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S. Quentin Dexter

22.06.2011 | 18:10

Löw und der DFB: Macher ohne Skrupel? - Ein Kommentar -

Es war einmal ein „Sommermärchen“, damals, als 23 Fussballhelden aus der Schlacht um Ruhm und Ehre heimkehrten und fast eine Millionen Menschen ihnen zujubelten, damals am Brandenburger Tor, als die WM 2006 gerade vorbei war und Michael Ballack noch der gefeierte Superstar einer damals noch gut situierten Nationalmannschaft war. Heute hingegen herrscht Krieg und die beiden Kriegsherren heißen Michael Ballack und Joachim Löw. Beide - sich nie besonders grün - liefern sich das derzeit heißeste Gefecht auf Deutschlands Titelseiten.

(SQD) Was bisher geschah: (in Zitaten)

«Ende März haben wir uns ausgetauscht, alle Dinge angesprochen. Alles andere werde ich dann mitteilen, wenn es in Absprache mit Michael Ballack der richtige Zeitpunkt ist.» (Zitat Joachim Löw am 27. Mai / Quelle: dpa)

Am 16. Juni erklärt der DFB in einer Pressemitteilung, Zitat: «Michael Ballack wird künftig nicht mehr dem Kader der deutschen Nationalmannschaft angehören. Dies ist das Ergebnis aus den Gesprächen zwischen Bundestrainer Joachim Löw und dem langjährigen Kapitän des DFB-Teams.»

Daraufhin meldet Ballack sich zu Wort, Zitat: «Wenn jetzt so getan wird, als sei man mit mir und meiner Rolle als Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft jederzeit offen und ehrlich umgegangen, ist das an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Und ein längst vereinbartes Freundschaftsspiel jetzt als Abschied zu deklarieren, ist aus meiner Sicht eine Farce.» (Ballack-Erklärung vom 17. Juni, Quelle: dpa)

Und weiter: «Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss.» (Ballack am 19. Juni)

Inzwischen ist bekannt, dass Joachim Löw an seiner Aussage festhält. Das heißt, er habe Ballack im besagten Restaurant („Trattoria Luca“) mitgeteilt, dass seine Zeit in der Nationalmannschaft vorbei sei, was Deutschlands größte Tageszeitung noch einmal ermutigt ordentlich nachzuhaken, wer von beiden denn nun lüge (BILD-Zeitung v. 20.06.).

Was beide Kontrahenten still und leise unter sich hätten ausmachen sollen, mutiert inzwischen zur größten öffentlichen Schlammschlacht Deutscher Fussballgeschichte, denn Ballack bezichtigt den Bundestrainer nun sogar der Lüge.

Unser netter „Jogi“-Trainer ein Lügner ?

Hier die Dexter-Analyse:

Michael Ballack

Kritiker sagen dem 34-Jährigen nach, er sei selbstverliebt, ein „Narzist und Selbstdarsteller”, schreibt ein Leser in der BILD (Kommentar v.19.06.). Und in der Tat, es wäre gut vorstellbar, dass Ballack zwar verstanden hatte, was Löw meinte und auch dass seine Zeit beim DFB abgelaufen sei, aber wie im selben Bericht auch zu lesen ist, wollte Ballack seinen Rücktritt gern selbst verkünden, möglicherweise nach einem der nächsten Spiele, die nun - mit ihm - aber nicht mehr stattfinden.

Ballack hat jahrelang gebuckelt und nicht einen wirklich nennenswerten Erfolg mit der Nationalmannschaft eingefahren. Wäre nicht denkbar, dass er es allen noch einmal zeigen wollte, wie großartig er in Form ist, wie gut er all die Monate gearbeitet hat, bevor er dann auf dem Höhepunkt seines Comebacks aussteigt ? Viele haben das so gemacht, man erinnere sich nur an Rennsportlegende Michael Schumacher, der am Zenit seiner Karriere die Reißleine zog und „absprang“, (die Zeit „danach“ jetzt mal außer Acht gelassen). Ähnlich könnte Ballack gedacht und geplant haben und dass er plante, ist all zu offensichtlich. Oder warum sonst, geht er nicht ans Telefon und reagiert auf keine SMS? War es, weil er im Urlaub war und nicht gestört werden wollte ? Oder war es, weil sein „Plan“ noch nicht ausgereift war und er selbst noch nicht wusste, wie es am besten laufen soll ? Vielleicht wollte er seinen Rücktritt ja ganz besonders verzieren, das Rücktrittsereignis ganz besonders ausschmücken, das hätte zu ihm gepasst.

Das Jogi ihm damit nun quasi zuvor kam, ist für Ballack ein schlimmer Tiefschlag und er reagiert eitel, will zum Abschiedsspiel nicht mal antreten. Niemand tanzt nach Jogis Pfeife ! Ballack hätte wohl gerne selbst getanzt, nach seiner eigenen Pfeife, die offenbar nicht vollends gestopft war, denn sie war noch nicht einmal angezündet.

Joachim Löw

Löw und/oder der DFB-Verantwortliche ist ein Trampel ! Ein Mann ohne Skrupel, ein Macher mit dem Feingefühl einer Kettensäge. War es notwendig gewesen die Entscheidung über Ballack´s Verbleib mitten im Urlaub und zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit mitzuteilen ? Hätte man nicht warten können, bis nach dem Urlaub oder bis Ballack sich selbst dazu äußert ? Wenn jemand nicht ans Handy geht und nicht zurückruft, geschieht dies selten ohne Grund und vielleicht hat Ballack ja ernste, mentale Probleme im Umgang mit dem Gedanken des Rücktritts und er wollte ihn zudem auch selbst verkünden. Kann man das einem Ex-Kapitän abschlagen ? Muss man ihm auf diese Weise (über die Medien) zuvor kommen. Darf er seinen Rücktritt nicht selbst erklären ? Und warum die Eile ?

Nicht uninteressant ist auch die Frage, ob Löw überhaupt wusste, dass der DFB die Mitteilung zu diesem Zeitpunkt herausgab oder ob der DFB diesbezüglich im Alleingang handelte. Wenn ja, bitte ich Sie - Lieber Herr Jogi Löw - um die Weitergabe des „Trampels“ an den entsprechenden DFB-Verantwortlichen oder wer immer da den feuchten Traum einer Presseerklärung hatte.

Mein persönlicher Eindruck jedenfalls ist: Löw hat im besagten Restaurant sehr wohl angedeutet was Sache ist, also dass Ballack´s Zeit in der Nationalelf nun mal vorbei ist, nur hatte er dies - vermutlich - in der für Jogi bekannten wie auch ei-rigen Art umschrieben, natürlich aus Respekt vor Ballack und weil er den Ex-Käpt´n mit der harten Wahrheit nicht so hart treffen wollte.

Ballack hat es vernommen, hätte seinen Abschied gern aber auch selbst erklärt. „So war es vereinbart“, zitiert die BILD-Zeitung den ehemaligen Nationalspieler. Dass Löw, beziehungsweise der DFB-Verantwortliche ihm damit quasi zuvor kam, verletzt Ballack scheinbar sehr, weshalb er nun und möglicherweise die ihm dadurch zerstörte „Bühne“ auf anderem Wege sucht, indem er behauptet, alles sei ganz anders gewesen. Redet Ballack sich die Löw-Entscheidung nur schön ? Ignoriert Ballack die Tatsachen und macht er daraus sogar das Gegenteil ?

„Einer von Beiden lügt!“ titelte die BILD-Zeitung am 21.06.2011 und heizt den Streit damit erst noch so richtig an.

Wer von beiden lügt, weiß nur Löw und Ballack und will man die Frage nach der Lüge direkt beantworten, könnte man auch sagen: Ballack lügt ! Auch weil Löw gar keinen Grund hat zu lügen, denn warum sollte er das tun ? Warum sollte ein Bundestrainer erst „hüh“ und dann „hot“ sagen ? Es gibt keinen Grund das zu tun ! Ballack hingegen hat mindestens zwei gute Gründe, so zu sprechen, wie dieser Tage auch geschehen. Er ist beleidigt, weil Löw und/oder der DFB ihm zuvor kam und er ist gekränkt, weil keine große Bühne mehr da ist, auf der er seinen Abschied hätte zelebrieren können. Allein diese zwei Gründe reichen aus um Ballacks Motive zu umschreiben und sie passen auch in das grundlegende Persönlichkeitsprofil des Görlitzers, weshalb auch mehr als wahrscheinlich ist, dass es am Ende auch so war.

Warum dennoch 49% der Deutschen an die „Ballack“-Version glauben (Umfrage der BILD-Zeitung v. 21.06. / Stand: 14:20 Uhr / 247.154 Stimmen), mag grundlegend auch an Ballack´s Beliebtheit liegen, die oftmals nicht auf sondern auch neben dem Spielfeld stattfindet. Nicht ohne Grund zucken die Werbemacher - in Kenntnis der aktuellen Posse - nur kalt mit den Schultern. Neuesten Informationen zu Folge behält Ballack alle Werbeverträge.

Allerdings - und vielleicht hätte die BILD-Zeitung die Befragung nach männlichen und weiblichen Teilnehmern aufschlüsseln sollen.

Sean Quentin Dexter

 
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Kommentare
Zeitleser schrieb am 22.06.2011 um 19:03
Interessant: Zwei Millionäre ringen nicht um cash sondern um Ehre. Und wir schauen tief erschüttert zu über die dramatischen Vorgänge und schreiben uns die Finger wund auf der Suche nach der Wahrheit. Warum haben die beiden nicht mal in Schopenhauers "Aphorismen zur Lebensweisheit" reingeschaut?

Was einer ist?
Was einer hat?
Was einer darstellt?
Achtermann schrieb am 22.06.2011 um 19:33
Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sich auf dieser Ebene mit dem Zwist zu beschäftigen. Fußball ist ein Millionen-Geschäft, das vom Steuerzahler subventioniert wird (Stadionbauten, Polizeieinsätze etc.). Fast alle Vereine sind verschuldet, weil für die Herren Spieler und Trainer das Geld mit Riesenschaufeln auf deren Konten befördert wird. Doch nicht genug damit: Wir als Gebührenzahler für das sog. öffentlich-rechtliche Fernsehen werden nochmals zu Zwangssubventionierern degradiert, da die Champions-League-Übertragungen ab dem Jahr 2012 für 54 Millionen Euro pro Saison ersteigert wurden. Da ist es doch nur folgerichtig, dass dieses Fernsehen mit dem öffentlichen Auftrag zur "Grundversorgung" immer übler wird.
born2bmild schrieb am 22.06.2011 um 19:31
Die Fußball- WM ist ein riesiges (TV)Geschäft, geschmiert von Bewerbern (sommermärchenhaft von DFB & Beckenbauer) und verschoben von der FIFA des Don Blatter, u. a. dürfen nur lizenzierte Getränke, Fast-Food und gar Brötchen in Stadien, Stadionnähe und sogenannten Fan-Meilen verkauft werden. Millionäre in kurzen Hosen präsentieren sich, um ihren Marktwert zu steigern - die Mär vom Sommermärchen ist selbst ein Märchen, ersonnen von coolen Marketingstrategen.
Vor der WM in Südafrika war Ballack der bestbezahlte Werbeträger, Löw hat seitdem kräftig aufgeholt; weil sein Ex-Capitano ihn noch als Klinsmanns Wasserträger kennt und ihn nie recht für voll nahm, hat er die erstbeste Gelegenheit genutzt ihn abzuservieren, nie ernsthaft versucht, ihn wieder in Nationalmillionärsmannschaft zurückzuholen.
Das Geplärre um Verdienste und Aufopferung ist etwas für die schlichten Gemüter, die dem Märchen nachhängen, Millionärsfußball hätte etwas mit Sport und Vereinsseligkeit zu tun.
Siehe Neuer, Sahin und Stanislawski - tränenreicher Abschied, um den Topf am Ende des Regenbogens zu finen.
Achtermann schrieb am 22.06.2011 um 19:45
Nicht nachvollziehen kann ich, dass diese Söldner, die Geldgeber, die sich immer noch Verein nennen dürfen, wechseln wie die Unterhosen (Ich komm zu dem, der am meisten zahlt.) und trotzdem in irrationaler Weise von als erwachsen sich gebenden Männern angehimmelt werden.
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