Nicole M.

Durchs wilde Kurdistan (2010)

15.04.2010 | 11:58

Ankunft in Kurdistan - eine Reise mit Hindernissen und Herzblut

 

Diyarbakir/Amed, April 2010:

Genau so habe ich mir meine Ankunft in Kurdistan eigentlich vorgestellt. Leicht chaotisch, anders als geplant, und mit gleichviel Schwierigkeiten wie Herzblut.

Eigentlich wollte ich von Antakya nach Urfa fahren. Eigentlich. Noch auf der Busfahrt denke ich allerdings, schön blöd, dass ich nicht direkt nach Diyarbakir fahre – Diyarbakir, das bei den Kurden Amed heisst und als Hauptstadt des Landes gilt, das es auf der Landkarte nicht gibt – Kurdistan. Der Zufall (?) will es, dass ich auf der Busfahrt eine Familie kennenlerne, die in Amed wohnt und gerade auf dem Heimweg dorthin ist. Wir unterhalten uns – so gut es geht –, und sie nehmen mir das Versprechen ab, sie einmal zu besuchen.

Die Busfahrt, die eigentlich sechs Stunden lang dauern sollte, zieht sich in die Länge, jeder Halt dauert doppelt so lange wie geplant, und als wir noch 20 Kilometer von Urfa entfernt sind, ist es bereits stockfinster. Zum ersten Mal auf dieser Reise wird mir etwas mulmig zu Mute – schliesslich hat man mich immer wieder gewarnt, gerade in Urfa besonders vorsichtig zu sein. In der offensichtich etwas konservativen Stadt seien alleinreisende Frauen nicht besonders gerne gesehen, und der Bedarf an Schauermärchen ist auch zur Genüge gedeckt.

Meine neuen Freunde fragen mich, ob mich jemand am Busbahnhof abhole, und als ich verneine, verwerfen sie die Hände und machen mir unmissverständlich klar, dass sie unmöglich zulassen können, dass ich alleine hier bleibe. Ich solle doch mit ihnen nach Amed kommen, sie würden mich gerne beherbergen. Widerrede ist zwecklos.
Der Buschauffeur sieht das jedoch ein wenig anders. Obwohl der Bus halb leer ist, ist es offensichtlich unmöglich, dass ich bis Diyarbakir mitfahre, denn mein Ticket ist nur bis Urfa gültig. Und obwohl ein Halt geplant ist, kann ich auch nicht ein neues Ticket kaufen und dann im gleichen Bus weiterfahren. Nein, wenn ich unbedingt nach Diyarbakir will, muss ich eben den nächsten Bus nehmen – und der fährt drei Stunden später, gegen Mitternacht.

Das ist mir nun definitiv zu kompliziert, und ich versichere meinen neuen Freunden, dass ich unter diesen Umstände wie ursprünglich geplant in Urfa bleibe. Mein mulmiges Gefühl hat sich ohnehin verflüchtigt, als sich bei den Diskussionen zwischen dem Buschauffeur und meinen neuen Freunden innert Sekunden mindestens 30 Menschen um uns geschart haben, um mir zu helfen – sei es mit ein paar Brocken Englisch, mit weiteren Diskussionen mit dem Buschauffeur oder mit dem Angebot, mich zu einem sicheren Hotel zu bringen.
Ein Bahnhofsbeamter nimmt mich mit in sein Büro, wo erst einmal Tee getrunken wird. Aber als ich schon fast im Taxi Richtung Hotel sitze, taucht der Familienvater aus dem Bus wieder auf. „Wir gehen zusammen nach Amed“, sagt er, und ich freue mich schon, dass sich der Buschauffeur nun doch hat überzeugen lassen. Aber nein – der Mann hat seine Familie alleine nach Hause fahren lassen, um mit mir auf den nächsten Bus zu warten. Unmöglich hätten sie mich alleine hier lassen können. Es ist unfassbar, und ich habe natürlich ein ausgewachsenes schlechtes Gewissen – niemals hätte ich gewollt, dass sie sich meinetwegen so viele Umstände machen! Doch der Mann lacht nur. „Das ist normal!“, sagt er, „bei uns ist das normal!“

Ich verbringe in der Folge zwei wunderschöne, hochinteressante Tage in Amed, auch wenn ich nachher vollkommen erschöpft bin und mich richtig darauf freue, wieder ein paar Stunden alleine verbringen zu dürfen – denn Gast sein heisst hier, dass man lückenlos und mit einer fast erdrückenden Fürsorge umsorgt wird. Es kommt nicht in Frage, dass man auch nur einen Schritt alleine tut oder auch nur eine Lira zahlt. „Du gehörst jetzt zur Familie!“, heisst es, daran gibt es nichts zu rütteln.

Wie kühl, wie verschlossen, wie unfreundlich Westeuropa jedem Migranten aus einem Land wie der Türkei erscheinen muss, wird mir erst jetzt klar. Genau so gewöhnungsbedürftig wie ihre Gastlichkeit für uns ist unsere Ungastlichkeit für sie – und dabei handeln weder wir noch sie in einer wohlwollenden oder weniger wohlwollenden Absicht. Wir sind so durch und durch geprägt von unserer Kultur, dass wir uns in keinster Weise bewusst sind, wie unser Verhalten und unsere Lebensweise auf andere wirkt. Und ich weiss, dass auch mein Aufenthalt in der Türkei mich nicht so sehr verändern wird, dass ich nachher wildfremde Leute im Bus auflese und zu mir nach Hause einlade. Manchmal wäre ich vielleicht gerne so, manchmal aber auch wieder nicht ...

 

 
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Kommentare
Zachor! schrieb am 15.04.2010 um 12:16
Ein sehr schöner Text! Danke, Nicole M.
Insbesondere dem Fazit muss man zustimmen: "Wie kühl, wie verschlossen, wie unfreundlich Westeuropa jedem Migranten aus einem Land wie der Türkei erscheinen muss, wird mir erst jetzt klar. Genau so gewöhnungsbedürftig wie ihre Gastlichkeit für uns ist unsere Ungastlichkeit für sie – und dabei handeln weder wir noch sie in einer wohlwollenden oder weniger wohlwollenden Absicht. Wir sind so durch und durch geprägt von unserer Kultur, dass wir uns in keinster Weise bewusst sind, wie unser Verhalten und unsere Lebensweise auf andere wirkt. "
koslowski schrieb am 15.04.2010 um 12:22
Schließe mich Zachor! an und bin gespannt auf die nächsten Berichte.
Nicole M. schrieb am 15.04.2010 um 12:23
Ich danke euch herzlich fürs positive Feedback!!
hibou schrieb am 15.04.2010 um 12:33
ich danke auch! aber pass auf:

"Eigentlich wollte ich von Zürich nach Bern fahren. Eigentlich. Noch auf der Busfahrt denke ich allerdings, schön blöd, dass ich nicht direkt nach Huttwil fahre – Huttwil, das bei den Bernern Huttu heisst und als Hauptstadt des Landes gilt, das es auf der Landkarte nicht gibt – Bernistan..." Was sagst Du dazu?
Nicole M. schrieb am 15.04.2010 um 12:44
Dazu sage ich, dass die Berner seit ihrem Beitritt zur Eidgenossenschaft keine Bestrebungen gezeigt haben, einen eigenen Staat zu gründen oder zumindest Autonomierechte zu gewinnen. Und dass sie dazu wohl auch keinen Grund gehabt hätten, weil ihnen niemand verboten hat, sich Berner zu nennen, Berndeutsch zu sprechen oder bernisch-kantonale Feste zu feiern. Die Liste der Verbote und Restriktionen, denen die kurdische Bevölkerung in der Türkei ausgesetzt ist, ist lang. Ich glaube nicht, dass sich die Berner beklagen können, weil es kein Bernistan gibt.
hibou schrieb am 19.05.2010 um 06:45
Berner beklagen sich selten. Besetzen lieber andere Laender. Naja, der Jura........
hibou schrieb am 15.04.2010 um 20:42
Wurde die Türkei nicht mit den Kurden gegründet?
luggi schrieb am 15.04.2010 um 22:06
gelesen,
schön die Beschreibung der Gastfreundlichkeit, und wahr die Beschreibung des Widerspruchs bezüglich der Gastfreundschaft -> Frage der Kultur oder der Leitkultur
weinsztein schrieb am 16.04.2010 um 03:09
Liebe Nicole M.,

wieder ein Bericht, den ich mit Vergnügen gelesen habe.

"Die Kurden" (Atatürk nannte sie "Bergtürken") sind in der Türkei nicht nur Verboten und Restriktionen ausgesetzt, viele sind außerhalb des Wilden Kurdistans sehr gut integriert und geachtet, wie ich u.a. in Istanbul oder hier an der Ägäis feststelle. Die Kurden in meinem Freundeskreis sehen sich durchaus als Türken.

Eine komplizierte Gemengelage, die historisch u.a. mit Aleviten und Sunniten zu tun hat, mit Nationalismus hier wie dort, mit Reislamierungsbestrebungen und Laizismus, mit Separatismus, mit Ölvorkommen, den entsprechenden USA-Interessen nebst Druck auf die Regierung Erdogan, die willfährige.

Der Nachfrage von hibou ("Wurde die Türkei nicht mit den Kurden gegründet?") schließe ich mich an.

Herzliche Grüße
weinsztein
Alien59 schrieb am 16.04.2010 um 12:23
Sie wurde. Nur wurden die Kurden dabei schandbar betrogen und nach ihren Toten kräht kein Hahn heute - waren ja auch keine Armenier.
Rahab schrieb am 16.04.2010 um 12:28
da kannste mal wieder sehen, wie sonderbar die verwendung des wortes 'gründen' im zusammenhang mit 'nationalstaat' ist.
hibou schrieb am 16.04.2010 um 12:37
Kraeht denn nach den toten Türken ein Hahn? Um vier bzw. drei deutsche Soldaten herrscht Getobe im Medienwald... Wieviele tausend Türken "fielen" da?? Und die Amis...tse tse....offiziell Natopartner, gehen mit den "Kurden"...
Übrigens: die Kurden - so sagt man - haben am heftigstens gegen die Armenier gewütet... Es ist ein Kreuz .... :-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.04.2010 um 12:38
Halt die Augen weiter offen! Schöner Blogbanner und guter Text!
hibou schrieb am 16.04.2010 um 12:38
am heftigsten :-))))
hibou schrieb am 16.04.2010 um 12:38
ja weiss und rot hehe
Nicole M.
Nicole M. arbeitet als Journalistin und als Lehrerin und berichtet zehn Monate lang aus Kurdistan und der Türkei. Sie ist ein halbes Jahr lang als Deutschlehrerin in der Südosttürkei stationiert und tritt anschliessend eine mehrmonatige Reise durch die kurdischen Gebiete an.
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