Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

16.08.2009 | 16:01

Zeit war Geld


Deutsche Bank

Beim Verleger Benjamin Franklin hörte es sich noch so einfach an: "Zeit ist Geld". Wahrscheinlich war dieser Satz schon damals nicht richtig. Im digitalen Zeitalter verschwindet er.

Warum schreibt jemand einen Artikel für ein Lexikon, ohne dafür Geld zu verlangen? Warum erstellen Käufer Werbespots für die Produzenten, einfach so? Warum twittern, bloggen oder senden die Leute im Internet ganz ohne Businessplan?

Max Weber wies darauf hin, dass Geld, das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handelns sei. Doch ebensowenig wie wir Menschen rational handeln, sind wir auch bereit alles gegen Geld aufzurechnen. Der Beitrag für die Wikipedia steht für ein Geben und Nehmen, ein Tausch von Wissen. Und doch für mehr. Denn wir schreiben ja keinen Artikel über die Darmflora, weil wir einen anderen über die Mondlandung kostenlos bekommen haben. Die Artikel entstehen, weil es darum geht, mit kleinen Schritten das große, das ganze Produkt besser machen zu können. Das ist nicht nur bei Wikipedia so, sondern auch beim ganzen, schier unüberschaubaren Angebot an freier Software. Blogs sind ein weiteres Beispiel.

Max Weber definierte Geld als das formal rationellste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handelns. Nur handeln wir eben nicht nur wirtschaftlich und nicht nur rational. Wir sind uns nicht nur selbst am nächsten, sondern auch unserer Gemeinschaft – denn deren Fortschritt strahlt auf uns selbst zurück. Dadurch werden geräuschlos Freiräume geschaffen, die den teilweisen Rückbau der Geldwirtschaft bedingen.

Natürlich ist solch ein Verhalten ein Angriff auf jene, die mit Wissen einst Geld verdienten. Der Brockhaus-Verlag wetterte gegen die ungenaue, nicht verlässliche Wikipedia bis das lexikale Flaggschiff des Hauses eingestellt wurde. Microsoft versucht mit starken finanziellen Mitteln, Gemeinden davon abzuhalten, kostenlose Software wie Linux oder OpenOffice einzusetzen, und argumentiert, dieser lägen nicht die gleichen Qualitätskriterien zugrunde wie Windows oder Word. Und viele Zeitungsverlage graust es bei der Vorstellung, dass auch Laien Nachrichten in die Welt setzen könnten und das sogar, ohne dafür Geld zu verlagen. Derzeit greifen sie Google an, weil sie denken, da verdiene jemand anderes mit ihrer Hände Arbeit Geld. Dabei ist es ganz einfach: Zeit war Geld. Jetzt müssen andere Maßstäbe her.

 
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