Nizzre Dra'Velven

Konzept statt Aktionismus

25.01.2012 | 11:28

Davos: Denkt Europa vom Anfang her.

In den aktuellen Diskussionen und Betrachtungen der unterschiedlichen Interessengruppen von Politikern, Finanzfachleuten und Gewerkschaften, geht es nur um eins: Um statistische Daten, die je nach Zielgruppe unterschiedlich ausgewertet werden und durch eigene Umfragen „erhärtet“ werden.

Alles das zeigt aber nur eine Momentaufnahme oder Entwicklung, die je nach Interesse unterschiedlich interpretiert werden kann. Und die jedem recht gibt, der sie interpretiert.

Bei alledem wird eines vergessen:

Der Grundgedanke, der Europa tragen sollte.

Der Wunsch, einen gemeinsamen Raum des Wohlstandes, der Sicherheit und der optimalen Bedingungen für eine prosperierende Wirtschaft zu schaffen.

Wer die Arbeitskosten pro Stunde innerhalb Europas zum Beispiel vergleicht, wird Deutschland, je nach Interpretation, in der „Mitte“ oder im „oberen Drittel“ finden – je nach Zielgruppe also zu niedrig, genau richtig oder zu hoch.

Realistisch betrachtet, ist diese Statistik eigentlich absolut ohne Aussage, denn Europa ist in den letzten Jahren nach unten hin durch ehemalige Ostblockstaaten erweitert worden, in denen ein erbärmlicher Lebensstandard herrscht – und nach oben hin gliedern sich Länder, die ein extrem ausgefuchstes System der sozialen Umverteilung pflegen. Gleichzeitig sagen diese Kosten nichts über den Wohlstand der Menschen in den jeweiligen Ländern und über die soziale Sicherheit aus, geschweige denn dass sie ein Indikator für den wirtschaftlichen Erfolg auf dem Weltmarkt seien – siehe Arbeitskosten-Primus Belgien.

Sie sagen aber auch nicht, dass die Arbeitskosten in Deutschland rauf oder runter müssen, im Gegenteil, diese Daten signalisieren, dass es noch ein weiter Weg zur Integration der Peripherieländer ist. Was den Lebensstandard, die soziale Sicherheit und die Lebenschancen der Menschen in Tschechien oder Polen angeht.

Erklärtes Ziel der europäischen Union muss es doch sein – und war es meiner Erinnerung nach in den Anfängen der EU auch – einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen Wohlstand, angemessene Sicherheit und Zukunftsaussichten leben können und in dem Unternehmen zum Wohle der Menschen prosperieren. National, EU-weit und international.

Diesen Grundgedanken sollte die EU wieder in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Und alle Mitgliedsstaaten sollten ihn sich hinter die imaginären Ohren schreiben. Denn das ist es, was alle Europäer vereint: Der Wunsch friedlich, sicher und in Wohlstand zu leben und in fairen Unternehmen zum Wohlstand aller zu arbeiten. Für sich selbst und für die nächsten Generationen.

Was ist also zu tun?

  • 1.    Die EU als organisatorischer Überbau muss aufhören, sich ums Tagesgeschäft einzelner Länder zu kümmern (Finanzmarktkrise) und sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: Auf den Aufbau gemeinsamer Strukturen.
  • 2.    Die EU muss gemeinsame Ziele für Sozialstandards in Krankenversicherung, Rente, Erwerbsunfähigkeitsrente, Arbeitslosenversorgung und Mindestlöhnen setzen, die eine perspektivische Angleichung vorsehen. (Nicht ad hoc alle gleich, aber Zielmarken auf 20 Jahre)
  • 3.    Die EU muss Arbeitnehmerrechte (Kündigungsschutz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) definieren, die überall in Europa gleich gültig sind und sowohl für Einheimische der Mitgliedsländer als auch für Migranten gelten.
  • 4.    Die EU muss gleiche politische Mitbestimmungsrechte für alle EU-Bürger definieren, lokal, regional, national, im Rahmen der EU. Diese Rechte müssen in nationales Recht übernommen werden.
  • 5.    Die EU muss wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, die es einzelnen EU-Ländern untersagen die Gemeinschaft als Ganzes durch Dumpingsteuern oder Niedriglöhne zu übervorteilen.
  • 6.    Die EU muss Subventionen abbauen und auf akute Nothilfe bei Katastrophen beschränken.
  • 7.    Die EU muss den Schutz von Minderheiten, wie Sinti und Roma gewährleisten. Und zwar durch gleiche Lebenschancen und Schutz vor Diskriminierung in den Herkunftsländern.
  • 8.    Die EU muss innereuropäischen Migranten für sich und ihre Kinder gleiche Bildungs- und Ausbildungschancen gewähren. Inkl. verpflichtender Sprachkurse bzw. Sprachklassen für den Einstieg ins jeweilige nationale Bildungssystem.
  • 9.    Die EU muss eine Basis-Verkehrssprache (englisch) festlegen, in der jedes Mitgliedsland jeweils alle üblichen Formulare neben der Landessprache vorhalten muss, so dass alle innereuropäischen Migranten jegliche Behörden- und Arbeitsformalitäten stets in einer gleichen Sprache ausfertigen können.
  • 10.    Das Kartellrecht muss so ausgestaltet werden, dass keine „systemrelevanten“ Unternehmen entstehen – weder in den Schlüsselindustrien noch im Bankensystem. Europa muss sicher gemacht werden gegen „to big to fail“-Erpressungen.

 

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 25.01.2012 um 17:10
@Nizzre Dra'Velven

Herzlich Willkommen in der Feitag Community!

"Der Wunsch, einen gemeinsamen Raum des Wohlstandes, der Sicherheit und der optimalen Bedingungen für eine prosperierende Wirtschaft zu schaffen."

Darauf liegt n. m. E. nur dann Segen, wenn Europa sich als Verantwortungsgemeinschaft im Konzert der Völker, Länder, Staaten, Währungszonen konstituiert und kommunizierend begreift.
Nizzre Dra'Velven schrieb am 25.01.2012 um 17:28
Sehr geehrter Herr Petrick,
vielen Dank für die Begrüßung und Ihren Kommentar.

Selbstverständlich haben Sie da sicherlich recht.
Allerdings braucht es - bevor eine Gemeinschaft ein Außenbild und eine dazugehörige Vision/Strategie des gemeinsamen Handelns/Kommunizierens entwirft - erst einmal ein Selbstbild.

Und genau da sehe ich zur Zeit das drängendste Problem der EU. Im Aktionismus der "Euro-Rettung" (und eigentlich schon seit den hektischen EU-Erweiterungen nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Paktes) geht seit Jahren immer mehr das Bewußtsein für Europa als Identität und bürgerschaftliche Gemeinschaft verloren.

Es herrscht eine erschreckende Ziellosigkeit in der Politik, die letztlich meiner Meinung nach eine der Hauptursachen für das Gefühl der "Sinnlosigkeit" von Europa beim Bürger ist.

Was Sie anmahnen - absolut zu Recht - ist meiner Meinung nach der zweite Schritt. Erst wenn zumindest eine gemeinsame Zielformulierung für die EU als "Societät" erfolgt ist, kann darauf aufbauend eine glaubwürdige und auch tragfähige gemeinsame Stimme nach außen getragen werden.
Joachim Petrick schrieb am 25.01.2012 um 20:35
@Nizzre Dra'Velven

Danke für Ihre überaus bedenkenswerten Einlassungen.

Braucht es nicht vor allem einer begeisterungsfähigen Erzählung zu Europa?
Könnte das nicht die identitätsstiftende Erzählung einer Verantwortungsgemeinschaft sein?

Ob wirklich eine Ziellosigkeit in der EU Politik das Sagen übernommen hat, bezweifle ich. Geht es nicht mehr um die Kommunizierung der Ziele der EU und damit um die politische Aufwertung des Europäischen Parlaments?
Nizzre Dra'Velven schrieb am 26.01.2012 um 09:34
Guten Morgen, Herr Petrick,

genau über diesen Punkt habe ich lange nachgedacht. Als Konzeptionerin habe ich seit mehr als 20 Jahren immer wieder Aufgabenstellungen, die da lauten: "Das Image unseres Unternehmens muss besser werden."

Und ich kann zu Europa - aus dieser Erfahrung heraus - nur eins sagen: Leere Kommunikation rettet kein Image.

Die "begeisterungsfähige Erzählung" kann nur dann entstehen, wenn die Menschen eine überzeugend positive "Produkterfahrung" machen. Speziell deshalb, weil sie in den vergangenen 10 Jahren nahezu ausschließlich vom ehemals begeisternden Eurogedanken und Europagedanken enttäuscht wurden.

Das gilt nicht nur für die Deutschen, sondern auch und ganz besonders für die Bürger der Staaten in der sogenannten "Osterweiterung", die sich für den EU-Beitritt (aus Begeisterung) extrem krumm gelegt haben und ihr Leben erheblich umgekrempelt haben, um Teil der "begeisterungsfähigen Erzählung" zu werden.

Was aber eben dadurch enttäuscht wird - ganz aktuell - dass es eben keine Verantwortungsgemeinschaft gibt, sondern dass sie selbst (die sicherlich mehrheitlich von einer Angleichung ihres Lebensstandards an Länder wie Deutschland, Frankreich, Dänemark geglaubt haben) jetzt ausgenommen werden sollen zugunsten von Schuldenländern, die in der gleichen Zeit, in der sie sich "fit für Europa" gemacht haben, Misswirtschaft und Korruption zum Gesellschaftsprinzip erhoben haben (s. Griechenland und Italien).

Also: Die begeisterungsfähige Erzählung ist sicher wichtig und entscheidend für die Zukunft.
Aber sie wird nur auf dem Boden echter Fairness-Politik und echter Reformen der europäischen Mitbestimmung wachsen können.

Werbung allein reicht nicht.
Nizzre Dra'Velven
freiberufliche Konzeptionerin und Publizistin
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