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Bill Gates ist das Alphatier der wohltätigen Superreichen. Neunzig Prozent seiner Zeit investiert der Microsoft Gründer nach eigenen Angaben ins Samaritertum, wie das aussieht ließ sich am Mittwoch morgen vor dem Brandenburger Tor beobachten.
Es ist viertel vor zehn. Der Himmel gönnt Berlin keine Sonne. Erste Journalisten tummeln sich auf dem Pariser Platz. Ab und an überqueren sie den Platz, bleiben vor dem Hotel Adlon stehen, gehen weiter und harren vor einem Starbucks aus. Einige Tage zuvor haben sie eine Einladung für diesen Termin erhalten. In einer kryptischen E-Mail haben sie etwas von einem „Graffiti Event mit Bill Gates“ erfahren. Ort und Zeit sind nur vage angedeutet: Brandenburger Tor, 9:45 Uhr.
In der Nähe des Starbucks wird eine Gruppe Berufsfotografen auf Englisch eingeschworen. Alle möglichen Anfahrtswege Gates werden durchgesprochen. Anschließend verteilen sich die Paparazzo auf den Pariser Platz. Dort steht bereits Felix Marquardt. Der einflussreiche Franzose, auf seiner Visitenkarte steht „Beyond Influence“, turnt vor der Journaille herum. Die hat sich inzwischen darauf verständigt in der Mitte des Pariser Platz zu warten. Mit Klebeband markiert man auf dem Kopfsteinpflaster, wo Gates später stehen könnte. Bis der kommt, werden noch einmal sämtliche Kameraeinstellungen mit einem fröhlich posierenden Marquardt geprobt.
Dann betritt eine Gruppe Studenten die Bühne bzw. den Platz. Allesamt tragen sie schwarze T-Shirts. Auf denen steht in einem weißen Kreis in dicken Lettern das Wort „One“ geschrieben. Langsam könnte Gates mal kommen, auch Marquardt wird ungeduldig und fragt nach einer Zigarette. Ungeachtet dessen bezieht die Studentengruppe vor den Fotografen Stellung. Sie sind hier als Botschafter der non-profit Organisation „One“. Die wird neben Promis wie Bono Vox und Bob Geldorf auch von Bill Gates unterstützt.
Auf einmal taucht Microsoft-Gründer Gates aus der Deckung auf. Seine Gefolgsleute tragen eine große Leinwand hinter ihm her. Auf der sind eine schwarze Frau und ein Kleinkind zu sehen. Drüber ist in blauer Schrift der Claim „Healthy Mums = Healthy Children“ gesprayt. Die Presse weiß nicht wie ihr geschieht, Fotoapparate beginnen zu klacken. Gates, der mit dem Rücken zum Brandenburger Tor steht, schüttelt die Hände der Studenten. Er lächelt auf Zuruf zögerlich. Die Leinwand wird hinter ihm positioniert. Das meint also „Graffiti Event“. Eilig wird den Reportern eine Pressemitteilung in die Hände gedrückt. In ihr steht Gates wolle ein Kunstwerk signieren und anschließend in einer kurzen Frage und Antwort Runde Aufmerksamkeit für intelligente Entwicklungshilfe schaffen.
Gates zieht es vor seine Kommunikation auf Grinsen zu begrenzen. Zudem hat er seine Signatur bereits im Van auf das Kunstwerk gesetzt. Vor grauer Berliner Kulisse wirkt Gates wie ein Außerirdischer. Er erhebt sich aus der Hocke, um ihn formieren sich die Studenten für ein letztes Gruppenfoto. Dann ist Schluss. Ein grinsender Gates verlässt den Pariser Platz, steigt in den Van und fährt davon. Sein Begleiter Marquardt weist achselzuckend darauf hin, dass die Frage und Antwort Runde wohl gestrichen wurde. Auch die Journalisten wirken kaum schlauer als zuvor. Für Gates gilt es wohl andernorts Klarheit zu schaffen, am Nachmittag spricht er mit Bundeskanzlerin Merkel und Entwicklungsminister Niebel.
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hallo herr schmidt,
richtig, aber ihr beitrag verpufft neben der wirkung seiner show, nicht? oder wird er jetzt aufhören zu spenden? mich begeistert, wie man das anstellt: ich spende, also ist alles, was ich mit geld zuvor getan habe, legitimiert? verziehen? drin? als wenn wir uns der neuen aura nicht entziehen könnten. aus dem politischen betrieb kenne ich folgende redewendung, die ich in so vielen sitzungen gehört habe: "the idea of citizen participation is a little like eating spinach: no one is against it in principle because it is good for you." (sherry arnstein) was zunächst gut und förderlich klingt, wird heikel, wenn man bedenkt, dass gewisse bürgerbeteiligungen bloß schmuck sind (diekanzlerin.de). das heißt: wir fördern etwas harmloses, damit nichts ändern. wir erwarten keine kritik, weil das, was wir fördern, im grunde gut ist. wenn er spendet, ist es besser als nichts, usw. es ist interessant, dass dadurch zusammenhänge vergessen werden. das thema ist eigentlich größer und komplexer, als ich das hier, in einem kommentar, abgeben könnte. danke! |
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Lieber Rafael Wawer,
natürlich verpufft der Artikel neben Gates. 3000 Zeichen werden den reichsten Amerikaner nicht daran hindern zu spenden. Warum sollte er das auch tun? Natürlich ist es bedenklich, wenn karitative Zwecke zu einem Ablassbrief der Gegenwart werden. Diese Widersprüchlichkeit, die im übrigen der Slavoj Zizek Beitrag für Cicero gut beleuchtet, aufzudecken war aber auch nicht der Ansatz meines kurzen Artikels. Meine niedergeschriebene Beobachtung sollte vor allem eins: Das groteske Szenario schildern, was sich am gestrigen Morgen vor dem Brandenburger Tor ereignete. Merkwürdig ist doch, dass Prominente nur noch ihr Gesicht zeigen müssen, um Gutes zu tun (Vielleicht ist das auch ein wenig die Schwäche des Artikels. Denn Gates tut weit mehr, siehe Giving Pledge oder Bill & Melinda Gates Foundation. Gestern vormittag beließ er es zumindest bei einem unkommentierten Lächeln und einem fünf-Minütigen Auftritt auf dem Pariser Platz). |
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nein, nein, keine sorge, es galt nicht ihren artikel zu entkräften oder nach einer schwäche zu suchen; im gegenteil, ich finde ihn gut. ich werde gern an die gegenwart erinnert. es braucht nicht immer eine komplexe theorie.
es wäre bloß die folgerichtige frage gewesen, nicht? wie nun verhindern, was wir sehen? und worin genau besteht der trick von gates? denn: es scheint, als wären karitative handlungen unangreifbar. aber das ist naiv. vgl. mein zitat von oben. in politischen runden wird bisweilen unverblümt behauptet: jede bürgerbeteiligung, auch die kleinste ob eines hundehaufenproblems, sei förderlich, also fördern wir auch das. der politiker ist hier der gates, der etwas tut, wovon er weiß, dass er lorbeeren erntet. angenommen, gates hätte auf hässliche und ungerechte weise millionen menschen über jahre ausgebeutet. wie dann seine "großzügige" spendemaßnahme werten, nicht? anscheinend sind wir bei der bewertung von politischen tyrannen und ihren benefizveranstaltungen weiter, als bei der bewertung und kritik von solchen spendemaßnahmen oder, im falle der partizipation, von staatlich geförderten politischen fördermaßnahmen. :) |
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In Bayern versteht man unter Fenstertechnik etwas anderes, zumindest bei den Ureinwohnern.
Tja, und das nachfolgende muss sein... Beat up Bill Gates MostPlays Online Games! |
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"Die beiden Gesichter von Bill Gates sind genau wie die beiden Gesichter von Soros: Auf der einen Seite steht ein erbarmungsloser Geschäftsmann, der Konkurrenten vernichtet oder aufkauft und praktisch ein Monopol anstrebt, auf der anderen Seite der große Menschenfreund, der gerne behauptet: „Wozu soll es gut sein, Computer zu besitzen, wenn die Menschen nicht genug zu essen haben?“
(...) Die Wohltätigkeit ist ein Teil des Spiels, eine humanitäre Maske, die nur die zugrunde liegende wirtschaftliche Ausbeutung verbirgt. Entwickelte Länder „helfen“ immerzu den unterentwickelten und entziehen sich so der zentralen Frage, nämlich ihrem Komplizentum an der elenden Situation der Dritten Welt und ihrer Verantwortung dafür. (...) Liberale Kommunisten sind Vermittler einer strukturellen Gewalt, die die Bedingungen für den Ausbruch subjektiver Gewalt schafft. Derselbe Soros, der Millionen verschenkt, um Bildungsprojekte zu fördern, hat mit seinen Finanzspekulationen das Leben Tausender ruiniert und dabei die Bedingungen für jene Intoleranz geschaffen, die er geißelt. " Slavoj Zizek www.cicero.de/97.php?item=1215&ress_id=6 |
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Dank für den fabelhaften Beitrag über Grinse-Gates und für den Hinweis auf Zizek in Kommentar.
Ich erinnere mich schwach an einen Artikel aus Amerika, in dem es hieß, Grinse-Gates sei inzwischen wie M. Jackson mit Doppelgängern unterwegs. :) |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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