Platzangst. Aber wir meinen Raumangst. Dies allein soll ausreichen, um an dieser Stelle ein Wort in Erinnerung zu rufen, welches zwar ästhetisch nicht gerade auf der Zunge zergeht, es jedoch verdient hat, richtig verstanden zu werden. Platzangst – Die Angst vor dem Platzen? Nein. Platzangst – Die Angst vor engen Räumen? Nein! Platzangst – Die Angst vor Plätzen. Ganz einfach. Und so lange ist es trotzdem schon als verkleidetes, vielleicht gar leidendes, Wortungetüm in unserem Sprachgebrauch unterwegs. Für das Verständnis dieses Wortes ist kein Platz in unserer Welt. Wie passend. Wir sagen auch Flugangst und meinen die Angst vor dem Flug. Logisch. Ich stelle mir die Frage, warum es uns so fern liegt, uns vorstellen zu können, dass es tatsächlich Menschen gibt, die Angst haben, große Plätze zu überqueren? Wo es doch so viele von diesen gibt. Angst vor der Enge können wir uns vorstellen – das Wort Platzangst huscht immer wieder durch unseren Alltag. Immer wieder falsch verstanden. Ein trauriges Dasein eines ohnehin schon nicht zur Sonnenseite des Lebens gehörenden Wortes. Platzangst – die falsch verstandene kleine Schwester der Raumangst. Letztere kann es sich bequem machen. Platzangst hält den Kopf hin für das was wir eigentlich sagen wollen. Zu viel Raum für Spekulationen. Kein Platz für wahre Worte. Wie traurig. Stellt sich die Frage: Warum nimmt das Wort Platzangst soviel Raum ein in unserer Sprachwelt? Und warum hingegen gibt es keinen Platz für die Raumangst – obwohl sie doch offensichtlich unter uns ist? So viele Fragen – und irgendwie nahezu ein siamesischer Zwilling. Unzertrennbar. Missverstanden. So verschieden und doch so gleich. Eine Lanze brechen für die wahre Bedeutung eines Wortes. Wir sagen Platzangst – und meinen die Angst vor großen Plätzen. Wir sagen Raumangst – und meinen die Angst vor engen Räumen. Soviel Platz muss sein.
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns
>> mehr