich doch die steile Böschung hinunter. Unten werfen sie gemeinsam Steine ins Wasser. Sie freuen sich über das platschende Geräusch. Die Heldin wirft einen kleinen Zweig und fragt, warum ernicht so laut platscht und nicht untergeht.
Plötzlich schreit sie auf, sie hat sich an einer Brennnessel verbrannt. Ich rate ihr, die Hand ins Wasser zu halten. Auf dem Rückweg fällt die Prinzessin ein paar Mal mit dem Roller hin, aber sie steht lachend wieder auf. Sie weint nicht mehr bei jeder Kleinigkeit. Ich freue mich, langsam lernt sie, Spaß zu haben und sich ihre Aufmerksamkeit nicht nur durch Gejammer zu holen.
Bei mir zu Hause angekommen legen wir die Blätter in ein dickes Buch. Die beiden wollen noch bleiben und wir schauen die Fogos und Videos vom Radfahren an. Hören Kinderlieder und singen mit. Sie malen etwas in Malbüchern, die Heldin macht Übungen in einem Vorschulbuch. Die Prinzessin ist schon viel ausdauernder geworden beim Malen.
Die Idee, Kinder bewusst zu fördern, z.B. ihnen Fahrrad fahren beizubringen, ist den Eltern fremd. Die Jungs können es trotzdem, warum auch immer. Aber die Mädchen werden nicht so einfach rausgelassen. Und dass Kinder eine Menge Erfahrungen machen müssen, die sie in einer Wohnung, zumal einer ohne Bücher und mit wenig Spielzeug, kaum machen können, ist den Eltern nicht klar.
Diese Einstellung war in unserem Kulturkreis früher auch sehr verbreitet (Quelle). Kleine Kinder brauchen demnach vor allem Liebe und körperliche Zuwendung und Versorgung. Dass sie in jedem Moment lernen und dafür Anregungen brauchen, ist ihnen nicht klar. In unserer Gesellschaft gelten Kleinkinder zunehmend als Genies, denen man beste Bedingungen mitgeben muss. Kinder, deren Eltern das noch nicht mitbekommen haben, sind deshalb zusätzlich benachteiligt. Kinder gebildeter Eltern werden bewusst und unbewusst um ein Vielfaches mehr gefördert. Sie lernen zum Beispiel die Art von Verhalten und sprachlicher Ausdrucksweise, die in der Schule erwartet wird (vgl. "Habitus" nach Bourdieu). Sie sehen, dass Bücher und Zeitungen zum Alltag gehören. Und ihre Eltern versuchen bewusst, ihnen alle möglichen Erfahrungen zu ermöglichen. Vorlesen am Abend, Ausflüge am Wochenende etc. Die Kinder, deren Eltern ihrer Entwicklung aus reiner Unwissenheit keine Bedeutung beimessen, haben da wohl Pech gehabt. Sie müssen sich in der Schule mit Kindern messen, die schon etwas lesen und schreiben können, während ihnen das Konzept "Buch" und das Konzentrieren auf eine vorgelesene Geschichte und die Bilder völlig fremd ist. Sie kennen Tiere nur aus dem Fernsehen.
In der Heimat der Eltern der Mädchen und auch bei uns in früheren Zeiten traten diese Probleme weniger auf. Sowohl auf dem Land als auch in der Stadt war es relativ normal, dass Kinder sich draußen aufhielten, in Gruppen trafen und die Welt entdeckten. Viele Kinder mussten auf dem elterlichen Hof oder in Betrieben helfen. Nur wenige Kinder besonders gebildeter Eltern wurden gezielt gefördert. Die meisten Kinder hatten etwa dieselben Voraussetzungen: Gewisse Anforderungen wurden an ein angepassten Verhalten gestellt, ihre Lernerfahrungen machten sie in der "realen Welt", soweit sie ihnen zugänglich war. Die Eltern der Mädchen hatten ein großes Haus mit Garten. Vermutlich könnten sie dort oft raus und Kinder aus der Nachbarschaft würden zum Spielen kommen. Das Haus wurde zerstört, die Familie musste bei Nacht und Nebel fliehen. Hier wohnen sie in einer beengten Mietwohnung, einen Garten gibt es nicht. Die Eltern sind vollauf damit beschäftigt, sich in der neuen Kultur zurecht zu finden und ihren Kindern nach ihren Vorstellungen ein angemessenes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört viel Liebe, eine schöne Wohnung, Sauberkeit und ordentliche Kleidung. Mädchen erfahren vor allem für Schönheit Anerkennung, deshalb ist es der Mutter eine besondere Freude, ihnen, schöne Kleidung zu kaufen, auf dem Flohmarkt, bei Kik und manchmal bei C&A. Wenn ich mit ihnen auf dem Spielplatz will, muss ich sie meistens nochmal zurückschicken, damit sie sich wärmere Kleidung und feste Schuhe anziehen. Was Kinder an Bildung und Erfahrung brauchen, um hier mithalten zu können, können die Eltern, die selber kaum Lesen und Schreiben können, nicht einmal ansatzweise ermessen.
Ich freue mich, dass die Heldin jetzt Fahrrad fahren kann und dass die Prinzessin mehr Spaß hat und weniger weint. Zur Zeit versuche ich über eBay ein kleines Laufrad für sie zu finden, ein Fahrrad ohne Pedale, mit dem sie üben kann, das Gleichgewicht zu halten. Wenn ich beruflich in der Gegend bleiben und weitermachen kann, kann die Prinzessin nächstes Jahr auch radfahren. Und die Heldin bekommt ein größeres. Diese beiden Mädchen können dann schon bei Schuleintritt Radfahren. Sie werden nicht wie so viele Mädchen mit Migrationshintergrund durch erhebliche Defizite in diesem Bereich auffallen. Und müssen sich nicht als Außenseiter fühlen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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