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S. Quentin Dexter

18.03.2011 | 16:18

»The Truth« DSDS und die Reality-Falle !

Man sollte meinen, RTL hätte nach dem Eklat um Dschungel-Insasse „Jay Khan“ ein Stück weit hinzugelernt, was den Umgang mit brisanten Bildmaterial angeht, der Fall Nina Richel, Ex-Kandidatin bei „Deutschland sucht den Superstar“, belegt jedoch das Gegenteil und nicht nur das.

(SQD) Noch nie zuvor wurde eine minderjährige Kandidatin auf ähnliche Weise vorgeführt und der Quote wegen ausgenutzt. Die 17-jährige Hildesheimerin sei damit auch das „erste Opfer“ der DSDS-Geschichte, titelt die BZ Berlin.»Die Welt« ist sogar der Meinung, DSDS könne sich genauso gut in „GZSZ“ (Gute Zeiten, Schlechte Zeiten) umbenennen, denn ein Unterschied sei kaum noch zu erkennen.

Das Nachrichten-Magazin »Der Spiegel« hatte schon 2009 auf den Vormarsch der „Scripted Reality“ hingewiesen. So schrieb das Blatt damals (Heft 43/2009): „Tag für Tag werden im deutschen Fernsehen Schuldner beraten, Kinder erzogen, Häuser umgebaut, Schwiegertöchter gesucht und Frauen getauscht. Es werden Süchtige therapiert, Ehen oder Restaurants gerettet, Nachbarschaftskräche geschlichtet, Straßenkinder aufgelesen und Schulabschlüsse nachgemacht“ und nun eben auch unschuldige kleine Mädchen vor laufender Kamera demontiert.

Nina Richel im Interview mit der BILD: „Ich wurde zur Zicke der Nation gemacht, obwohl ich das gar nicht bin. Man hat meinen Zusammenbruch im Fernsehen gezeigt, obwohl sie mir versprochen hatten, das nicht zu tun. Als es dann in der Show lief, hat mich das richtig fertiggemacht“.

Dem Zusammenbruch vorausgegangen war ein vernichtender Zickenzoff zwischen Nina Richel und ihrer Kontrahentin Anna Carina Woitschak (18), bei dem es um so wichtige Dinge wie Zahnpasta und dreckige Schlüpfer ging. Schlüpfrig auch das Interesse der Medien, die nämlich ließen nicht mehr locker und zelebrierten Ninas Zusammenbruch zusätzlich noch zweispaltig auf vordersten Seiten. Als Nina dann die weiße Fahne schwenkte, war alles schon zu spät. RTL schickt sie zum Psychologen, ein Vorwand, um sie aus der Sendung zu entfernen, glaubt Nina: „Am Ende haben sie mich dann rausgeworfen, weil sie Angst vor dem Jugendschutz hatten.“ (Quelle: Bildzeitung)

Das RTL und BILD sich regelmäßig die Bälle zuspielen ist nichts Neues, weshalb man die Aufrichtigkeit der Berichterstattung getrost auch anzweifeln darf. Neu ist aber die Intensität und Rücksichtslosigkeit mit der das geschieht. Hatten während der letzten Supertalent-Staffel (2010) fast nur Blogger-Dienste über die Inhalte der Sendung berichtet, taten das nun auch Magazine wie Stern und Focus, die glaubten den Skandal auch noch titulieren zu müssen. Kritiker sehen darin eher ein Kalkül der Show-Produzenten, die mit viel Tam-Tam versuchen den Nachrichtenwert der Sendung zu steigern, koste es was es wolle.

Exkurs: Um was geht es in der Sendung ? Was bezweckt „Deutschland sucht den Superstar“? Geht es um das Finden neuer Gesangstalente oder den Verkauf von Skandalen oder um beides? Ginge es nur um das Talent und dessen Förderung, bräuchte man keinen Aufreger und kein „Boulevardgeschnatter“ und auch kein Drehbuch, das für Selbiges sorgt, dann könnte man alles nur dem Zufall überlassen.

Im Privatfernsehen aber gibt es keine Zufälle, es geht um Profit und um Maximierung des selbigen. Höher, größer, weiter ist das Motto. Der Rekord vom letzten Mal ist nicht gut genug, die Steigerung stets das Credo und zur Erreichung all dessen braucht es Teilnehmer, die bereit sind sich vierteilen zu lassen und die danach noch dankend Nachschlag verlangen.

In den vergangenen Staffeln war das noch einfach, da waren die Produzenten noch findig genug, sich das Drama a priori zurecht zu casten. Entweder mit Freaks wie Küblböck und Lorenzo oder eben mit Asis wie Menowin und Racke, die von ganz allein für ausreichend Soap Opera sorgten. Irgendwann bleiben dann nur noch Langweiler übrig, eben Kandidaten wie Anna Carina und Nina Richel, die außer „Good Looking“ und „Good Stimmchen“ nichts zu bieten haben. In solchen Fällen hilft der Sender dann gern auch mal nach, weiß auch der DSDS-Gewinner Daniel Schuhmacher („Deutschland sucht den Superstar“ 2009) zu berichten:

„Wir (zwei Jungs) wurden gefragt, ob wir nicht mal ins Zimmer von Anne Marie Eilfeld (ehemals Teilnehmerin DSDS 2009) gehen wollen, einfach nur um ihren Schrank mal anzugucken, ob dort auch alles sauber und ordentlich ist“. Die Jungs machten das, warfen einen Blick in den offenen Schrank, sagten „toll“ und gingen wieder. Anschließend seien die Betreuer dann zu Anne Marie gelaufen und sagten zu ihr, „dass die Jungs ihren Schrank durchwühlt hätten“, und fertig war der Streit, in dem Fall provoziert von den Machern der Show selbst. [Quelle: www.regio-tv.de/video/123712.html ]

So oder ähnlich könnte es auch im Fall von Nina Richel gelaufen sein, dass die Macher der Show es geradezu provozierten, den Streit zwischen Nina und Anna Carina eskalieren zu lassen, geschuldet auch den Heerscharen von Journalisten, die nur darauf warteten, das irgend etwas Spannendes passiert.

RTL weiß das, und auch, dass die Einschaltquoten und die Preise für verkaufte Werbung damit um ein Vielfaches steigen. Warum also nicht liefern, wonach Werbepartner und Medienmeute so dringend verlangt ? Etwa aus Rücksicht auf die Kandidaten ? Die haben einen Vertrag unterschrieben, in dem steht (sinngemäß): „Der Kandidat hat keinerlei Rechte. Der Kandidat hält die Klappe, RTL entscheidet alles, RTL darf alles“, gelesen und unterzeichnet von Vater „X“, stellvertretend für seine minderjährige Tochter „Y".

Wem also trifft die Schuld, wenn eine 17-jährige Schülerin vor laufender Kamera zusammenbricht ?

„Das Wohl der Kandidaten steht an erster Stelle“ [...] „DSDS soll Spaß machen, und die Gesundheit muss vor der Karriere stehen“, teilt RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger per Presseerklärung mit.

Fragt sich nur, warum die Gesundheit der Kandidatin überhaupt gefährdet war und ob sie das vor dem Auftritt auch war oder der Kandidat durch den Auftritt erst krank wurde.

Fans der gescheiterten Hildesheimerin fordern nun sogar eine Klage gegen RTL, wegen des Vorwurfs der „seelischen Körperverletzung“ ( www.castingkritik.com ). Ohne der Ausstrahlung der Bilder ihres Zusammenbruchs - nämlich - hätte es gar keinen Aufreger gegeben und auch keine Diskussion um Ihre vermeintliche „Labilität“. Deren Ansinnen nach wäre Nina jetzt (vielleicht) noch dabei und würde um etwas kämpfen, für das Tausende vor ihr auch schon antraten, um Ehre und Anerkennung - als Sängerin.

Sean Quentin Dexter
 
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