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Erstmal das: Ich hatte nie eine besonders innige Beziehung zu Stuttgart. Ja, früher haben da noch ein paar Kumpels von mir gewohnt, da bin ich dann auch ein paar Mal zum feiern hingefahren, aber die sind dann peu a peu nach Berlin gezogen und ich hatte im Prinzip gar keine Gründe mehr, da hin zu müssen. Da ich ja keinen Führerschein habe, bin ich immer mit der Bahn gereist. Der Stuttgarter Bahnhof hat mir immer ganz gut gefallen. Schöner als der damalige Kölner allemal, auch schöner als der Frankfurter. Und Bahnhof Zoo war auch nicht so prickelnd. Ich glaube den Münchener fand ich noch ein wenig schöner. But thats just me. Ich bin auch wirklich alles andere als ein Experte für Architektur. Mir gefallen aber so alte, brachiale Gebäude, die auch immer etwas morbides haben.
Nun geht es ja bei weitem nicht um Ästhetik oder dem Mangel daran, bei den S21-Protesten. Es geht um einen Bahnhof, den zu bauen ziemlich bescheurt ist und täglich bescheuerter wird. Denn da wird im grossen Stil Geld verbrannt. Im grossen Stil. Im GROSSEN Stil. Das gibt es natürlich immer, man hört das ja immer bei der Vorstellung dieses Steuer-Schwarzbuches, jedes Jahr. Und wenn man mal auf Autobahnen seine Augen offen hält, dann sieht man oft genug Brücken, die einfach so mitten in der Gegend rumstehen. Nie fertig gebaut und auch ohne ersichtlichen Grund ihrer Existenz. Aber ich schweife wieder ab: S21 schien mir ein sinnvoller Protest. Ja, jetzt kommt natürluch wieder die Argumentation, das es schon lange beschlossen wurde, das es komisch sei, das erst JETZT die Proteste dagegen stattfinden, das die Leute die Politiker, die das gerade durchboxen wollen ja selber gewählt hätten etc. etc. Sozusagen die lange Nase: Ätsch Bätsch, selber Schuld ihr Trottel!
Das kann man finden wie man will, mir ist das ein bisschen egal ob sich jemand die Mühe machen will, die Proteste zu verstehen oder nicht. Ich finde die einfach sehr beeindruckend, weil eben nicht die typsichen Pappnasen auf der Strasse stehen, sondern die Leute, die einen sonst von hiterm Gartenzaun argwöhnisch beobachten. da stehen Lehrerinnen, Supermarktkassierer, Schauspieler, Bauern, Briefträgeinnen...ihr versteht worauf ich hinaus will.
Ein breiter Volksprotest, wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hat. Finde ich erstmal einfach sehr gut. Und freut mich sehr. Ich sehe: Es gibt eben doch noch Gründe auf die Strasse zu gehen, für die "normalen" Menschen. Das ist etwas sehr beruhigendes, etwas sehr positives, etwas sehr gutes. So. Und jetzt geht die Scheisse los.
Was ich gestern für einen unglaublichen Müll von allen Seiten auf Twitter gelesen habe, hat meinen Hals in bislang unerreichte Dimensionen anschwillen lassen. Dabei muss man wohl in drei Gruppen einteilen:
1.) Die S21-Befürworter
Klar, die freuen sich über die heftigen Reaktionen bei den Gegnern, wenn sie ihren Kack bei Twitter abladen. Dabei beobachtet man halt leider viel zu oft eine gewisse Freude an der Provokation, was es natürlich unmöglich macht, diese Typen ernst zu nehmen (abgesehen davon das man den Eindruck hat, überdurchschnittlich oft auf PR-Texter zu treffen...).
2.) Hysterische S21-Gegner
Das ist wohl so ziemlich das kontraproduktivste, was es gibt. Pauschal alle Polizisten als "gewissenslose Arschlöcher" zu bezeichnen bringt uns in der Diuskussion ebenso wenig weiter, wie Gegner niederzubrüllen, Argumente zu ignorieren und jeden Scheiss zu retweeten, der einem nur spektakulär genug vorkommt um die "Gegner" zu diskreditieren (ich bin froh das sich keines der 4 oder 5 angeblichen Todesopfer der gestrigen Demo bewahrheitet hat...) und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Man hatte das Gefühl, das da einige sitzen, die sich nur den Tod eines Unschuldigen wünschen, um endlich in ihrem sehr einfachen Weltbild bestätigt zu werden. Wuuuh. Gruselig.
3.) Die "Ist mir egal, aber..."-Fraktion
Das sind die schlimmsten. Das sind die Hutschnurplatzenlasser. Ich habe gestern einige Kollegen gelesen, die dem Protest seine Existenzberechtigung absprechen wollten (natürlich würden sie das so nie formulieren) . Die nichts anderes zu tun hatten, als sich die ganze Zeit darüber zu mokieren, das es doch bitte NUR um einen doofen Bahnhof ginge. Das alle Demonstranten die Relation verloren hätten. Das der Protest peinlich und übertrieben sei und das jetzt wenigstens das Bürgertum auch mal merken würde, wie es auf einer Demo so "abgeht". Sagt mal Jungs: Gehts noch?
Wie ich oben schon erwähnte: Ich bin beeindruckt von der Masse und vor allem der Zusammensetzug an Menschen, die da auf die Strasse gehen .Und weil euch deren Motiv, deren Gründe, deren Protest nicht gefällt stempelt ihr die alle als Idioten ab, die nicht kapiert haben was wirklich wichtig sei? Wie kann man so unglaublich arrogant sein und andere Lebenswirklichkeiten so mit Füssen treten? Was läuft das schief in den Köpfen derer, die sich immer für so unheimlich weitsichtig, open-minded und stets "das grosse Ganze" im Blick haltend wähnen? Das ist nicht zu fassen. Das hat ja fast ein, da wir über Schwaben reden passt es ja ganz gut, Gschmäckle, das man ein wenig beleidigt ist darüber, das die eigenen Demos nicht so erfolgreich verlaufen sind. Nun, warum gehen die Menschen eher gegen einen grössenwahnisinnigen Bahnhof auf die Strasse als gegen Vorratsdatenspeicherung (was so ziemlich das komplette Gegenteil eines bürgelichen Protests ist - denn da bestanden die Teilnehmer nur aus Menschen zwischen 20 und 40, recht Computeraffin, und meistens männlich). Warum protestieren sie eher gegen Atomkraft als gegen Datenmissbrauch?
Weil, verdammte Hacke, der Protest mit ihnen spricht. Sie ernst nimmt. Sie anhört. Sich ihnen annimmt. Das tut jeglicher "Freiheit statt Angst"-Protest eben nicht. Wenn sich da über Street View Angst lustig gemacht wird, dann hat man schon den Grossteil der Bevölkerung verloren. So einfach ist das.
Was in Stuttgart passiert ist gross. Sehr gross. Man mag sich über eine gewisse übertriebene Euphorie der Protestierenden ("Wir schreiben Geschichte!") lächerlich machen, aber dann muss man sich eben den Vorwurf gefallen lassen auf beiden Augen blind zu sein, weil, sorry: Das sagen alle Demonstranten auf allen Demos, die mehr als 1000 Teilnehmer haben. Das ist eine Euphorie, das ist eine Freude, das es einen Sinn macht, was man tut. Warum man sich darüber so aufregen kann, macht für mich nur Sinn, wenn man krampfhaft Argumente sucht. Oder eben keine Lust hat nachzudenken.
Nochmal: Es spielt in erster Linie keine Rolle, weswegen die Menschen auf die Strasse gehen. (Ja, das wird mir sicher um die Ohren gehauen...) Aber wenn es so viele aus so einem breiten Spektrum sind, dann MUSS ich das ernst nehmen und kann das nicht als Kokolores abtun. Das können sich die ach-so-kritischen Netzphilosophen mal gerne hinter ihre Ohren schreiben. Aber dafür gefällt man sich dann in seiner Rolle als Provokateur dann doch wieder zu sehr. Schade. Chance vertan.
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Huch, wow, mindestens die Hälfte meiner verschwurbelten, genervten, wütenden, beeindruckten Gedanken zusammengefasst, und das auch noch verständlich.
Sehr cool! Diese Häme auf der einen, die Hysterie auf der anderen Seite Ich sags ganz erhlich, Stuttgart 21 war mir meist relativ egal, ich hab mich mit anderen Dingen beschäftigt, meine Gefühl war anfangs eher für den bahnhof, ich hab ein bisschen was gelesen, mein gefühl tendiert heute eher dagegen, aber ich kann nicht behaupten wirklich Ahnung zu haben oder durchzusteigen. Dann dieses Erschrecken gestern und die absolute Überzeugung, dass das nicht geht. Anstatt darüber reden wir jetzt plötzlich über Nebenschauplätze, instrumentalisierte Kinder, Kriegsmetaphern, dass es ja wohl wichtigeres gibt. Meine Güte. mspro fragt dich gerade nach deiner Argumentation. "ganz ehrlich? ist deine argumentation tatsächlich: "die sind viele, also haben sie recht!"?" Meine Antwort wäre: Es sind viele, nehmt sie ernst. Anstatt sie wegzuprügeln. |
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Nach der Lektüre kann ich verstehen, dass du "kurz luft abgelassen" getwittert hast.
Ich freue mich, dass du dann einfach mal so einen - ich spekuliere mal etwas, entschuldige die Wortwahl - spontanen Gedankenwust postest. Interessant zu lesen, rein sprachlich, wie ein fließender Gedanke runtergeschrieben, abgeschickt ohne drübergelesen zu haben, scheiß auf kleine Fehler. Gefällt mir irgendwie. Zum Inhalt will ich schweigen. Über S21 muss ich noch länger nachdenken. |
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Eine Meinung darf nie gewinnen, nur weil sie in der Mehrheit ist. Das verstößt gegen den Minderheitenschutz im Grundgesetz und ist somit verfassungswidrig. Schon gar nicht darf sie gewinnen, nur weil sie die lauteste ist. Das hat nichts mit dafür oder dagegen sein zu tun oder mit Egalität. Sondern ich meinte - und das habe ich in meinem Artikel auch gut genau dargestellt - die absurde Überhöhung dieser Sache, die eine Beleidigung für die ist, die wirklich Probleme haben.
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Die erste Hälfte deines Kommentars überspringe ich mal, denn darum geht es ja gar nicht.
Und ja, ich finde es eben eine Beleidigung den vielen Menschen, die da auf die Strasse gehen aus einer wo-auch-immer-herkommenden Arroganz heraus abzusprechen, das sie ein Problem haben. Es geht nicht darum ob das richtig oder falsch ist, aber wer bist du zu entscheiden wie w i c h t i g deren Problem ist? Es bewegt viele Menschen aus vielen Schichten, irgendetwas scheint also an der Sache dran zu sein, was sie problematisch macht. Du argumentierst wie die Eltern am Küchentisch, die sagen: "Du isst das jetzt auf, die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das hätten!" Das finde ich viele tausend Male absurder, als das die Menschen gegen ein überteuertes, größenwahnsinniges Prestigeobjekt das gegen sämtliche Widerstände durchgedrückt werden soll, auf die Strasse gehen. Und das ist eben das Problem an deinem Artikel: Du hast eine klare Argumentationslinie, der man auch klar folgen kann. Aber sie führt eben nur zu dem Schluss, das du vielen Menschen das Recht absprichst, ein Problem zu haben. Und das ist mangelnder Respekt. Ganz einfach. |
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Ich sag dir eines: Es wird immer mehr solcher völlig überdrehten Demonstrationen geben. Vielleicht werden bald Molotow-Cocktails fliegen, weil ein Baumgefällt werden soll. Und Bauvorhaben werden beinahe unmöglich werden durchzuführen. Weil immer irgendjemand etwas dagegen hat und sich ein Volksaufstand gegen eine Ententeich organisiert. Reaktionärer denken geht kaum noch.
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Also ich finde den Text außerordentlich sympathisch und für einen Außenstehenden erstaunlich empathisch (?) - sorry, finde kein passenderes Wort.
Der Titel kann bei oberflächlichem Lesen leider zu Missverständnisssen führen (man kann das "Anti" übersehen), aber der Text selbst läßt dann ja keine Zweifel aufkommen. "das[s] man ein wenig beleidigt ist darüber, das[s] die eigenen Demos nicht so erfolgreich verlaufen sind." Das ist ein prima Gedanke. Am 30. stand abends jemand neben mir und meinte lakonisch, solange wir die Wasserwerfer nicht besetzen würden, würde das nichts werden. Da könnte so ein Neid dahinter gesteckt haben. Ich meine, wer hat bisher fast ausnahmslos ganz normale BÜRGER in solchen Massen zu einer Demo gebracht? Gut, die ersten Bäume sind jetzt weg und der Park kaputt. Aber möglicherweise haben die Gegner solche Fehler dabei gemacht, dass es jetzt vom Gericht gestoppt wird - obwohl man hier nicht immer mit einer unabhängigen Justiz rechnen darf. Aber wenn man sich auf die Spiele dieser Herrschaften einläßt, dann hat man schon verloren. Gegen diese ein Leben lang geschulte Lügnerei kommst du als normaler, anständiger Mensch nicht an. Dass es dagegen zu einer solchen Gewalt-Orgie der Regierung kam, dürfte denn auch auf die sture Friedlichkeit der Demonstranten zurückzuführen sein. Wenn man sich auf die Spielregeln dieser Regierungsrowdies nicht einläßt, drehen sie irgendwann mal durch. Denn dann sind sie tatsächlich machtlos und das macht sie rasend. Und es ist doch in zahllosen Videos zu sehen, wie diese Politiker völlig ins Leere drehen und halluzinieren. Die sind völlig abgefahren in ihre Wahnwelten und die ganze Welt kann, dank Internet, sehen, dass sie halluzinieren. Vielleicht macht das Internet den Gewaltverzicht im Moment sogar leichter, weil man Lügen einfacher entlarven kann. Wenn man dies aber kann, kommt es nicht zu ohnmächtiger Wut. Leider gibt es dann auch Opfer. Aber wäre man zu Gegengewalt übergegangen, hätte es mit Sicherheit Schlimmeres gegeben. So aber hat sich dieses P..... international so entblößt, dass ihr Prestige wohl dauerhaft beschädigt ist. Vor allem aber hat diese Selbstentlarvung die Zahl der Demonstranten am nächsten Tag nach meiner Schätzung verdrei- oder vierfacht. Und, wer weiß, vielleicht wird das zu einem Demokratie-Tsunami, der die ganze Republik erfasst.... Stichwort Euphorie. In der Tat scheint sich da eine positive Euphorie zu entfalten und zu halten. Eine Reporterin hat mit ihrem "Woodstock"-Feeling reichlich übertrieben, aber da sind tatsächlich keine Kampfverbände, sondern es bilden sich spontane Gesprächsgruppen, ja Freundschaften. Das ganze ist auch ein soziales Event. Und selbst wenn viel verloren gehen sollte, dieses Erlebnis von Gemeinsamkeit und Freundschaft bleibt. Und bei welcher Demonstration werden denn anschließend Telephonnumern ausgetauscht? Das ganze hat gerade einen "Lauf". Das baut sich irgendwie von selbst ständig weiter auf. Am Freitag hatte ich das Gefühl, es ist im Moment geradezu "in", gegen S21 und für die eigene Stadt zu demonstrieren. Vielleicht haben da einige schon Angst, die Demos könnten erfolgreich sein und man ist nicht dabei gewesen.... Irgendwie ist das auch eine Versammlung von Bürgern, die gemeinsam Demokratie machen wollen. Ich bin selbst gespannt, wie das ausgeht, denn auch für mich ist eine solche Art von Widerstand vollkomen neu. |
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Noch eine Ergänzug, damit da gar nicht erst Missverständnisse entstehen: da ist auch jede Menge "Migrationshintergrund" dabei. Am Donnerstag, nach der Gewaltorgie, passierte ich einen Mann, der in starkem französischen Akzent über Mappus herfiel. Am Freitag fragte uns eine Gruppe mit türkischem Hintergrund, wo es denn die gelben Aufkleber gebe. Und schon früher war ich hinter einem "türkischen" Opa gestanden, der mit seinem Enkelchen demonstrierte.....
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Danke, jo, so hab ich mich am Wochenende auch gefühlt beim Anblick meiner twitter-Timeline... ich hatte immer unweigerlich diese Karikatur von Uli Stein vor Augen, wo ein Pinguin in der Gegend rumsteht mit einem Schild, auf dem steht "Ich bin dagegen!". Wogegen, bleibt sein Geheimnis, denn es ist ja auch egal. Es geht ums Prinzip. Immer zweimal mehr wie du.
Das Argument "ach nee, wieso protestiert ihr denn jetzt plötzlich?" ist dabei mein liebstes, weil dümmlichstes. Haben sich diese Leute auch 1989 an die innerdeutsche Grenze gestellt und die Freudentränen der rübermachenden Ossis kommentiert mit "ach nee, 40 Jahre war alles gut und JETZT PLÖTZLICH wollt ihr ausreisen, oder wie?". Auch schön ist dieses "aber ihr habt die doch gewählt!". Damit unterstellt man, dass man überhaupt nur wählen gehen darf nachdem man sich nicht nur sämtliche Parteiprogramme (mit Kleingedrucktem!) zu Gemüte geführt hat, sondern letztlich auch mit einem davon 100%ig übereinstimmen muss. Wenn ich also eine Partei gewählt habe, muss ich - komme was wolle - alles befürworten, was die so entscheidet? Mitgefangen, mitgehangen? Ich glaub auch. Dann hätten wir künftig eine Nichtwählerquote von etwa 87%. Bis Donnerstag war S21 für mich nur eine Meldung in den Nachrichten. Was interessiert mich dieser blöde Bahnhof in Stuttgart? Dass Bilder von heulenden Teenagermädchen und panischen Rentnern medienwirksam eingesetzt wurden, ist schon klar. Aber das ändert nunmal nichts daran, dass es so passiert ist. Und ich fühl mich so, als wär da am Donnerstag ein Graben aufgerissen worden, den die derzeitige Regierung nicht wieder wird zuschütten können. Und das meine ich durchaus auf Bundesebene. Aber - mal ehrlich - warten wir da nicht alle schon lange drauf? Ich hätte dieses Gefühl nicht, wenn es z. B. in Berlin oder Hamburg passiert wäre. Aber dass ausgerechnet die braven Schwaben mal anfangen, nicht mehr alles zu schlucken, ist bewundernswert und macht mir Hoffnung, dass wir uns irgendwann mal nicht mehr so ausgeliefert fühlen müssen. |
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Wer nur die Oberfläche des Protestes um S21 betrachtet mag durchaus zu Schlüssen wie überdreht und sinnfrei kommen, aber vielleicht sollte man gerade einmal näher betrachten warum gerade hier so viele auch unterschiedliche 'Gruppierungen' im Widerstand zusammenfinden.
Gerade der lokale Charakter ist es doch, der diese auf den ersten Blick völlig überraschenden Koaltionen und Energie ermöglicht. Egal ob nun Baumschützer oder Denkmalschützer, Geldverschwendungskritiker oder Politikverdrossene, Heimatverbundene oder Effizienzbefürworter, Grüne, Rote, Schwarze, Gelbe. Letzlich verlieren hier die Kategorien wie immer wenn es um lokale Fragen geht an Bedeutung. Die Anzahl der Widerstandsbegründungen sind letzlich so zahlreich, wie die Menschen die dahinter stehen. Das es gerade bei diesem Protest zu einer so breiten Aktivierung kommt ist doch bei näherem Hinsehen kein Zufall. Es geht nicht um das wichtigste Problem unserer Zeit, schon gar nicht um das einzige Problem. Es geht aber um unsere unmittelbare Umgebung. Etwas das man sehen, greifen und erleben kann. Vor allem auch ein Thema das nicht durch Ausblenden ignoriert werden kann, wenn man vor Ort ist. Ansonsten besteht die Chance einfach die Medien-Offtaste zu drücken und schon kann man sich in seine heile Welt zurückziehen, dies ist an dieser Stelle nicht möglich. Der faktische Zwang sich in irgendeiner Weise mit dem örtlichen Lebensmittelpunkt(Ich weiss,für den Begriff werde ich noch verbal gesteinigt ^^) zu beschäftigen schliesst eben hier ein Ignorieren der Zustände aus und zwingt dazu Stellung zu beziehen. Erst die Bilder und das aktive Geschehen rund um den Bahnhof machen dies den Meisten jedoch erst deutlich. Unverständnis mit dem Aktivismus wächst mit dem räumlichen Abstand zum Ort des Geschehens. Aber gerade dort sollte man eben auch begreifen, das sich hier eine kleine lokale Welt abspielt und das vielleicht gerade deswegen augenscheinlich so viele Menschen in der Entfernung die Wucht der aufeinanderprallenden Emotionen nur in sehr kleinem Umfang nachvollziehen können. Die Gräben die sich hier öffnen sind dabei eben genau dieselben Themen die auch jeden Nachbarschaftsstreit mit Leben füllen könnten, bis hin zum besungenen 'Maschendrahtzaun', der gerade in Stuttgart und am 3.10. eine ganz eigene Symbolik entwickelt. Man sollte einfach nicht übersehen das es bei dem Streitgebiet um das Quasi-Wohnzimmer der Einwohner einer ganzen Stadt geht. Wo sonst als in eben einem Wohnzimmer aber werden die meisten Diskussionen angefacht und gerade dort, wenn auch meist sorgfältig verdrängt, spielen Emotionen die wichtigste, wenn auch nicht immer nur positivste Rolle. Insofern mögen einige der im Beitrag angesprochenen Entgleisungen nachvollziehbar, aber keineswegs entschuldbar sein und gerade diese Entgleisungen auch einmal anzusprechen ist dem Beitrag hoch anzurechnen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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