Nils Bremer

Vom Empfänger zum Sender

16.06.2009 | 23:03

Zurück in die Zukunft

Wie Ray Kurzweil einmal versuchte das Jahr 2010 vorauszusagen.

Erinnern Sie sich noch an die Jahrtausendwende? An die Zeit der Dotcom-Blase, an Publikationen mit @-Zeichen im Titel, an Visitenkarten, die lediglich einen Namen, eine Webadresse und davor die Worte "CEO of ..." enthielten. Erinnern Sie sich an das Wort Multimedia? Beziehungsweise Multimedi@? War alles sehr, sehr hip vor gut zehn Jahren.

Das Internet war so wie Twitter. Alle fanden es großartig, doch keiner wusste etwas damit anzufangen.

1999 wurde die Zeitschrift Konr@d eingestellt, die die deutsche Wired werden wollte, dabei aber leider so aussah wie eine Apotheker-Zeitschrift 3.11. Es war auch das Jahr, in dem Ray Kurzweil sein Buch Homo S@piens veröffentlichte. Hatte ich schon erwähnt, dass man damals gerne Publikationen mit @-Zeichen herausbrachte? Kurzweil selbst trifft keine Schuld, denn im englischen Original hieß sein Werk The Age of Spiritual Machines. Es handelt von einem alten Thema der Sciencefiction, nämlich der Übernahme der Erde durch Maschinen, dem Ersatz des menschlichen Geistes durch Transistoren und es enthält allerlei Vorhersagen für die Zukunft – schön übersichtlich in Dekaden gegliedert. Nicht zuletzt deshalb heißt es bei Kurzweil bis heute gerne, er sei ein Futurologe, was sich natürlich großartig anhört, so wie sich im Mittelalter die Bezeichnung Alchemist wahrscheinlich großartig angehört hat.

Kein Wunder, dass die Medien damals ganz heiß auf Kurzweil waren. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung bat den Mann zum Interview und erfuhr, wie wir also leben im Jahr 2009:

Am Ende des Jahrzehnts wird es Computer geben, die wir zwar noch nicht in uns, aber dicht an uns tragen. Schauen Sie doch auf diese Entwicklung: der CRA, der ein ganzes Hochhaus füllte, der Computer der siebziger Jahre, der eine Zimmerflucht füllte, der Desktop, das Notebook, die Palmtops und Handys - sie alle verschwinden, Computer werden unsichtbar. Computer werden Werkstoff. Aus Brillen und Kontaktlinsen werden Bilder direkt auf unsere Retina projiziert, kein Stück Butter ohne Microchip.

Das ist natürlich erst der Anfang. 2019 kaufen wir Computer für 1000 Dollar, die unserem Gehirn überlegen sind. Das wird auch die Zeit sein, in der wir, Nanotechnologie sei dank, die Computer in uns tragen, immer mehr mit ihnen verschmelzen, bis unser Geist, ganz Maschine geworden, in die Ewigkeit als Elektronenhirn vor sich hindämmert. 

Prognosen sind eben schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das Platzen der Internetblase hat Kurzweil ebensowenig kommen sehen, wie die Schwierigkeiten, die ein ungezügelter Kapitalismus so mit sich bringt: 

Die Wirtschaft will jetzt um fünf Prozent wachsen, und sie wird bald um sieben oder zehn Prozent wachsen wollen. Aber die Zentralbanken bestehen darauf, dass sie nur dreieinhalb Prozent zulegen soll. Was darüber liegt, bezeichnen sie als Überhitzung. Ihre Philosophie ist da höchst destruktiv. Sie stecken die Wirtschaft in eine Zwangsjacke. Doch wir sind dabei, absolut neue Wertformen kennen zu lernen, die ein schnelleres Wachstum erlauben. Internetfirmen können um tausend Prozent im Jahr wachsen, und allmählich verwandeln sich viele Unternehmen in Internetfirmen.

Ray Kurzweil wird immer noch gerne interviewt. Einmal im Jahr rauschen seine neuesten Prophezeiungen durch den Blätterwald (wie übersetzt man diese Floskel eigentlich ins Internetzeitalter?).  Das Gute am Beruf des Futurologen ist nämlich, das man nie nach der Vergangenheit gefragt wird, auch nicht nach der eigenen. Die seltsamen Vorhersagen, die vor zehn oder zwanzig Jahren getroffen wurden: vorbei. Vergessen wie Computermagazine mit @-Zeichen im Titel.

 
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Kommentare
Friedland schrieb am 16.06.2009 um 23:23
@ nbremer (Upps!):
Danke für diesen kurzweiligen Text...

Wenn mir immer noch niemand am Morgen sagen kann, ob ich im Verlauf des Tages definitiv einen Regenschirm brauche oder nicht, wie soll dann eine ernsthafte Prognose für die nächsten 10-20 Jahre möglich sein?

Dennoch ist die Welt voll von Prognosen: Wirtschaftsentwicklung, Rentenbescheide, Sonntagsfragen, Wettbüros,... Der Mensch liebt es wohl, Dinge in die Zukunft zu projizieren mit dem beschränkten Wissen, das er im Jetzt hat.

Doch wenn dann wirklich jemand mal zurück schaut, merkt man, dass der Weg hierhin auf keiner Karte verzeichnet war und das uns nur eins hierher geführt hat: das Leben - und nicht die Geschichte...
Streifzug schrieb am 17.06.2009 um 01:12
"dem Ersatz des menschlichen Geistes durch Transistoren" jetzt wird mir einiges klar. Ob Müntefering, Köhler ...?

"Am Ende des Jahrzehnts wird es Computer geben, die wir zwar noch nicht in uns, aber dicht an uns tragen." hört sich nach iPhone an.

Einen Artikel über den Zukunftsforscher Herman Kahn gab es in der Zeit: "Ihr werdet es erleben".
www.zeit.de/1998/01/Ihr_werdet_es_erleben?page=all

Ein sehr altes, aber ausnahmsweise immer noch interessantes Buch ist: Mentopolis von Marvin Minsky.
nbo schrieb am 17.06.2009 um 10:01
schöner reality check. man muss kurzweil aber zugute halten, dass er mit seinen beschwörungen, ohne es zu wollen, eine agenda verrät, wohin sich der kapitalismus für einige entwickeln soll. zieht man von seinem wortgeklingel nur die hälfte ab, bleiben roadmaps zur KI- und robotikforschung übrig, die in diversen forschungszentren und -abteilungen durchaus verfolgt werden. siehe dazu auch helge ritters text im aktuellen freitag www.freitag.de/wissen/0924-roboter-cybermoral-ethik-wissen

"...Blätterwald (wie übersetzt man diese Floskel eigentlich ins Internetzeitalter?)"

interessante frage, seitenwald klingt blöd. ich wäre für serverfarmen, die digital-agrarische entsprechung.
Nils Bremer schrieb am 17.06.2009 um 11:03
Serverfarmen sind super, erinnern mich aber aus irgendeinem Grund an Matrix (auch von 1999!).
Querine schrieb am 17.06.2009 um 15:57
Blätterwald ins Inernetzeitalter übersetzen .... Online-Universum?
Nils Bremer
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