Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

07.06.2009 | 15:45

Jeder ein König

Beim Kongress "Der Flaneur" im schauspielfrankfurt stritten drei Menschen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Mit Erfolg.

Da ist dann dieser Moment, in dem Daniel Häni eine Idee hat. Wir stehen vor der riesigen Bühne des Schauspiels, die Beleuchter proben noch für die Abendvorstellung von Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten", Kostüme werden von rechts nach links getragen, die schwarzen Stuhlreihen sind leergefegt. Herr Häni springt auf die Bretter, stellt sich in die Mitte der Kulisse und erhebt  drei Finger in die Luft. "Das ist nun der offizielle Grundeinkommensgruß", erklärt er später. "Wie das Peace-Zeichen, nur mit einem Finger mehr. Und das sieht dann auch aus wie eine Krone."

Die Krone tragen Daniel Häni (rechts im Bild) und Enno Schmidt schon die ganze Zeit. Sie, die beiden Gründer der Initiative Grundeinkommen, wurden eingeladen über ihre Vision zu sprechen, genauso wie Susanne Wiest, eine Erzieherin aus Greifswald, deren Online-Petitition fürs Grundeinkommen im Bundestag bis dato genau 52.973 Unterstützer fand.

Nun also sind sie bei einem Kongress, dessen Motto vorgibt, dass es okay ist, herumzuhängen: "Der Flaneur protestiert. Gegen Eile und Effizienz. Gegen Arbeit und kapitalistische Verwertungslogik. Gegen Zeitökonomie. Er steht für Müßiggang." Passt das zu einer Idee wie dem Grundeinkommen, deren Unterstützer sich vor allem gegen den Vorwurf wehren müssen, dass 1000 oder 1500 staatlich ausgezahlte Euro eine Gesellschaft von Versagern produzieren?

Susanne Wiest beantwortet es mit einer Gegenfrage, die auch auf den vielen weiß-auf-gold-bedruckten Postkarten steht, die die Drei mitgebracht haben: "Was würden Sie tun, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?"

Sie konnte sich die Frage recht schnell beantworten. Tagesmutter würde sie auch weiterhin sein mögen. Aber eine, die sich nicht mehr soviel um sich selbst und ihre Zukunft sorgen müsste. "Die erste Petition, die ich eingereicht habe, wendete sich gegen die steuerliche Schlechterstellung von Tagesmüttern. Das war eigentlich erstmal mein Ziel, das was mich ganz konkret ärgerte." Doch dann liest sie über die Initiative von Daniel Häni und Enno Schmidt. "Das ist soviel größer. Nicht nur mein eigenes kleines Problem wäre damit vom Tisch, sondern soviele Probleme, die es in unserer Gesellschaft gibt." Es sei eine radikale Vereinfachung unseres Systems. "Das vesteht jeder."

Also gibt sie eine weitere Petition auf den Weg. Es passiert – nichts. "Internet ist nicht so meins", sagt Susanne Wiest. Also besorgen andere die Verbreitung. Blogger springen auf das Thema an, es wird gemailt und weitergesagt. Bald erreicht auch Daniel Häni die Kunde, dass da jemand 1000 Kilometer entfernt von seinem Baseler Universal-Café unternehmen mitte eine Petition ins Rollen gebracht hat. Schub bekommt die Kampagne durch den Grundeinkommen-Papst Götz Werner, millionenschwerer Gründer der dm-Drogeriemärkte, der den Link durch seinen Verteiler jagt. "Das hatte ich alles nicht erwartet", sagt Susanne Wiest und erteilt sogleich eine Absage an alle, die sie nun bitten, einen Verein zu gründen oder mindestens mal einer Partei beizutreten. "Wissen Sie, ich war in den 80ern in der Friedensbewegung. Die hat sich auch institutionalisiert und auf einmal gab es Sitzungen, in der Vorsitzende gewählt wurden und Kassenwarte. Da bin ich weg. Lasst uns doch lieber über die Sache reden."

Ein bisschen hat sich aber schon verändert in ihrem Leben. Im Herbst möchte sie als Direktkandidatin für den Bundestag antreten. Ihr Programm: das Grundeinkommen. "Das ist mein Thema und nur damit werde ich werben. Vielleicht stell ich mich einfach mal auf den Marktplatz und gucke, was passiert, was die Leute sagen."

Geht das? Darf man in der Krise, in der Phase des enger zu schnallenden Gürtels so etwas fordern? "Dies ist genau der richtige Zeitpunkt", sagt Enno Schmidt und sein Kompagnon Häni ergänzt: "Die Leute merken ja auch, dass das Geld da ist. Wenn man will, dann geht es."

Durch das Internet hat die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens in den vergangenen Monaten tatsächlich hohe Verbreitung gefunden. Der Film von Häni und Schmidt, der mit den Worten "Ein Einkommen ist wie Luft unter den Flügeln" beginnt, hat über 100.000 Zuschauer gefunden, man kann ihn einbetten, weiterverbreiten, herunterladen und auf DVD brennen. Mittlerweile arbeiten beide am zweiten Film. Der neue Grundeinkommensgruß auf der Schauspielbühne wird direkt auf Video gebannt.

Es ist ja so: so einfach das Prinzip, so kompliziert die Fragen, die aus ihm entstehen. Denn auf den ersten Blick klingt es wahnsinnig. Es gibt nur noch eine Steuer, die auf Konsum, Höhe: 50 Prozent. Jeder Bürger bekommt 1000 Euro gezahlt, ohne, dass daran Bedingungen geknüpft wären. Natürlich tauchen da viele Fragen auf, auch unter den Kongressbesuchern im Schauspiel Frankfurt. Freitags wird auf einer eigens aufgestellten hügeligen Grasinsel mitten in der Betonflucht des Willy-Brandt-Platzes diskutiert, am Samstag dann aufgrund des Regens im Glashaus des Theaters. Es ist nicht weniger als eine Revolution unseres Wirtschaftssystems, die da debattiert wird. Daniel Häni lächelt nur leise und sagt: "Das Grundeinkommen ist nicht so etwas wie eine Utopie, es ist eigentlich nur logisch."

Sie sind alle drei sehr überzeugend. Der etwas scheue Daniel Häni, der fordernde Enno Schmidt, die mit beiden Beinen im Leben stehende Susanne Wiest: "Die Menschen, die sich mit dem Grundeinkommen beschäftigt haben, die fragen nicht mehr, warum man das machen sollte. Sondern warum man es nicht macht."

 
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Kommentare
Klemperer schrieb am 10.06.2009 um 13:06
Leider konnte ich nicht selbst in Frankfurt sein, aber es muß schön gewesen sein, wenn es so war wie dieser Beitrag!
Und wie durch einen glücklichen Zufall haben, wie es scheint, drei Menschen sich für das beste Modell einer nicht in die Zweiklassengesellschaft mündenden Zukunft eingesetzt. Jede nach vorne gerichtete Bewegung braucht diese drei Eigenschaften. " etwas scheue..." " fordernde...", "mit beiden Beinen im Leben".
So wird diese Bewegung nicht selbstgefällig und arrogant; nicht zu leise; und sie wird sich durchsetzen, mit Hilfe von vielen vielen Menschen, eben "jede/r ein König".
Ein sehr schöner Beitrag!
Friedland schrieb am 11.06.2009 um 23:04
Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren mit Menschen, die vor allem eines sind: faul? Oder sollte man besser sagen: ökonomisch denkend? Da streben die einen nach ganz viel (maximaler Ertrag), die anderen nach ganz wenig (minimaler Aufwand). Wo trifft man sich da?

Wenn man es doch bloß einmal ausprobieren könnte, z.B. auf einer der Nordseeinseln, z.B. auf Sylt. Für alle das gleiche: 1000 Euro pro Monat, gut, Sylt ist teuer, sagen wir 1500. Das reicht dann aber auch. Und Steuern auf Konsum 50%. Nur auf Sylt, nur für einen Sommer. Es wäre ein Experiment wert...

...Friedland...
Nils Bremer schrieb am 12.06.2009 um 09:38
Gute Idee! Im Spiegel steht, dass auf Sylt mittlerweile schon Wein wächst (Klimawandel und so) - warum also sollte es dort nicht auch einen Grundeinkommenssommer geben?

Vielleicht hast Du recht und wir sind alle bereits verdorben. Warum also nicht mit den Kindern eines bestimmten Jahrgangs anfangen? - die wachsen dann schon mal mit dem richtigen Bewusstsein auf. Zum Beispiel dem, dass wir von Jahr zu Jahr die Produktivität steigern - also mehr Güter mit weniger Personal produzieren. Maximaler Ertrag, minimaler Aufwand.
Findolin schrieb am 17.06.2009 um 23:43
Es wird schon ausprobiert, und zwar (u.a.) in einem kleinen Dorf in Namibia, und es funktioniert, obwohl die Schwarzseher schon frohlockten, daß es gerade dort nie und nimmer funktionieren und sich damit selbst ad Absurdum führen würde.

Wolf
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