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Zwischenstation in Antakya/Hatay, April 2010:
In Kappadokien habe ich mich noch über andere Touristen geärgert, jetzt wäre ich bald froh, wenn ich ab und zu ein paar sehen würde. Obwohl Antakya – das antike Antioch – als beliebtes Reiseziel gilt, kommt es mir vor, als wäre ich die einzige Ausländerin hier. Die wenigen Touristen, denen ich begegne, sind Türken, und die können sich wenigstens standesgemäss nach den Gepflogenheiten des Ortes erkundigen.
In Istanbul waren die Moscheen oft so vollgestopft mit Besuchern, dass es einem fast nebensächlich erschien, dass ab und zu auch in ihnen gebetet wurde. Hier ist es umgekehrt: Auch die bekanntesten und in allen Reiseführern ausgezeichneten Moscheen dienen in erster Linie dem Zweck, für den sie errichtet wurden: Es sind Gebetshäuser. Besucher sind so selten, dass ich oft eine halbe Stunde lang in den Innenhöfen herumsitze und beobachte, wer wo hinein- und hinausgeht, bevor ich mich traue, einen Blick hinein zu werfen. Ich schliesse mich dabei immer den Frauen an, um sicher zu gehen, dass ich keinen Raum betrete, der Männern vorbehalten ist – und meist warte ich lange, bis Frauen auftauchen.
Vor meiner Abreise haben mir verschiedene Türkinnen geraten: Wo immer Du bist, halte Dich an die Frauen, dann kannst Du nichts falsch machen. Auf Männer solltest Du Dich so wenig wie möglich einlassen. – Was sie mir aber nicht gesagt haben, ist, wie ich an diese Frauen heran komme, an die ich mich halten soll. Denn es gibt praktisch kein Geschäft, kein Restaurant, keine Touristen-Information und keine Busticket-Verkaufsstelle, in der eine Frau arbeitet. Ich halte mich also an die, die nun eben an den Stellen sitzen, mit denen ich in Kontakt treten muss.
Doch gerade in Antakya bin ich überwältigt von der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, mit der ich überall empfangen werde. Ich wollte es nicht so recht glauben, aber bereits hier findet man nur noch sehr wenige Menschen, die mehr als ein paar Worte Englisch oder Deutsch sprechen. Mit meinen begrenzten Türkischkenntnissen kann ich wohl fragen, wo ich ein Busticket kaufen kann oder wie ich zur Strasse xy komme, aber die Antworten auf meine Fragen zu verstehen, sind nochmals eine Herausforderung für sich. Mit Wortfetzen in allen möglichen Sprachen und meist vor allem mit Händen und Füssen gelingt die Verständigung dann aber meistens trotzdem, und vor allem das Wohlwollen der (ausschliesslich) Männer, die mir weiterhelfen, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.
Sie machen zwar grosse Augen, wenn sie hören, dass ich alleine unterwegs bin, aber ihr Verhalten ändert sich angesichts dessen nur dahingehend, dass sie sich noch zuvorkommender bemühen, meine Fragen zu beantworten. Wenn ich von ihren Erklärungen wieder einmal nur zehn Prozent verstehe, bedeuten sie mir, zu warten, eilen weg und kehren kurz darauf mit einem Freund auf, der angeblich Englisch oder Deutsch spricht – allerdings meist nicht besser als ich Türkisch. Doch für mich zählen in erster Linie ihre Bemühungen – vor allem, weil sie keine Gegenleistung erwarten. Kein „Willst Du einen Teppich kaufen?“, kein „Soll ich Dir die Stadt zeigen?“, kein „Gehen wir heute Abend zusammen aus?“. Sie helfen, weil sie sich freuen, dass sich jemand für ihr Land, für ihre Stadt interessiert, und nachdem ich die Frage „Findest Du Antakya schön?“ fünf Mal mit einem begeisterten – und wahrheitsgetreuen – Nicken quittiert habe, ist ihnen dies Dank genug.
Als ich am zweiten Tag in Folge ins gleiche Internetcafé gehe – in dem ausschliesslich Männer sitzen –, begrüsst mich der Besitzer wie eine alte Bekannte, fragt wie es mir geht und ob ich den gleichen Computer wie am Vortag benutzen möchte – und bringt mir strahlend ein Glas Tee als Willkommensgruss. Ich glaube, so langsam bin ich angekommen in der Türkei.
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Das passt so gar nicht zu meinem Bild vom radikalmuslimischen, minarettvernarrten, christenhassenden Türken. In der Türkei habe ich Ähniches erlebt, scheinbar kennen die "Pro-Irgendwas"-Leute andere Menschen.
Ein schöner Bericht,Danke. |
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Bleibt die Frage: Wieso treffen Sie auf der Strasse keine Frauen an?
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KalleWirsch,
das fällt Ihnen zu diesem schönen blog ein, in dem es um Toleranz, Nähe und Menschlichkeit geht? Ich lebe seit über einem Jahr in der Türkei (Turgutreis, Bodrum-Halbinsel) und erlebe die Menschen hier ähnlich wie Nicole.M. Ich sehe Frauen hier und anderswo in der Türkei flanierend auf den Straßen, shoppend, in Büros, in der Stadtverwaltung, in Häusern, sich um die Kinder kümmernd. Viele arbeiten auch - wie Männer - in Fabriken. Die Türkei ist ein Land mit vielen Völkern unterschiedlicher Geschichte, Kulturen und Lebensweisen. In Antakya anders als in Ankara, Istanbul, Bodrum oder in Sivas, Van, Iskenderun, Diyarbakir. Verschiedene Kulturen, die auch Emanzipationsbestrebungen betreffen. So wie früher in Bayern oder im Rheinland. Oder auch heute |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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