Nein, keine Angst, dies wird nicht der zehntausendunderste Text über dieses Internet-Manifest. Stellen wir uns einfach mal kurz vor, es würde nicht existieren. Versetzen wir uns außerdem in eine Lage, in der die Druckerpresse noch nicht allzu alt ist, in der es kein Film, kein Fernsehen, kein Radio, ja nicht einmal Rotationsmaschinen gibt. Versetzen wir uns für einen kurzen Moment in die Haut der Urahnen des heutigen Journalismus. In Théophraste Renaudot zum Beispiel, eigentlich ein Arzt, ein Leibarzt des Königs sogar, der 1631 erstmals die Wochenzeitung Gazette veröffentlicht, gespickt mit Verlautbarungen seines Idols Kardinal Richelieu, mit klaren Kommentaren, Berichten und Reportagen. Oder nehmen wir die Frankfurter Postzeitung, erstmals 1615 erschienen (damals noch ganz ohne Titel, was eine eigene Betrachtung wert wäre) und durch die Postillone durch das Land getragen, mit einem Spektrum von Aufgeschnapptem bis zu Amtsverlautbarungen. Woher die Informationen nun stammten, wurde nicht immer offenbar. Alles war interessant. Ob auch alles stimmte? Wer konnte es schon sagen, wer wollte es überprüfen? Die Neuigkeit, die Aktualität standen an vorderster Stelle. Zuvor hatten sich die Menschen damit beholfen, zum Beispiel ihren Geschäftsbriefen Neuigkeitenblätter anzuhängen, viele davon auch handschriftlich verfasst.
Hohe Auflagen wurden gleichwohl auch mit der damals neuen Technik nicht erreicht. Und viel Geld zu verdienen war schon mal gar nicht. Der Journalismus ward noch nicht geboren und die Journalisten auch nicht. Es ist ein Beruf, der sich erst etliche Dekaden später herausbilden sollte. Eine geschützte Berufsbezeichnung ist es aber auch heute nicht. Jeder darf Journalist sein, daran zumindest hat sich nichts geändert. Tatsächlich nähern wir uns wieder jenen Anfangszeiten an. Neuigkeiten, Gerüchte, Aufgeschnapptes wird durch das Internet geschaufelt, nicht mehr von Postillonen, sondern von unsichtbaren Datenreitern ohne Zeitverlust an jeden Ort gebracht. Es gibt nicht diesen und jenen Journalismus. Und es hat sich auch sonst nicht viel geändert. Denn im Mittelpunkt stehen nicht die Überbringer der Nachricht, sondern die Nachricht selbst und ihre Interessenten. Unsere spezialisierte Gesellschaft wird sich auch in Zukunft Journalisten leisten. Doch wir sollten uns besinnen: Journalismus bleibt Journalismus, ob nun als Hobby oder als Beruf. Ein Spielfeld für Welterklärer, für Kommunikatoren, für Hinterfrager war er schon immer. Auch für Besserwisser. So sind die Menschen eben. Was sollte die Digitalisierung daran ändern? Oder ein Manifest?
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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