Nicole M.

Durchs wilde Kurdistan (2010)

05.04.2010 | 15:50

Sie wohnen Tür an Tür, Maria und Allah, in der Ayasofya

 

Beginn der Reise in Istanbul, April 2010:

Die Ayasofya wird als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Istanbul bezeichnet. Ein ursprünglich christliches Bauwerk als historisches Zentrum einer muslimischen Stadt? Ich höre noch den empörten Unterton in der Stimme eines Bekannten, der vor meiner Abreise zu mir gesagt hat: „Die haben die Ayasofya einfach in eine Moschee umgewandelt! Eine Kirche!“ In den Gehörgängen des 21. Jahrhunderts, das spätestens mit dem 11. September 2001 zum Jahrhundert der Islam-Skepsis geworden ist – und dies ist sehr wohlwollend ausgedrückt –, bedeutet dies: „Da haben wir es wieder, die Muslime wollen uns an den Kragen, sie streben nach der Eroberung von Europa und der Zerstörung des Christentums! Schon im 15. Jahrhundert haben sie der Ayasofya vier Minarette als Eckpfeiler verpasst, eine Festung, aus der das Christentum fortan ausgesperrt blieb! Und heute - naja, das kennen wir ja!“

Welch herbe Enttäuschung für die Skeptiker, wenn sie in ihren Reiseführern lesen müssen, dass die vier Minarette nicht zuletzt zur Stabilisierung des Gebäudes errichtet wurden, das wegen der drohenden Erdbebengefahr zeitweise vom Einsturz bedroht war. Doch die Enttäuschung muss noch höher aufsteigen durch die Skeptiker-Gedärme, -Herzkammern und -Luftröhren: Fünf Meter hoch ist es, das Mosaik von Jesus und Maria aus dem 9. Jahrhundert, und es thront an der exponiertesten Stelle der Apsis, hoch in die Wölbung der Kuppel eingeschmiegt. In nächster Nachbarschaft prangt das Schild mit den arabischen Schriftzeichen für den Namen von Allah.

Sie streiten sich nicht, die christlichen und die muslimischen Hoheiten, sie belegen sich nicht mit Vorwürfen und Unterstellungen, sie richten keine Waffenläufe aufeinander, obwohl sie schon seit hunderten von Jahren so Tür an Tür wohnen, in der altehrwürdigen Ayasofya.

Und noch etwas: Wo sind die alten Heiden, wo die Jupiter-Anbeter, die das Christentum verschreien, weil es sich in Rom das Pantheon unter den Nagel gerissen und die antiken Götterbilder zerstört hat? Natürlich, das ist tausende von Jahren her. Sagen die Skeptiker. Heute ist das Christentum eine friedliche Religion. Aber wer legt die Verjährungs-Zeit für die Zerstörung von Götterbildern fest? Und wer die Verjährungs-Zeit für den Bau von Minaretten an Kirchenwänden? Fragen über Fragen. Doch Maria und Allah streiten sich nicht, hoch oben an der Kuppel. Das würde ein Erdbeben auslösen, bei der längst nicht nur die Ayasofya in Gefahr wäre.

 

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 05.04.2010 um 16:24
Sehr geehrte Nicole,

ohne beckmesserisch sein zu wollen: Heiden sind es, bestenfalls, auch wenn Haider in dem Zusammenhang .. Aber lassen wird das, anderes Thema, anderes Land.

Die Stadt, die sich damit hervortut, in der Neuzeit (also nicht mit Mosaiken aus den Niederungen irgendwo zwischen Antike und Mittelalter) das Nebeneinander zu gewähren, ist Rom. Dort steht die in den 80ern des vorigen Jahrhunderts erbaute größte Moschee auf europäischen Boden in Blickkontakt zu den größten christlichen Basiliken, zum Vatikan selbst, der interreligiöse Diskurs ist Programm. Zugegeben, Istambul ist derzeit modern, irgendwie der Geheimtip zur "europäischen" Kulturhauptstadt. Aber der Blick auf spätbyzantinische Kunst überzeugt mich nicht unbedingt davon, dass das alles wirklich auf der Höhe der Zeit ist oder zumindest so wahrgenommen wird: Als wirkliche Schnittstelle. Da müsste schon ein wenig mehr Substanz her. Ein kleiner Denkanstoß: Das Pantheon ist praktisch das einzige vorchristliche kultische Bauwerk des untergegangenen Imperiums, das trotz seiner „Umwidmung“ praktisch unversehrt und original erhalten geblieben ist. Warum nur?!
Nicole M. schrieb am 06.04.2010 um 20:52
Lieber ed2murrow,

Danke für die Anmerkungen! Der freudsche Tippfehler ist korrigiert :)
Zum anderen Punkt - natürlich ist mir klar, dass nicht von einem Beispiel auf die Haltung eines ganzes Landes, einer ganzen Kultur oder einer ganzen Religion geschlossen werden kann. Auch ich verstehe meinen Beitrag bloss als Denkanstoss, der sich einer immer mehr um sich greifenden Verallgemeinerungstaktik - im negativen Sinn - entgegen stellen soll. Warum nicht einmal auf die andere Seite - im positiven Sinn - verallgemeinern?
Nicole M.
Nicole M. arbeitet als Journalistin und als Lehrerin und berichtet zehn Monate lang aus Kurdistan und der Türkei. Sie ist ein halbes Jahr lang als Deutschlehrerin in der Südosttürkei stationiert und tritt anschliessend eine mehrmonatige Reise durch die kurdischen Gebiete an.
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