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Mardin, April 2010:
Das Leben hier ist reich an Episoden und Anekdoten. Die schönsten sind diejenigen, die für die Einheimischen nicht erwähnenswert – weil normal – sind. Eine Auswahl:
. Die Türken, genau so wie die Kurden, sind bekanntlich grosse Fleischliebhaber, und dementsprechend alltäglich sind in den türkischen und kurdischen Küchen deshalb auch die Gespräche über die verschiedenen Fleischsorten und Zubereitungsformen. Dass auf offener Strasse Geflügel und Schafe verkauft werden, dass an den Ständen auf dem Fischmarkt noch halb lebendige Tiere liegen – weil sie in der Hitze sonst sofort schlecht werden würden –, und dass in den Schaufenstern der Metzgereien jede Menge Tierleibe baumeln, geht ja noch. Aber die Art und Weise, in der für dieses Fleisch geworben wird, ist für einen Europäer erstaunlich bis haarsträubend.
Ein türkischer TV-Kanal zur Hauptsendezeit am Abend: Anmutig galoppiert ein wunderschönes Pferd über eine Wiese, die Nüstern sind anmutig gebläht, die Mähne flattert im Wind. Der Anfang eines Tierfims, denke ich, die Verfilmung eines Jugendromans wie „Blitz“, oder allenfalls ein Western? – Nein. Nur ein paar Sekunden lang sieht man das Tier in voller Lebenskraft. Dann ein harter Schnitt, und ein paar Pferdefilets liegen schön drapiert auf der Auslage eines Fleischgeschäftes. „Frisch und in bester Qualität“, so der Werbeslogan.
Und auch der niedliche Esel, der als nächstes im Bild erscheint und dessen treuherziger Blick einem das Herz schmelzen lässt, bleibt nicht lange im Bild. – Erraten: Es ist Eselfleisch – „frisch und in bester Qualität“ – für das hier geworben wird. Nichts für Tierliebhaber. Oder aber: Bemerkenswert ehrlich – denn wer ist sich in Europa beim Kauf von einem Stück Fleisch wirklich und wahrhaftig bewusst, dass es ein totes Tier ist, das er da isst?
. Kommandozentrale eines Elektrizitätswerkes: Die Angestellten und ihre Freunde sind – wer hätte es gedacht – am Tee trinken. Als Bekannte eines Bekannten eines Angestellten gehöre ich natürlich offiziell zur Runde. (Bestimmt schon die fünfte Teeeinladung an diesem Tag.) Als in der Nähe die langgezogenen Klänge des Gebetsrufes erklingen, achte ich nicht weiter darauf – nach drei Wochen Türkei habe ich mich daran gewöhnt wie zu Hause ans Gebimmel der Kirchenglocken. Auch dass einer der Männer aufsteht und verschwindet, fällt mir nicht weiter auf. Und auch die darauf folgenden Handlungen werden mit einer solchen Selbstverständlichkeit und fast Nebensächlichkeit erledigt, dass man sie leicht übersehen könnte.
Als der Mann mit gewaschenen Händen und Füssen zurück kommt, reicht ihm einer eine bügelbrettähnliche Matte – ein einfaches Holzbrett, auf das ein Stück Stoff aufgenagelt ist. Erst als er das Bügelbrett auf den Boden legt und darauf niederkniet, realisiere ich, dass es ihm als behelfsmässigen Gebetsteppich dienen soll.
Wenn ich in einer Moschee auf Betende treffe, gehe ich nur auf Zehenspitzen und habe selbst dann noch das Gefühl, in eine Sphäre einzudringen, in der ich als störender Fremdkörper wahrgenommen werde. Doch hier, in der Kommandozentrale des Elektrizitätswerkes von Mardin, schert sich kein Mensch darum, dass da ein Gläubiger kniet. Die Teerunde geht genau so laut und genau so lustig weiter wie bis anhin, und so wenig wie sich die Teetrinker um den Betenden kümmern, genau so wenig kümmert sich dieser um den Lärm und die Ausgelassenheit hinter seinem Rücken. Als er sein Gebet beendet hat, räumt er das „Bügelbrett“ still weg – an seinen Platz hinter einem Regal – und gesellt sich wieder der heiteren Runde zu.
. Nur ein paar Kilometer von Mardin entfernt steht es: Das Kloster Deir az-Zafaran. Meine kurdischen Kollegen möchten es unbedingt besuchen, aber ohne Auto kann dies schwierig werden. Der Preis, den uns die Taxifahrer nennen, ist überrissen, und wird ausserdem etwas seltsam berechnet: nicht nach Kilometern oder Minuten, sondern nach Anzahl Personen. Da wir zu viert sind, sollen wir 80 Lira zahlen. Zwei Personen würden für die gleiche Strecke die Hälfte zahlen. Wie dem auch sei, viele andere Möglichkeiten als ein Taxi gibt es nicht – der Linienbus fährt nicht so weit.
Was machen? – Die Zähne zusammenbeissen und das Taxi zahlen oder gute Schuhe anschnallen und zu Fuss gehen, wenn man ein Tourist ist. Als Einheimischer sieht das Ganze aber etwas anders aus. Nach erstaunlich kurzer Diskussion erklärt sich der Fahrer des Linienbusses einverstanden, für 15 Lira seine ordentliche Strecke etwas zu verlängern, uns am Kloster abzusetzen, dort eine halbe Stunde auf uns zu warten und uns dann wieder zurück ins Zentrum zu bringen. So einfach geht das.
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Verstehe ich, Luggi. Ich als Pferdefreundin auch.
Es wundert mich aber. Ich war oft und lange in der Türkei, und habe dort sowohl eingekauft als auch jede Menge Werbung im TV miterlebt. Pferde und Esel als Esswaren sind mir dabei nicht begegnet. |
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Interessante Einblicke.
Zur ersten Episode fiel mir spontan ein, dass dort dann wenigstens kein Kind denkt, dass Rinder aus Schokolade und Lila sind ;) |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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