Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

09.08.2009 | 09:26

Zahlen, bitte!

Rupert Murdoch möchte, dass die Leser für die Sunday Times ab November Geld zahlen. Das Unerhörte ist nur: im Internet!

Es ist die Geschichte einer Kehrtwende. Im September 2007 hatte Rupert Murdoch gerade den Kauf des Wall Street Journals angekündigt, 5,6 Milliarden Dollar wollte er dafür hinlegen, er freute sich auf 1600 festangestellte Journalisten, auf Synergien natürlich. Nur die Webseite WSJ.com wollte ihm nicht so recht gefallen. 99 Dollar im Jahr an Abogebühren? Fielen diese weg, so Murdoch, dann ließen sich viel mehr Leser erreichen – und höhere Gewinne. "Wird man 50 oder 100 Millionen an Gewinn dadurch verlieren?", fragte Murdoch gegenüber Reuters und lieferte die Antwort gleich frei Haus: "Wenn die Seite gut ist, wird man viel mehr bekommen." Ein Zitat, das genau einen Tag nach dem Ende der Bezahlzeit bei der Internetseite der New York Times fiel.

Nur wenige Monate später war die Euphorie verflogen. Im Januar 2008 kündigte Murdoch zwar an, dass etliche der Inhalte künftig kostenlos zur Verfügung stehen würden, aber längst nicht alle: "Die wirklich besonderen Dinge wird es nach wie vor im Abonnement geben, und, es tut mir leid das zu sagen, sie werden wahrscheinlich teurer."

Nun ist 2009 und die Ankündigung Rupert Murdochs die Leser der Medien seines Konzerns nach und nach für die Inhalte bezahlen zu lassen (angefangen mit der Sunday Times), lassen nur zwei Schlüsse zu: entweder sind die Seiten so schlecht, dass sie zu wenig Leser anziehen. Oder die Gewinne fielen doch nicht so rosig aus, wie es sich der Verleger ursprünglich mit seiner Kostenlos-Strategie ausgemalt hatte. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: gerade musste sein Konzern einen Milliardenverlust melden. Der hat auch mit Abschreibungen und Umstrukturierungen zu tun, doch auch der Anzeigenmarkt ist eingebrochen.

Der Medienanalyst Jeff Jarvis war rasch zur Stelle, um die Kehrtwende zu verteufeln. Warum für Inhalte zahlen, die anderswo kostenlos zu bekommen sind? Nur für Informationen, mit denen Leser selbst Geld machen können (wie beim Wall Street Journal oder der Financial Times), seien die Leute bereit zu zahlen. Für den großen Rest nicht. Im Gegenteil: solch ein Verhalten sei selbstmörderisch, weil sogleich Konkurrenten auf den Plan treten würden. Mit Kostenlos kann man eben nur mit Kostenlos konkurrieren.

Und journalistische Leistung kostet. Der einfache Schluss, die Leute nun eben wieder Abos abschließen zu lassen, ist nicht die Lösung (auch wenn sich beim Axel-Springer-Verlag und bei der WAZ schon Eurozeichen in den Augen der Verleger spiegeln). Wer soll denn noch auf die Spitzen-News verlinken, ob die nun von der Bild-Zeitung oder der Sun kommt (dem seriösen Pendant aus Murdochs Portfolio), wenn dann erstmal Eintrittsgeld verlangt wird?

Es ist ein bisschen wie bei der Musikindustrie, die glaubte, es sei einfacher in einen Laden zu gehen und eine CD zu kaufen, als sich ein Lied im Internet herunterzuladen. Also verklagte man die Menschen, die letzteres taten, um sie zu zwingen, weiter in die Läden zu gehen. Doch das vorläufige Ende stimmt versöhnlich: sind die Leute bereit für Musik zu zahlen, selbst wenn man sie kostenlos bekommt? Ja, sind sie. Die Qualität muss stimmen, der Preis und sie muss äußerst einfach zu beziehen sein.

Apples iTunes ist genau so. Weil es so einfach zu benutzen ist, werden dort mittlerweile nicht nur Musikstücke, sondern auch Hörbücher, Fernsehserien und Filme verkauft (und demnächst möglicherweise Bücher). Warum also nicht auch Magazine? Warum nicht Tageszeitungen? Wieso habe ich nicht die Möglichkeit einem Verlag Geld zu spenden, wenn mir sein Internetangebot gefällt? Warum gibt es keine freiwilligen Abos mit frei wählbaren Beträgen?

Der Grund ist einfach: weil sich die Verlage nicht bewegen. Weil sie stillhalten und hoffen, dass die guten, alten Zeiten zurückkommen. Die meisten stellen die immergleichen Agenturmeldungen in ihre Onlineportale, bis sie von der Konkurrenz nur noch durch das Logo zu unterscheiden sind. Sie verschwenden keine Kraft darauf, dem Leser, die besten Nachrichten aus dem Netz zu fischen (auch von anderen Seiten), sondern "heben das Printprodukt nach Online". Kreative Geschäftsideen aus der Verlagsbranche muss man wirklich suchen. Dafür wird viel Zeit darauf verwendet, Google zu verteufeln oder diese seltsamen Blogs oder gleich das ganze Internet mit seiner Regel- und Zügellosigkeit. Der Untergang des Abendlandes wird beschworen, der Journalismus als Eckpfeiler unserer Kultur gepriesen, die Medienvielfalt als unverzichtbar für die Demokratie erklärt. Dabei sieht man bei einem Rundgang durch einen Bahnhofskiosk zu 90 Prozent Presseerzeugnisse, bei denen man sich wundert, warum es Menschen gibt, die dafür Geld ausgeben.

Bei den meisten wäre sogar kostenlos zu teuer.

 
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Kommentare
mh schrieb am 09.08.2009 um 10:08
itunes ist nicht leicht zu bedienen. es ist ein krampf. nur ist es immer noch wesentlich besser als der rest, der ohnehin kaum vorhanden ist.

auf den us-internetseiten tut sich in letzter zeit aber auch etwas gen weiterentwicklung. so kann man bspw. vermehrt einen artikel zwar drucken, bei mehreren drucken soll man aber geld bezahlen. warum auch nicht.

immer mehr websiten nehmen darstellungsformen die ein "copy n paste" + versand per email erheblich erschweren, so also zumindest verlinkt werden muss. ob sinnig oder nicht, darüber kann man streiten. ebenfalls vermehrt tritt auf, dass man sich zum lesen registrieren muss .. kostenlos, aber der zugang wird benötigt.

es schreitet alles voran und die us-anbieter beginnen sich ihren weg zum payed content durchaus zu suchen. die deutschen sind noch in der jammerphase, weil sie gewohnt sind dass sowas funktioniert. sie hinken wie immer zwei jahre hinterher, der leidensdruck wird das noch ändern.

das geld verdienen wird mE künftig einfach über den mehrwert laufen. für die reine information an sich wird niemand zahlen, da sie im überfluss im internet verfügbar ist.

aber für das darstellen weiterer informationen, recherchierter ergänzungen und quellen, wird man bereit sein einen obulus zu berappen.

übrigens bieten die erste us-verlage bereits epaper per iphone an oder sind zumindest kurz davor. NYT hat des im juni vorgestellt.

generell gibt es aber auch informationen, die will ich einfach nicht von bloggern. vor allem im finanzbereich gibt es in deutschland bspw. die börsenzeitung, das kann das internet in dieser form einfach nicht bieten, va von der zugänglichkeit her nicht.

und schlussendlich wird auch der user feststellen müssen, dass so ein rss-feed zwar ganz nett ist, ob seiner hohen anzahl uninteressanter dinge in all dem wust aber auch extrem ineffizient.
Nils Bremer schrieb am 09.08.2009 um 11:08
was soll ich sagen: volle Zustimmung. Außer bei iTunes. Einmal angemeldet geht das kaufen doch schon fast zu schnell. Vielleicht ist der Vergleich aber insgesamt nicht so gut. Denn Musik (ich sag jetzt mal) kostenlos laden ist ja auch Krampf. Zeitungsartikel online finden hingegen nicht.
Jörn Kabisch schrieb am 09.08.2009 um 10:49
Lieber Nils Bremer,
eine gute Zusammenfassung. Zwei der Texte, die Sie angeben, finden sich auch auf deutsch auf freitag.de. Wir haben die Artikel aus dem Guardian übersetzt:
Murdochs Ankündigung und Jeff Jarvis' Entgegnung.
Schöne Grüße, JK
Nils Bremer schrieb am 09.08.2009 um 11:04
ah, super - dann ändere ich doch mal die links :)
Nils Bremer
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