müslikind

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14.02.2010 | 20:04

Volksverhetzung durch Volksvertreter oder Sabrinas Verschwörung

„Macht Hartz IV faul?“ (BILD-Titelseite) +++ „Anstrengungsloser Wohlstand“ und „spätrömische Dekadenz“ (Westerwelle) +++ „Arbeitspflicht“ (Koch) +++ „Arbeit muss sich lohnen“ (FDP-Wahlplakat und zahlreiche Politiker)

Glucksend ergießt sich der Aldi-Sekt in die Badewanne. Sabrina stopft sich die Ohrstöpsel des neuen iPods tiefer ins Ohr und leert die letzte Flasche. Das Geschrei der vier Kinder ist unerträglich, aber mit lauter Musik lässt es sich aushalten. Warum sind die eigentlich mal wieder nicht in die Schule gegangen? Naja, sie kann es ja verstehen, dort wird man nur schikaniert, dauernd soll man sich anstrengen. Außerdem ist es besser, wenn sie die Schule nicht schaffen, dann müssen sie später nicht arbeiten. Nachdem sie heute mittag schon beim Amt war, um einen Zuschuss für Kevins Klassenfahrt zu beantragen, hat SIE sich nun wirklich genug angestrengt für diesen Tag. Sabrina ist zufrieden, alles läuft wie geschmiert. Dass keiner sie mehr mag und jeder ihr Faulheit unterstellt, stört sie nicht, schließlich kann sie sich dekadent ihren spätrömischen Wohlstand anstrengungslos hingeben. Oder so ähnlich. Es klingelt, sie brüllt nach Cindy, damit sie die Tür öffnet. Es ist Alex. Hoffentlich haben die Nachbarn nicht bemerkt, dass sie einen neuen Partner hat, wenn sie beim Amt verpfiffen wird, könnte es Ärger geben.

Nach einer Stunde kriegt sie Durst auf Bier. Sie erhebt sich aus der Wanne, irgendwie ist der Sekt auch doch etwas kalt. Sie schickt Alex mit dem letzten Geld Bier holen (zu unhandlich zum Klauen) und gibt Dennis eine Ohrfeige, der nach Essen fragt. Schließlich sind die kleinen Biester selber Schuld, dass sie alle Milchschnitten und Fertigpizzen für diesen Monat schon aufgegessen haben und bei McDonalds waren sie auch schon oft genug diese Woche. Jetzt ist das Geld eben alle, morgen wird sie einfach wieder zur Tafel gehen und Essen holen. Jacqueline kommt an und erzählt, ihre Lehrerin hätte gesagt, sie bräuchte größere Schuhe. Wieder eine Ohrfeige, aber sie könnte morgen ja mal bei der Kleiderkammer gucken, ob es neue Sachen gibt. Nike-Schuhe wird es nicht mehr so oft geben, seit sie das Geld für die Playstation 3 und die Couchgarnitur nicht zurückgezahlt hat, verleihen ihre Freunde nichts mehr.

Aber Sabrina ist zufrieden. Sie hat ja römische Spätanstrengungsdekadenz. Alles hat wunderbar geklappt. Darüber, wie ihr Vater mit seiner Gruppe Gerhard Schröder damals zu diesem Schritt zwingen konnten, hat sie nur Andeutungen gehört, lediglich der engste Kreis war eingeweiht. Aber Millionen von Menschen haben gejubelt, über die angestrengte Römerlose Dekadenz. Seit Jahren mimen sie brav die Arbeitssuchenden und können sich sicher sein, dass sie keinen Erfolg haben werden. Hinter den Kulissen hat ihre Lobbygruppe lange für den Neoliberalismus gekämpft. Seit den Jahrzehnten haben sie mit ihren Rationalisierungsinitiativen und Produktionsverlagerung ins Ausland tatsächlich einen nennenswerten Verlust von Arbeitsplätzen für gering Qualifizierte erreicht. Und das ist unumkehrbar. Einer ihrer letzten Erfolge war, dass eine wichtige Person vor den letzten Wahlen gebetsmühlenartig die Worte „Wachstum“ und „Arbeit“ in Verbindung brachte. So gerät in Vergessenheit, dass viele Maßnahmen zur Erreichung von Wachstum gerade keine Arbeitsplätze bringen. Arbeitskräfte stellen nunmal Kosten dar, die es zur Erzielung von Wachstum zu minimieren gilt.

Nachdem sie die Kinder mit der Playstation aus dem Wohnzimmer verscheucht hat – nicht ohne eine Ohrfeige für die weiteren Cola-Flecken auf dem Teppich – schiebt sie eine der neuen DVDs rein und macht es sich in ihrem Jogginganzug auf der Couch bequem. Cindy und Jacqueline kennen ihren Filmgeschmack schon ganz gut – gestern haben sie Nachschub von Mediamartkt besorgt, die Kleinen haben den Bogen echt raus. Immer schön in der Nähe von harmlosen Frauen bleiben, dann achtet niemand auf ihre Prinzessin-Lillifee-Rücksäcke. Nur von den Jungs wurden sie danach verprügelt, weil sie das gewünschte Spiel in der Version für Nintendo DS und nicht für Playstation 3 erwischt hatten. Ihr kann das egal sein, ein Artikel mehr für eBay. Die DVDs hat sie natürlich auch sofort eingestellt, in einer Woche wird sie alle geschaut haben und kann sie dann sofort verschicken.

Sabrina lacht leise in sich hinein. Verdammt, passt das alles gut zusammen. Die Populisten (sie weiß zwar nicht, was das ist, aber alle nennen inzwischen Roland Koch und Guido Westerwelle so) machen ihren Job gut und die BILD-Zeitung spielt brav mit. Seit Jahren werden die Arbeitslosen als faul hingestellt, um davon abzulenken, was die Arbeitslosigkeit verursacht. So können die Politiker weiter nach der Pfeife der Wirtschaft tanzen, die das steigende BIP (was auch immer das sein mag) systematisch an immer weniger Leute verteilt. Obwohl es seit der Krise sinkt, halten sie an ihrer Strategie fest. Das stellt sicher, dass die Zahl der Arbeitsplätze garantiert nicht wieder steigt und sie sich keine Sorgen um Arbeit machen müssen. Dass die Populisten es etwas zu weit treiben und Kürzungen von Hartz IV oder Arbeitspflicht fordern, braucht ihr keine Angst machen, das Bundesverfassungsgericht beschützt sie. So hat ihr das Maulwurf Nr. 23 erklärt. Und alles ist besser, als das Risiko einer effektiven Arbeitsmarktpolitik von Seiten ihrer vermeintlichen Fürsprecher, die Roten und Grünen. Man kann sich schließlich nicht darauf verlassen, dass man das Glück hat, an so jemanden wie Schröder zu geraten.

Alex und das Bier gesellen sich zu ihr. „Jemand von der Opposition hat sinnvollere Kurse für Arbeitslose gefordert!“ berichtet er. „Zum Glück hört denen keiner zu!“ Der Gedanke, tatsächlich etwas lernen zu müssen, ist ihr ein Graus. Da doch lieber ab und zu in Bewerbungskursen rumhängen. Die Zeit im Internet kann man wenigstens für Versandhausbestellungen unter falschen Namen nutzen, oder um sich aus Pornos Anregungen zu holen. Man weiß nie, wann man mal wieder einen Mann überzeugen muss und sie hat irgendwie den Eindruck, dass das mit zunehmender Leibesfülle immer schwieriger wird.

„Jetzt bist du dran mit Wodka holen, hab keinen Bock mehr auf Bier!“ meldet sich Alex nach dem zweiten Film zu Wort. „Wieso hast du denn keinen mitgebracht?“ Das hätte sie nicht fragen sollen, der Schlag hat gesessen. Sie hievt sich hoch, zieht die dicke Jacke über und schleppt sich in den Supermarkt. Während sie auf einen günstigen Moment wartet, die Flasche in der Jacke verschwinden zu lassen, hört sie hinter sich das Wort „Hartz IV“ und spitzt die Ohren. Sie dreht sich um und bemerkt zwei junge Leute in ihrem Alter, die Bio-Grünzeug aussuchen, dessen Namen sie nicht kennt. Sicher Studenten. „Wieso meinst du, dass Hartz IV-Empfänger faul sind, kennst du welche? Hast du Studien darüber gelesen?“ fragt das Mädchen. Der Junge schaufelt noch mehr undefinierbares Zeug in den Wagen und sagt: „Hm, vielleicht hast du recht und ich bin auch der Medien-Kampagne auf den Leim gegangen.“ - „Es gibt sogar einen Bericht darüber, dass die meisten sich total um Arbeit bemühen und es kaum Missbrauch gibt. Der wird in den Medien natürlich kaum zitiert, während man jeden Tag etwas von Westerwelle und Koch hört. Warum es zu wenige Arbeitsplätze gibt, wird da auch nie erklärt.“ Helles Köpfchen, die Kleine, hoffentlich wird sie nicht Politikerin. Später an der Kasse steht sie mit ihrer unverfänglichen Klopapier-Packung, hinter den beiden und es geht wieder los: „Das Problem, wenn arbeitende Leute kaum mehr Geld haben als Arbeitslose sind doch nicht zu hohe Hartz IV-Sätze sondern zu niedrige Löhne! Die Zahlen, die neulich in allen Zeitungen standen, wonach angeblich jemand mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen kaum mehr hätte als wenn er nicht arbeiten würde, stimmten außerdem nicht. Es wurde nicht einbezogen, dass die Arbeitnehmer ja aufstocken können, also zusätzlich noch ergänzende Leistungen bekommen. Meiner Meinung nach wäre eine Grundsicherung in Höhe von mindestens 500 Euro für jedes Kind die beste Lösung, so wie sie die Sozialverbände fordern. Arbeit würde sich dann lohnen, sobald sie den Hartz IV-Satz für eine einzelne Person übersteigt und das geht ja schnell. Dann wären Eltern mit anderen Arbeitsuchenden gleichgestellt.“ Im ersten Moment erscheint Sabrina der Gedanke verlockend – bei vier Kindern wären das ja 2000 Euro! Aber der Haken kam zum Schluss: Die Tante im Arbeitsamt würde dann viel mehr Druck machen, dass sie irgendwelche Scheißjobs machen soll. Besser also weniger Geld und dafür spätdekadentes Römertum, ohne jede Anstrengung. Verdammt, was haben die beiden eigentlich mit dem ganzen Grünzeug vor? Kann man daraus was kochen? Nur aus Gemüse? Vielleicht vernebelt ihnen das das Gehirn so...

Irgendwas in der Küche fängt langsam an zu stinken, die Kinder haben mal wieder nicht geputzt. Widerwillig beseitigt sie den gröbsten Dreck, Maulwurf Nr. 17 und ein paar andere wollen später vorbei kommen. Sie mag ihn nicht, er redet immer so viel und sie versteht nichts davon.

„Wir müssen aufpassen, bei den linken Wissenschaftlern. Denen hört zwar niemand zu und es sind auch nicht viele, aber sie sind teilweise echt nicht dumm. Sie haben zwar amüsante Theorien darüber, warum Leute wie ihr nicht so erfolgreich in Schule und Weiterbildung sind, in ihrer Gutgläubigkeit kommen sie nicht darauf, dass es wirklich Faulheit ist. Aber wenn die das weiter erforschen und die Bildungsangebote stärker auf euch abstimmen, könnte es echt ungemütlich werden.“

Sabrina schaltet ab, sie wusste ja, dass er nur Müll von sich geben würde, wer versteht denn sowas bitte? Mit einem Glas Wodka verzieht sie sich ins Nebenzimmer zum Pornos gucken.

 

§ 130 StGB Volksverhetzung

(1)Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

     1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder   Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder


    2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,


    wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

 

 
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Kommentare
Bert schrieb am 14.02.2010 um 21:31
"in ihrer Gutgläubigkeit kommen sie nicht darauf, dass es wirklich Faulheit ist". Brillianter Text, subtile Botschaft, gefällt mir!
müslikind schrieb am 14.02.2010 um 21:39
Danke :-)
carlfatal schrieb am 15.02.2010 um 01:10
Dem kann ich nur beipflichten, genau die richtige Antwort auf die Ausfälle; danke.
Lee Berthine schrieb am 15.02.2010 um 08:33
Nach Jens Dübel (oder wie der heißt), und dem legendären Mallorca-Rolf wäre das doch mit Sabrina endlich mal wieder eine geeignete Zielscheibe für den Frust und die Vorurteile, die sich bei den braven, arbeitstätigen, aber verdammt schlecht bezahlten Bürgern angestaut hat.
Statt sich für bessere Arbeitsbedingungen und eigene höhere Löhne einzusetzen, können sie da bei ein bißchen Schießbuden-Ballern Dampf ablassen. Und vielleicht eine witzige Plastikpuppe gewinnen.
Ist doch super, und passend zum Karneval!!!
Sigdrifa schrieb am 17.02.2010 um 19:18
Genialer Text! Gern gelesen! Danke für den Link.
Viele Grüße,
Sigdrifa (Brynhilda)
mahung schrieb am 18.02.2010 um 18:22
hallo müslikind,

danke für den hinweis auf deinen text, welchen ich sehr gut finde bzw. treffend.

wenn du willst, ich habe auch noch was zum thema:

www.freitag.de/community/blogs/mahung/nicht-jammern-hartz-iv-beantragen

viele grüße
müslikind schrieb am 18.02.2010 um 19:01
Danke, gefällt mir auch sehr gut!
müslikind schrieb am 22.02.2010 um 22:39
Zwei Bürger haben tatsächlich wegen der Äußerungen Anzeige gegen Westerwelle erstattet - einer davon wegen Volksverhetzung! bit.ly/aCMjrz
Danke an den Twitterer @CptLPirate!
Floppius schrieb am 24.03.2010 um 18:30
Um es ganz kurz zu machen: wunderbarer Text!
müslikind
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