Nicole M.

Durchs wilde Kurdistan (2010)

01.05.2010 | 18:08

Über Klischees, Schlüsselerlebnisse und die restlichen 99% Alltag


Natürlich habe ich nicht nur positive Erlebnisse. Natürlich erlebe ich auch Situationen, die genau den Klischees entsprechen. Natürlich werde ich manchmal auf der Strasse misstrauisch angeschaut, natürlich sind nicht alle Männer so zuvorkommend und so offen wie diejenigen, die ich hier bisher beschrieben habe.

Neulich auf dem Postamt wollte der Schalterbeamte partout kein Geld von mir nehmen, und je weiter ich meine Hand vorgestreckt habe, desto mehr hat er seine zurückgezogen. Da ich zu lange nicht begriffen habe, wo das Problem lag, und immer weiter vorgerückt bin mit meinen Münzen, hat er schliesslich ungeduldig auf den Tresen geklopft und mir bedeutet, mein Geld doch einfach dort hin zu legen. Meine Hand zu berühren, sei es auch nur für die Übergabe von ein paar Münzen, kam für ihn auf gar keinen Fall in Frage. Sehr ungewöhnlich für eine Westeuropäerin, sehr unangenehm, sicherlich, und: Ja, ich habe mich unhöflich behandelt gefühlt, und ja, ich habe mich geärgert.

Doch dies ist mir in inzwischen vier Wochen Türkei nun genau ein Mal passiert. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich ein solches Erlebnis in meinen Blog stellen soll. Natürlich – es entspricht der Realität, genau so wie alles andere, das ich hier beschrieben habe. Es ist ein Ausnahmefall – und dennoch genau die Geschichte, die wahrscheinlich manch eine Türkeireisende zu einem Schlüsselerlebnis erklären würde. Genau so läuft es in der Türkei, genau so sind sie, die Muslime, das ist doch wieder typisch – schon höre ich die Kommentare. Und wenn ich eines nicht will, dann ist es, solche Klischees zu bedienen!
Denn so funktioniert derjenige Journalismus, um dessen Willen ich manchmal nicht gerne sage, dass ich Journalistin bin: Selbstverständlich kann man aus hundert positiven Beispielen das eine negative herauspicken und ein Pamphlet darüber schreiben – nichts leichter als das. Und da der Zeitungsleser und der Fernsehzuschauer nur das aufnehmen kann, was er vorgesetzt bekommt, will ich ihn nicht allzu sehr kritisieren – nur ein kleines bisschen – , wenn er manchmal nicht fähig ist, zu differenzieren.

Wenn man aber alle kurzerhand in den gleichen Topf wirft und gleich alle muslimischen Männer für frauenverachtend erklärt, bloss weil ein Postbeamter die Hand zurückgezogen hat, zeugt dies meiner Meinung nach nicht von Unfähigkeit, sondern von Unwille, zu differenzieren: Man will dieses eine Beispiel verallgemeinern, man will an „den Muslim“ glauben, und zwar an den Hände-abweisenden, man will ein bisschen empört sein, man will den Kopf schütteln und man will sich damit brüsten, wie fortschrittlich im Gegensatz zu diesem Verhalten westliche Männer sich benehmen. Wie unantastbar die Gleichberechtigung „bei uns“ ist.

Deshalb: Eigentlich möchte ich solche Geschichten gar nicht veröffentlichen – weil ich nicht will, dass sie missbraucht werden, um ein Klischee zu schüren, das meiner Erfahrung gemäss tatsächlich nur ein Klischee ist und in einem von hundert, vielleicht in einem von tausend Fällen zutrifft. Und dennoch: Genau so wenig will ich ein unrealistisches, ein übertrieben idyllisches Bild von diesem Land, von dieser Kultur vermitteln.
Doch das Verhältnis soll stimmen: Wenn ich pro Monat zwanzig angenehme und zwei unangenehme Begegnungen habe, wäre ich eine schlechte Journalistin, wenn ich diese zwei zu grossen Geschichten aufbauschen und jene zwanzig in ein paar Sätzen abtun würde.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.05.2010 um 20:18
Schreib mal besser von Beidem, da schafft mehr Verständnis. Es sind schöne, ruhige Beschreibungen die Du hier zeigst.
weinsztein schrieb am 02.05.2010 um 01:54
Liebe Nicole M.,

vielleicht solltest Du jemanden bitten, den Postbeamten zu fragen, warum er auf gar keinen Fall Deine Hand berühren wollte.

Beruft er sich auf Mohammed ("Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf"), folgt er einer regionalen Tradition, handelte er gar aus Respekt oder will er es der religiös tümelnden Regierungspartei AKP recht machen, die etwa in Mardin über die Mehrheit verfügt?

Unbedingt solltest Du beide Seiten in Deinen Berichten berücksichtigen und zu Wort kommen lassen. Das hält der Vielvölkerstaat Türkei nämlich locker aus.

Beste Grüße
weinsztein
fruehauf schrieb am 05.05.2010 um 17:52
Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum es so schändlich sein soll, dass der Mann einer Berührung ausweichen wollte. Nicole hat es nicht verstanden und er keine höfliche Form gefunden, ihr mitzuteilen, dass sie sich aus seiner Sicht "daneben" verhält. Kein Kuschel-Erlebnis, aber auch kein Beinbruch, finde ich.
Nicole M. schrieb am 06.05.2010 um 18:09
@ fruehauf:
... weder Kuschel-Erlebnis noch Beinbruch, ich gebe Dir Recht. Nicht schändlich, einfach nur ungewohnt für uns bzw. mich.

@ alle:
Dankeschön fürs Lesen und die Kommentare! :)
Nicole M.
Nicole M. arbeitet als Journalistin und als Lehrerin und berichtet zehn Monate lang aus Kurdistan und der Türkei. Sie ist ein halbes Jahr lang als Deutschlehrerin in der Südosttürkei stationiert und tritt anschliessend eine mehrmonatige Reise durch die kurdischen Gebiete an.
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