müslikind

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07.11.2010 | 01:08

Wer hilft den Eltern, keine Problemfamilie zu werden?

 

Es folgt eine Kurzfassung meiner Diplomarbeit im Fach Pädagogik (Studienrichtung Erwachsenenbildung und Außerschulische Jugendbildung) mit dem Titel "Elternbildung: Erfolgsfaktoren und Zugangsbarrieren für benachteiligte Adressaten". Einige Hintergrundinformationen habe ich "ausgelagert", die Links finden sich im Text.

Elternkurse und Ratgeberliteratur über Erziehung erfreuen sich wachsender Beliebtheit (Hintergrund-Text über Elternbildung). In bestimmten Kreisen ist es selbstverständlich (und setzt die Eltern unter Druck) Kindern von Anfang an – am Besten schon vor der Geburt – optimale Bedingungen zu bieten. Bildungsfernen Eltern sind diese Angebote aus vielfältigen Gründen verschlossen. Es fängt schon damit an, dass es einfach nicht zu ihren normalen Verhaltensweisen gehört, bei Problemen ein Buch, einen Kurs oder einen Besuch in einer Beratungsstelle in Erwägung zu ziehen. Mit Unterricht und Büchern verbinden sie negative Schulerinnerungen oft bestehen regelrechte „Schultraumata“ und beim den Kontakt mit „Experten“ scheuen sie, vielleicht aus Scham über ihre Probleme und auch aus Angst, bevormundet und kontrolliert zu werden. Wenn es um Kinder geht kommt auch die Angst vor dem Jugendamt schnell dazu. Diese Gründe wollte ich etwas genauer beleuchten. Ich ging davon aus, dass auch benachteiligte und bildungsferne Eltern ihren Kindern beste Bedingungen bieten wollen. Allerdings sind sie oft von zahlreichen persönlichen Problemen belastet: Geringe Bildung bedeutet meist geringes Einkommen oder Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftliche Situation wirkt sich auf das Wohlbefinden der Eltern und ihren Umgang mit dem Kind aus. Wie müssen nun Bildungsangebote aussehen, die sich erstens an den Bildungsbedürfnissen der Zielgruppe orientieren und zweitens auch ihre Lebenssituation berücksichtigen?

In meiner Arbeit habe ich mich besonders auf die Eltern von Kindern im Alter bis zu drei Jahren konzentriert. In diesem Alter sind die Kinder meist noch nicht in Betreuungseinrichtungen. Die Eltern haben also vermutlich noch keine professionellen Ansprechpartner, die sie bei Problemen fragen könnten und von denen sie auch auf mögliche Entwicklungsstörungen hingewiesen werden könnten. Gleichzeitig sind die ersten Lebensjahre eine enorm wichtige Entwicklungsphase, in der schon gravierende Benachteiligungen entstehen können, wenn sich die Eltern der Bedürfnisse eines Kleinkindes nicht bewusst sind.

Hier ein Auszug aus meiner Einleitung.

Benachteiligung
Für die Beschreibung von Benachteiligung wird häufig auf die Kapitalarten des Soziologen Pierre Bourdieu zurückgegriffen. Als wichtigste Arten von Kapital betrachtete er ökonomisches, kulturelles (Bildung) und soziales (Beziehungen) Kapital. Wer viel Kapital hat, dem fällt es auch leicht, weiteres zu akkumulieren und gesellschaftliche hohe Positionen zu erreichen. Das Kapital der verschiedenen Sorten ist zum Teil ineinander konvertierbar, z.B. können durch Geld Bildungsdienstleistungen erworben werden werden und mit guten Kontakten ist es wahrscheinlicher, einen gut bezahlten Job zu finden. 

 

Umgekehrt haben Menschen, die in allen drei Bereichen über wenig Kapital verfügen, auch geringe Möglichkeiten, aufzusteigen. Das ist klar: Ohne Bildung, Geld und ein unterstützendes soziales Umfeld ist es sehr viel schwieriger, die eigenen Lebenssituation zu verändern. Aber nicht nur die Menge des Kapitals unterschiedlicher Zusammenstellung unterscheidet verschiedene Gruppen. Die Unterschiede sind viel feiner („Die feinen Unterschiede“ ist der Titel eines der Hauptwerke von Bourdieu). Bourdieu fand heraus, dass sich Menschen systematisch im Hinblick auf den alltäglichen Lebensstil, Geschmack (z.B. Essen, Wohnungsgestaltung, Hobbys) und Wertvorstellungen unterscheiden. Diese Eigenschaften fasste er unter dem Begriff Habitus zusammen. Damit sind Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata gemeint. 

Mit dem Habitus-Modell griff Bourdieu der modernen Milieuforschung vor. Während die klassische Schichttheorie Menschen nur nach Kriterien wie Einkommen, Bildungsstand und beruflichem Status kategorisierte, bezieht die Milieutheorie auch eine horizontale Ebene mit Wertvorstellungen und Lebensstile mit ein. Das ist erforderlich, da die heutige Gesellschaft so komplex geworden ist, dass die Zugehörigkeit zu einer Schicht kaum noch aussagekräftig ist. Das bekannteste Milieumodell stammt von der Sinus Sociovision GmbH. Die sogenannten Sinus-Milieus kommen sowohl in der Marktforschung als auch in der soziologischen Forschung zur Anwendung. Sie werden alle paar Jahre vom Sinus Institut mit neuen Daten aktualisiert.

In meiner Arbeit habe ich mich vor allem mit zwei Milieus beschäftigt, die sich in der Unterschicht und unteren Mittelschicht befinden. Die meisten Eltern in benachteiligten Lebenslagen dürften zu diesen Milieus gehören. Im folgenden möchte ich einige Forschungsergebnisse über diese Milieus vorstellen, die man in Verbindung mit Erziehung und Elternbildung bringen kann. 

Hier finden sich eine ausführlichere Beschreibung der beiden genannten Milieus.

Experteninterviews
Um Näheres über die speziellen Bildungsbedürfnisse von benachteiligten Adressaten herauszufinden, interviewte ich drei Expertinnen, die mit Eltern aus meiner Zielgruppe arbeiten. Nach einiger Recherche und telefonischen Vorgesprächen entschied ich mich für eine Schwangerenberatungsstelle, eine Frühpräventionsstelle und eine Familienstation. Alle drei Stellen sind dafür zuständig, Eltern von Kindern bis drei Jahren beratend zu unterstützen (die Familienstation auch Eltern mit älteren Kindern) und bieten zum Teil Kurse und Gruppen für Mütter an.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse:

 

  • Zugang finden: Der Kontakt wurde meist durch Hebammen oder Ärzte im Krankenhaus oder durch das Jugendamt vermittelt. Der Kontakt kam zustande, weil die Frauen sich in einer akuten Notsituation befanden. Die Schwangerenberatungsstelle suchen die Frauen außerdem auf, um finanzielle Hilfe für ihr Kind zu beantragen. In keinem Fall kamen also Eltern von selber auf die Idee, sich zum Umgang mit dem Säugling beraten zu lassen und suchten die Stelle deshalb auf.
  • Beziehung aufbauen: Alle drei Frauen berichteten, dass eine vertrauensvolle Beziehung zu die wichtigste Voraussetzung für die Arbeit ist. Deshalb ist es entscheidend, dass andere Personen, denen die Eltern vertrauen (z.B. die Hebamme) den Kontakt persönlich vermitteln. Eine anonyme Adresse aufzusuchen, stellt eine hohe Hemmschwelle dar und ist nur möglich, wenn es um scheinbar unverfängliche Dinge wie die Beantragung von finanzieller Hilfe geht.
  • Väter und Mütter: Die meisten hilfesuchenden Frauen sind alleinerziehend. Nur wenige Väter interessieren sich ebenfalls für die Hilfe. 
  • Bindung zum Kind: Den meisten hilfesuchenden Frauen fällt es schwer, eine sichere Bindung zum Kind aufzubauen. Dies wird von den Beraterinnen als großes Problem gesehen, ist den Frauen aber meist nicht bewusst. Dennoch sind sie offen für konkrete Tipps im Umgang mit dem Kind.
  • Bildungsinteressen: Die meisten Mütter interessieren sich für Tipps im konkreten Umgang mit dem Kind, z.B. was Schlafen, Schreien, Ernährung betrifft. Die Anleitung soll möglichst praktisch erfolgen, gegenüber Kursen sind sie skeptisch und viele können nur schlecht lesen.
  • Herkunftsfamilie: Die meisten Frauen kommen selber bereits aus zerrütteten Familien. Folglich fällt es ihnen schwer, eine stabile Paarbeziehung zu führen und eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Zusätzlich fehlt es an der Unterstützung durch die eigenen Eltern bei der Betreuung des Kindes. 
  • Soziales Umfeld: Die meisten Mütter haben wenig soziale Kontakte, z.B. wendete sich der Freundeskreis bei Geburt des Kindes ab. Gruppenarbeit wurde von allen Interviewten deshalb als außerordentlich wertvoll eingeschätzt.
  • Armut: Viele der Mütter sind durch die Schwangerschaft arbeitslos geworden oder haben gar keine abgeschlossene Ausbildung. Folglich sind sie auf die Unterstützung der ARGE angewiesen. 
  • Umgang mit Behörden: Die meisten Mütter benötigen Hilfe im Umgang mit Behörden, z.B. bei der Antragstellung bei ARGE. Oft haben sie Schwierigkeiten, Post zuverlässig zu beantworten.
  • Sprache: Ein großer Anteil der hilfebedürftigen Frauen hat einen Migrationshintergrund und deshalb sprachliche Schwierigkeiten, z.B. im Umgang mit den Behörden. Aber auch die deutschen Mütter haben z.B. Probleme mit dem Lesen. Deshalb betonten alle Interviewpartnerinnen die Bedeutung von anschaulichen Methoden bei der Wissensvermittlung. 
  • Erfahrungen mit formaler Bildung: Die Erfahrungen, die die Mütter in der Schule machten sind meist sehr negativ. Das wirkt sich auch auf ihre Einstellung zu Weiterbildungsangeboten aus. 
  • Selbsteinschätzung: Es gibt Hinweise, dass die Mütter sich in Bezug auf ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind tendenziell überschätzen. Außerdem sind sie der überwiegend der Meinung, dass Erziehung Privatsache sei, in die sich niemand einmischen sollte.

 

 

Fazit
Bei gebildeten Familien steigt die Nachfrage nach Elternbildungsangeboten wie Erziehungskursen und Ratgebern. Bildungsferne Eltern nehmen diese Angebote nicht in Anspruch. Für sie bestehen zahlreiche Zugangsbarrieren. Mit schulähnlichen Lernformen haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. Außerdem haben sie bei Hilfsangeboten Angst vor Kontrolle und Bevormundung. Dennoch möchten sie ihren Kindern beste Bedingungen bieten. Gleichzeitig leisten sie unter ihrer schwierigen finanziellen Situation und eventuell Arbeitslosigkeit. Dies wirkt sich auch massiv negativ auf ihre Kinder aus. Eine besonders gefährdete Gruppe sind alleinerziehende Mütter mit einem geringen Bildungsstand. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die Art des Zugangs zur Familie. Bildungsferne Familien erreicht man nicht durch Flyer, Internetseiten und Volkshochschulprogramme. Sie möchten etwas über den Umgang mit ihrem Kind lernen, nehmen aber nur Rat an, wenn ein Vertrauensverhältnis zu der beratenden Person besteht. Der Kontakt sollte also automatisch, z.B. bereits in der Klinik entstehen. Ist einmal eine gute Beziehung entstanden, wird die Mutter freiwillig wieder den Kontakt suchen und sich bei Problemen von selber melden. Die Vermittlung von Wissen muss sehr anschaulich und praxisnah erfolgen. Schwerwiegende Probleme der Mütter, z.B. Beziehungsprobleme und finanzielle Sorgen müssen ernst genommen werden, da sie die Mutter daran hindern, sich auf ihr Kind zu konzentrieren. Ein wichtiger Inhalt von Bildungsangeboten sollte die Mutter-Kind-Bindung sein. Die Mütter haben oft Defizite in diesem Bereich, da sie selber in ihrer Herkunftsfamilie keine sichere Bindung erfahren haben.

 

 

 
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Kommentare
Hermanitou schrieb am 07.11.2010 um 05:44
Danke. Gerne gelesen. Da ich in diesem Bereich arbeite, ist dieses Thema sehr wichtig. Man kommt im Übrigen schon an beratungsresistente Familien heran, aber es ist ein mühsamer Weg. Und Sie haben völlig recht: Mit Kursen und anderen schulähnlichen Angeboten geht es nicht.

Beste Grüße
Hermanitou
sozenschreck schrieb am 07.11.2010 um 08:39
@müslikind
Was Sie im Blogbeitrag zur Elterhilfe für Problemfamilien schreiben, klingt plausibel, inclusive Ihres Fazits.

Wenn ich Ihr Professor wäre, hätte ich Sie aber bereits im Vorfeld zur Ihrer Diplomarbeit darauf hingewiesen, dass mehr zur Beseitigung des eigenen Fehlverhaltens der "Problemeltern" gefordert und Maßnahmen dazu aufgezeigt werden müssen.

Damit meine ich beispielsweise das Streben nach Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, die Fähighkeit sich Ein- aber auch Unterzuordnen usw. den "Problemeltern" als Eigenverantwortung nahegelegt werden muß.

Außerdem bin ich erstaunt darüber, dass der Alkoholismus offensichtlich nicht relevant bei der Elternhilfe ist.
Weder bei den Ergebnissen zu den Interviews noch (dann wohl zwangsläufig nicht) im Fazit.
Trifft das tatsächlich so zu?

Ich denke auch, dass bei solchen Eltern eine Schuldenberatung gut ankäme.

Dann würde ich als Pädagoge den Problemeltern auch nahelegen, dass ihr Fernsehkonsum sich weniger auf Unterschichtensendungen (DSDS, Soaps, etc.) konzentrieren sollte.
Islamischen Problemeltern würde ich empfehlen, Satellitenfernsehen aus ihrer Heimat z. B. auf weniger als 1 h/Tag zu begrenzen und wenn erforderlich, auch an Sprachkursen für deutsch teilzunehmen.
Naja, falls Alkohilismus doch eine Rolle spielt, was ich vermute, müßte dieser natürlich klinisch behandelt werden.
Cassandra schrieb am 07.11.2010 um 11:59
Danke.
oranier schrieb am 07.11.2010 um 16:23
"Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. (...)"

(Karl Marx, 3. These über Feuerbach
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