Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

31.05.2009 | 16:07

Eine kleine Netzkritik

Vorhang zu!

Die Kritik eines Theaterstücks ist in der Presselandschaft eine gute Tradition. Aus dem Angelsächsischen kam der Brauch, den Kritiker noch direkt nach der Premiere seine Gedanken aufschreiben zu lassen, so dass bereits am kommenden Morgen die Rezension auf den Frühstückstischen der Familien gelesen werden konnte. In Deutschland übernahm man dies recht rasch, doch im Mai 1936 war Schluss mit derart schneller Meinungsbildung. Dem Herrn Goebbels missfiel nämlich, dass der Kritiker derart ungefiltert berichten durfte – die "Nachtkritik" wurde schlicht verboten, damit die Propaganda-Beamten noch notwendige Veränderungen an den Texten vornehmen konnten.

Seit dem Mai 2007 gibt es nun eine Nachtkritik online, als, wie es heißt, "unabhängiges Theaterfeuilleton". Am Morgen nach einer Aufführung steht die Kritik unter nachtkritik.de bereit – und kann natürlich auch von den Lesern kommentiert werden. Für diese Mischung aus profunden Rezensionen und offener Diskussion wurde das Portal für den Grimme Online Award in der Kategorie Information nominiert (eine Ehre, die sich die Seite mit Der Freitag teilt).

Viel Ehr, viel Feind: denn nun hat sich sogar Der Spiegel zu diesem Phänomen herabgelassen und kritisiert das Prinzip der Seite auf über einer Heftseite äußerst süffisant. Die Argumente, die dabei zum Vorschein kommen, sind altbekannt und ähneln jenen, die den sogenannten Neuen Medien gerne entgegengehalten werden. Das Amateurhafte wird, so lässt es sich zusammenfassen, verteufelt. Dabei liest sich die Anlese noch einigermaßen positiv: "Im Internet-Forum Nachtkritik.de streiten Kritiker, Zuschauer und Künstler in oft derbem Tonfall – und sorgen so für Krawall und frisches Leben in der Theaterwelt."

Das frische Leben – ein Schreck für die althergebrachen Medien. So beklagt Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, die Arbeit von nachtkritik sei "das skandalöse Zeugnis einer fortschreitenden Entprofessionalisierung". Und dies wohlgemerkt ungeachtet dessen, dass die Nacht-Kritiker allesamt einen professionellen Hintergrund haben und fast durchgängig auch in Tageszeitungen veröffentlichen. Schmidt geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wer glaubt, dass ein Gratis-Medium auf Do-It-Yourself-Niveau auch nur annähernd die Qualität und Seriosität einer unabhängigen Zeitung gewährleisten kann, hat nicht begriffen, was Journalismus ist."

Da ist er wieder, der mittlerweile schon Klischee-gewordne Kampf zwischen Online- und Offline-Medien. Das, was im Netz stattfindet, ist, egal ob nun von ausgebildeten Journalisten oder Laien veranstaltet, grundsätzlich schlimm. Die Tageszeitungen hingegen bürgen für Qualität und Seriosität. Dass das wahrscheinlich noch nie gestimmt hat, ist nicht wichtig. Es zeigt sich darin vielmehr nur ein Abwehrreflex gegenüber jenen, die die eigene Identität in Frage stellen. Wenn schon die lieben und, wie der Spiegel schreibt, "nicht immer superschlauen" Kollegen für ihre Arbeit im Netz derart angefeindet werden, dann verwundert es auch nicht, wenn die Laien, die Bürger, das Lesepublikum nicht viel besser wegkommen. An "Geraune und Geschrei der schrillsten Art" herrsche kein Mangel, "am liebsten aber besudeln sich die Kommentatoren gegenseitig, bescheinigen sich einen 'glasklaren Totalschaden' oder den Hang zum 'Labern und Sich-Auskotzen'".

Schon schlimm, wenn das Volk was sagen darf. Selig die Zeiten, in denen man dem Herrn Redakteur einen Leserbrief schrieb und auf dessen Gnade hoffen musste, zu antworten oder gar einen Abdruck zu erwägen. Damit ist's vorbei, doch während die zweifelhaften Kommentare sich bei nachtkritik.de in Wirklichkeit in Grenzen halten, schießen sie ausgerechnet auf den Onlineseiten der Tages- und Wochenpublikationen wild ins Kraut. Da werden bei Spiegel.de, der Frankfurter Schauspielintendantin Elisabeth Schweeger "diktatorische Züge" unterstellt. Und bei sueddeutsche.de muss sich ausgerechnet Christopher Schmidt recht oft mit Lesern herumschlagen, die seinem Stil nicht folgen wollen. "Für eine Glosse ist der Artikel zu weitschweifend und aussagelos", heißt es da. Oder auch: "Der weltgewandte Kritiker ist leider nichtmehr in der Lage über ein Stück zu referieren, in welchem weder Hektoliter an Blut, zentnerweise Nackte, Sex oder Geköpfte vorkommen."

Dabei könnte sich das versammelte Feuilleton doch eigentlich freuen, dass die Theaterkritik aus ihrer verstaubten Truhe irgendwo auf Seite 23 oder 26 einer Zeitung geborgen und in die moderne Welt des Austauschs und der Diskussion gebracht wurde. Nicht zuletzt, weil damit an die gute Tradition der Nachtkritik wieder angeknüpft wird. Anderen das Schreiben zu verübeln, das haben schon ganz andere versucht.

 
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Kommentare
schlesinger schrieb am 31.05.2009 um 21:32
Gelungener Beitrag, der pointiert vorgetragen wird ohne unnötige Spitzen zu verwenden. Davon könnte sich auch manch professioneller Kritiker etwas abschauen. Die Wertung von Schmidt "Wer glaubt, dass ein Gratis-Medium auf Do-It-Yourself-Niveau auch nur annähernd die Qualität und Seriosität einer unabhängigen Zeitung gewährleisten kann, hat nicht begriffen, was Journalismus ist" ist dagegen nur plump.
kay.kloetzer schrieb am 01.06.2009 um 22:24
Liebe Magda:
Ach, das freut mich jetzt aber, hier auf quasi gemeinsame Vergangenheit zu treffen, mit der ich leider erst spät in Berührung kam. Womöglich haben Sie auch Klaus Baschleben (Der Morgen) gekannt? Oft wüsst' ich gern, was sie heut zu allem zu sagen hätten. Ein bisschen ahnt man es ja.
Bernd-Lutz Lange habe ich gelesen, er kann es wirklich auf den Punkt bringen, ob Zwickau oder Leipzig, da stimmt jedes Detail. Schwelgt nur arg im Gestern. Doch ohne ihn wäre mir manches entgangen.

Herzlich
kk
kay.kloetzer schrieb am 01.06.2009 um 09:22
Lieber nbremer:
Ich lese zwar im wesentlich nur die nachtkritik-Rezensionen über das Leipziger Centraltheater, kann Ihnen da aber absolut zustimmen: Hier schreibt (meist) ein sehr guter Journalist, fundiert, umsichtig und irgendwie frei. Da ich stets recht ratlos aus den hiesigen Inszenierungen komme, interessieren mich auch die Kommentare. Für Leipzig, wo es nur eine Tageszeitung gibt, ist es überdies eine wichtige zweite Stimme im Meinungsspektrum. Andererseits habe ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass es einem Text nicht schadet, wenn der Autor eine Nacht drüber schlafen konnte. Das war damals, als eine Theaterrezension noch großen Raum bekam und über den Abend hinaus dachte. Sie werden es nicht glauben, es gab in Leipzig mal einen Kritiker, Antosch, auf dessen Beerdigung wurden einige seiner Texte gelesen - weil sie so gut waren. Und so kaum wieder erreicht, das muss man auch sagen. Es liegt nicht nur an der Form, denke ich, es liegt auch am Interesse, das hinter der Veröffentlichung steht. Und das changiert zwischen Das-wollen-wir-uns-leisten und Muss-eben-noch-sein. Eine Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit gräbt diesem klassischen Genre das Wasser ab resp. die Anerkennung.
Herzlich
kk
Magda schrieb am 01.06.2009 um 21:00
"es gab in Leipzig mal einen Kritiker, Antosch, auf dessen Beerdigung wurden einige seiner Texte gelesen - weil sie so gut waren"

Stimmt, der war Kulturchef bei der UNION in Leipzig. Ich kenne ihn und bewunderte ihn immer als Kollegen. Eine Institution in Leipzig, kommt auch im Buch von Bern Lutz Lange vor.
Schön, so etwas über ihn zu lesen.
Matthias Dell schrieb am 02.06.2009 um 17:15
Finde den Hinweis wichtig, dass die Nachtkritik nicht stümperhaftes Format eines irgendwie zu inkriminierenden Digitalzeitalters ist, sondern eine sportliche Form aus der Hochzeit der Zeitung. Im Radio wird noch heute so schnell gearbeitet - und, wenn Christopher Schmidt das intendieren sollte, schnell ist noch kein Qualitätsverlust. Lustig fand ich in dem Spiegel-Artikel von Falk Richter, der die ganze Nacht über durchkommentiert und am Morgen Kater davon hat. Das scheint ihm selbst nicht so recht behagen; dass es so was gibt, damit sollte man leben können. Der Künstler hat ein Recht darauf beleidigt zu sein vom Urteil des Kritikers - und dessen sollte sich der Kritiker durchaus bewusst sein, und nicht wieder nur selbst beleidigt.
kay.kloetzer schrieb am 02.06.2009 um 22:52
Gerade habe ich mit einem ehemaligen Intendanten (65) gesprochen, der nachtkritik gar nicht kennt, weil er keinen Computer hat, er weiß zwar von den Kritiken dort, nicht aber den Kommentaren. Und sieht's entsprechend gelassen. Ein Schauspieler hingegen, um die 40, der noch vor einem Jahr selbst dort herumgeschimpft hat, erzählt - vergleichbar mit Falk Richter - wie von einer überwundenen Sucht oder Jugendsünde. Sicher muss man die Kritiken und die Kommentare voneinander trennen. Denn bei letzteren überwiegt tatsächlich ein übler Ton, der weniger mit Meinungsvielfalt zu tun hat als mit Enthemmtheit. Das ist ein Widerspruch auf nachtkritik.de, der ein eigenartiges Gefühl hinterlässt.
kk
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