Murasaki

Blog von Murasaki

22.03.2010 | 12:17

Marianne und Michael



Die längste Zeit, die ich je in Bayern verbracht habe, waren grob geschätzt zwanzig Minuten an einer Autobahnraststätte. Aufgewachsen im hohen Norden der Republik bin ich mit der süddeutschen Kultur zeit meines Lebens nur an wenigen Orten in Berührung gekommen. Einer dieser Orte war das Wohnzimmer meiner Großeltern. Der andere war New York City.
In meinen Kindertagen besuchten meine Familie und ich an fast jedem zweiten Sonntag unsere Großeltern. Was bei solchen Besuchen unweigerlich dazu gehörte, war, dass mein Opa nach dem Abräumen des Kaffeetisches das alte Röhrenradio anstellte um uns wahlweise mit schunkeliger Ausgelassenheit oder brunftschreiähnlichen Sehnsuchtsballaden zu beschallen.Während Marianne und Michael von rauschenden Wildbächen und heißem Verlangen sangen, warfen meine Schwester und ich uns vielsagende Blicke zu und hielten die Hände vor den Mund um nicht laut zu kichern. Diese Musik und die rotwangigen, immerzu gutgelaunter Menschen, die sie zumeist in Lederhosen und Dirndl darboten, erschienen uns wie Elemente einer Slapstick-Komödie, in der sich alle paar Sekunden einer blamiert. Nicht einmal unsere Großeltern selbst konnten wir uns in solch einem Aufzug vorstellen. Wenn sich auch unser eigener Musikgeschmack bis dahin in Disneyfilm-Soundtracks und der Kelly Family erschöpfte und wir von gesellschaftlichen Zusammenhängen so viel Ahnung hatten wie eine Schildkröte vom Suppekochen, so sagte uns doch unser Bauchgefühl, dass mit dem, was diese Musik uns vermitteln wollte, etwas nicht stimmte.
Die zunächst unerklärbare Abneigung ließ sich im Laufe der Jahre nach und nach mit mehr oder weniger rationalen Argumenten untermauern: Zunächst war da das Offensichtliche, nämlich der  kaum ernstzunehmende, karnevalesk anmutende Modestil der Sänger. Den hätte man aber unter Umständen noch tolerieren können, wenn wenigstens die Texte der Bergsongs das in der Kleidung vorgefundenen Defizit an Authentizität wettgemacht hätten. Dass man in Süddeutschland tagaus tagein nichts anderes tat als sich über die schöne Landschaft zu freuen, erschien uns allerdings mit jeder gestammelten Stoiberrede unwahrscheinlicher. Und schließlich war da noch ein gravierenderer Einwand gegen die ausgelassene Volkstümlichkeit: Auf unsere „Heimat“, so lehrten uns tagtäglich Geschichtsunterricht und Allgemeinbildung, konnten wir nun wirklich alles andere als stolz sein. Das änderte sich auch nicht mit dem Älterwerden. Denn WM-Fieber hin oder her, „Du bist... der blöd grinsende Typ mit Jägerhut und Masskrug in der Hand“ klang in unseren Ohren einfach nicht sexy. 
Als ich im Rahmen meines Studiums für ein paar Monate nach New York kam, hätte ich vermutlich ahnen können, was auf mich zukam, als ich zum ersten Mal ein deutsches Restaurant betrat. Dennoch traf mich das, was ich sah, unvermittelt: Lederhosen, Dirndl, Bier und volkstümliche Wildbachmusik - das war alles, was den Amerikanern zu Deutschland einzufallen schien. Vor jeder Trinkrunde besang eine Gruppe fröhlicher New Yorker die Gemütlichkeit, rief ein herzhaftes „Eins, zwei, drei g´suffa!“ in den Raum und führte anschließend mit sichtlicher Zufriedenheit den Masskrug zum Mund. Marianne-und-Michael-Klone wohin man auch blickte.
Leicht irritiert bestellte ich angesichts der nachmittäglichen Uhrzeit eine Apfelschorle, die man mir ebenfalls in einem Bierkrug servierte. Nach kurzer Zeit kam eine blonde Frau an meinen Tisch und fragte, ob sie sich dazusetzen dürfte. Es stellte sich heraus, dass sie zu der Gruppe der Biertrinker gehörte, die inzwischen dazu übergegangen war sich mit „Zickezacke, zickezacke – hoi hoi hoi!“-Rufen in Stimmung zu bringen. Die Amerikanerin erzählte mir, dass es sich dabei um eine für Freunde der deutschen Kultur organisierte Kneipentour handele. Sie selbst war Deutschlehrerin an einer New Yorker High School und schon häufiger in Deutschland gewesen. An der Kneipentour wollte sie vor allem teilnehmen um ihre deutschen Sprachkenntnisse anzuwenden. „Es ist schon komisch, dass in Amerika deutsche Kultur mit bayrischer Kultur gleichgesetzt wird“, sagte sie, glücklich in mir eine ebenfalls Deutsch sprechende Person gefunden zu haben. „Ich kenne ein paar Kneipen in New York, die ähnlich wie die Kneipen sind, die ich in Deutschland erlebt habe, aber sie werden nicht als deutsche Kneipen bezeichnet.“ Was eine deutsche Kneipe auszeichne, fragte ich sie. Dort sei es einfach gemütlicher, uriger als in amerikanischen Bars. Die deutsche Trinkkultur insgesamt sei anders als die amerikanische, fand sie. Zwei New Yorker Biertrinker am Nebentisch bekräftigten ihre Aussage. Sie waren zwar bisher nur einmal in Deutschland gewesen, während des Oktoberfests. Aber ihrer  Meinung nach zelebriere man sein Bier dort viel mehr und kippe es nicht, wie nach amerikanischer Sitte, einfach hinunter. Dass in meinem Bierkrug nur Apfelschorle sei, fanden alle ein wenig enttäuschend.
Die Deutschlehrerin musste nach kurzer Zeit aufbrechen um mit ihrer Tourgruppe im Doppeldeckerbus zum nächsten „Deutschen“ zu fahren. Vorher tauschten wir noch unsere E-Mailadressen aus.  Eine Woche später schrieb sie mir. Bei der deutschen Kneipentour hatte außer ihr leider niemand Deutsch gesprochen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
luggi schrieb am 22.03.2010 um 12:37
Bei dem Begriff "deutsche Trinkkultur" bekomme ich sehr oft eine Besorgnis erregende Schmunzelgrimasse mit Verzerrungsattitüde.
Hermanitou schrieb am 22.03.2010 um 13:02
Bayrisches Ehekrisen-Managment von Marianne und Michael.
Sind sie nicht süß?

Sie lasen Julia noch was vor,
dann löschten sie das Licht,
gingen leise aus dem Zimmer,
doch die Kleine schlief noch nicht.

Sie machten leis' die Tür zu
und wollten grade gehen,
da fing Julia an zu beten
und das Herz blieb ihnen steh'n.

"Ich versprech' dir lieber Gott,
ab heute immer lieb zu sein,
ich geh' jetzt immer früh zu Bett
und schlaf' auch ganz schnell ein.
Ich will nie mehr etwas Böses tun,
will immer brav sein, so gut es geht,
nur das eine wünsch' ich mir von dir,
dass Mama sich mit Papa wieder gut versteht."

will immer brav sein, so gut es geht,
nur das eine wünsch' ich mir von dir,
dass Mama sich mit Papa wieder gut versteht."

Sie hatten schon so oft
an Trennung gedacht.
Jetzt beten sie für Julia
und für sich in dieser Nacht:

"Wir versprechen, lieber Gott,
noch eh der neue Tag beginnt,
wir fangen nochmal von vorne an
für uns und unser Kind.
Und dass egal, was auch kommen mag,
einer zu dem andern steht.
Erfüll' uns nur den einen Wunsch:
Lieber Gott, erhöre Julia's Gebet.
Lieber Gott, erhöre Julia's Gebet."
Murasaki schrieb am 23.03.2010 um 11:52
Oh je...naja, manchmal hilft halt nur noch Beten.
Magda schrieb am 22.03.2010 um 13:26
Zicke zacke Sauerkraut. Herrlich.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.03.2010 um 16:10
M & M - aber nur die Schokodinger!
h.yuren schrieb am 22.03.2010 um 21:57
bayern liegt auch für mich jenseits des weischwurschtäqators. wie wärs mit einem vergleich mit den südstaaten?
die amis kennen bayern von der besatzungszeit her. das muss eine schöne zeit für sie gewesen sein.
Murasaki schrieb am 23.03.2010 um 11:48
Texas als das "amerikanische Bayern"?

Wenn man es so betrachtet schon ein bisschen lustig, dass Bush mal fast an einer Brezel erstickt wäre...
Murasaki
Murasakis Blog
Mitglied seit:
2 Jahre 0 Wochen
Zuletzt aktiv:
23.03.2010
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 3
Logbuch
02:00
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:46
blog1 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:40
petz hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:36
blog1 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG