Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

11.06.2009 | 21:03

Habermas reloaded

Am 18. Juni wird Jürgen Habermas 80 Jahre alt. Was uns seine 1962 erschienene Habilitationsschrift heute noch sagen kann.

Zuletzt gab sich Jürgen Habermas einigermaßen kritisch gegenüber den Chancen des Internets für eine Demokratisierung der Prozesse öffentlicher Meinung. Es fördere lediglich die Fragmentierung - und lasse die öffentliche Aufmerksamkeit verschwimmen. Anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises sagte Habermas im März 2006:

Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.

In diesen Sätzen könnte man, mit einigem bösen Willen, die Angst eines Intellektuellen vor der eigenen Bedeutungslosigkeit vermuten. Diese Angst hat sich aber auch drei Jahre später als unbegründet erwiesen: Habermas ist bedeutender denn je. Warum das so ist, dazu bedarf es lediglich eines Blicks in seine Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit", die vor fast fünfzig Jahren das social web herbeisehnte. Es ist nämlich seine Kritik der neuen Massenmedien, die Kritik an Film, Funk und Fernsehen, die die Kommunikation in eine Einbahnstraße verwandeln würden:

Mit den neuen Medien ändert sich die Kommunikationsform als solche; sie wirken darum, in des Wortes strikter Bedeutung, penetranter als die Presse je es vermochte. Das Verhalten des Publikums nimmt unter dem Zwang des "Don't talk back" eine andere Gestalt an. Die Sendungen, die die neuen Medien ausstrahlen, beschneiden, im Vergleich zu gedruckten Mitteilungen, eigentümlich die Reaktionen des Empängers. Sie ziehen das Publikum als Hörende und Sehende in ihren Bann, nehmen ihm aber zugleich die Distanz der "Mündigkeit", die Chance nämlich, sprechen und widersprechen zu können.

Die Massenmedien schafften eine Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach und ebenso werde auch die Integrität der Privatsphäre illusionär. Dies ist die menschliche Seite der digitalen Kommunikation, denn sie gibt uns die Mündigkeit zurück. Es gibt aber auch eine ökonomische Seite. 1962 schreibt Habermas:

Dennoch erscheint im Pressegewerbe der Grad der ökonomischen Konzentration und ihrer technologisch-organisatorischen Koordination gering im Vergleich zu den neuen Medien des 20. Jahrhunderts – Rundfunk, Tonfilm und Fernsehen. Ja, der Kapitalbedarf erschien so bedeutend und nun auch die publizistische Gewalt so bedrohlich, daß in einigen Ländern die Einrichtung dieser Medien bekanntlich von Anbeginn in staatliche Regie oder unter staatliche Kontrolle genommen wurde.

Auswege haben schon ganz andere formuliert. Michel de Certeau etwa, der beschreibt, wie wir ganz unmerklich, allein durch unsere Nutzung, die Medien verändern. Oder Niklas Luhmann, der positive Aspekte hervorhebt: "Einerseits saugen Massenmedien Kommunikation an, andererseits stimulieren sie weiterlaufende Kommunikation."  Es ist ja richtig: das Internet ist individualisierter, kleinteiliger und schwerer zu durchschauen und zu kontrollieren als die bisherigen Medienformen. Doch durch die geringen Kosten der digitalen Medienproduktion sinkt der "Grad der ökonomischen Konzentration" gen Null. Das ängstigt die Medienkonzerne, denn die Wege, in die Medienlandschaft einzugreifen, sind direkter geworden. Es ängstigt den Intellektuellen Habermas, weil die Fragmentierung Raum greift. Dabei sind die Möglichkeiten des Internets lediglich die logische Schlussfolgerung aus einer Habilitationsschrift aus den 60er-Jahren. Der Siegeszug der Ideen Habermas' wird durch die Verbreitung im Netz nur größer. Die Angst: sie ist unbegründet.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
radierer schrieb am 12.06.2009 um 00:11
Das ist eine schöne und konzise kleine Hommage an den Jubilar. Der richtige Text zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Michael Angele schrieb am 12.06.2009 um 14:15
Lieber nbremer

Werfen Sie in der kommenden Woche doch mal einen Blick in das Wochenthema der Druckausgabe (ab Donnerstag). Bin auf ihre Meinung gespannt ...
Nils Bremer
Nils Bremer, Journalist, Frankfurt am Main
Ort:
Frankfurt am Main
Mitglied seit:
2 Jahre 38 Wochen
Zuletzt aktiv:
08.09.2009
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 8
Kommentare: 7
Mein Web:
Logbuch
07:12
ch.paffen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:02
Matthias Dell hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:01
Matthias Dell hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:59
Matthias Dell hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:57
Jörg Friedrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG