Nizzre Dra'Velven

Konzept statt Aktionismus

31.01.2012 | 21:11

Der Trend zur Selbstverzwergung

„Ja, dann müssen DIE mir aber doch schleunigst eine neue Wohnung stellen...“ Als ich diesen empört ausgestoßenen Satz durch das Telefon hörte, hätte ich fast laut los gelacht. Zum Glück konnte ich mich beherrschen, denn sonst hätte ich mit meinem Gelächter auf die wunde Seele eines guten Freundes getreten. Die Vorgeschichte dazu ist folgende:

Im November hat mein Freund H. eine neue Wohnung bezogen. Finanziert wird diese Wohnung von der lokalen ARGE, da er sich seit Jahren mit einer chronischen Krankheit herum schlägt und immer zwischen Rentenversicherung und ALG II-Bezug hin und her geschickt wird. Inzwischen hat er eine persönliche Helferin der psychosozialen Hilfe, die ihm auch diese Wohnung vermittelt hat. Als er die Wohnung im November bezog, habe ich beim Umzug geholfen und ihm sofort gesagt: „Da hat jemand Schimmel übergestrichen. Ich würde die Wohnung nicht nehmen, der ganze Verputz unter der Tapete ist aufgequollen.“ Aber, ich hätte das genauso gut einem Sandsack erzählen können, weil ja die Frau von der Hilfe die Wohnung mit ausgesucht hatte.

Nun sind kaum 3 Monate herum und der Schimmel blüht in schwarzer Pracht. Entsprechend aufgebracht ist mein alter Kumpel (den ich seit mehr als 20 Jahren kenne). Was mich aber an der Sache so juckt, ist nicht, dass es so gekommen ist, wie ich vergeblich prophezeit hatte, sondern die Tatsache, dass bei ihm ein Reflex eingetreten ist, den ich immer häufiger in unserer Gesellschaft beobachte:

„Da müssen DIE...“

DIE sind nämlich immer die Anderen. Gerne DIE im Amt, DIE in der Politik, DIE da oben.
Eigeninitiative und Eigenverantwortung sind ganz klar auf dem absteigenden Ast in unserer Republik. Das „ICH MUSS“ und „ICH WERDE“ verzwergt zusehens und in erschreckendem Maße. Bestensfalls gibt es noch ein „man müsste mal“ im Sprachgebrauch vieler.

Das zeigt sich auch in den unzähligen Kommentaren von Nutzern der einschlägigen Online-Publikationen der großen Tages- und Wochenzeitungen. Gerade, wenn es um Themen wie Arbeitslosigkeit, speziell Langzeit-Arbeitslosigkeit, Altersvorsorge, Familienfinanzierung und Zukunftschancen geht. Oder auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immer wird gefordert, dass DIE endlich was tun. Vorzugsweise Ämter und Politik.

Und wehe, man erklärt, dass wir in der zur Zeit sicherlich nahezu besten aller Republiken leben, die das Recht des Einzelnen auf freie Entfaltung in einer Weise respektiert, wie es in den meisten Gegenden der Erde nicht einmal erträumt werde. Schon bricht ein Sturm der Entrüstung los – in den Kommentarfunktionen gern ein sogenannter „Shit-Storm“.

Ein positives Beispiel wird da immer zum „Einzelfall“ oder zum „Kapitalismus-Profiteur“ degradiert, jedes negative Beispiel persönlichen Versagens zur Allgemeingültigkeit hochstilisiert. Es ist auch sichtbar, denn auf locker 100 Postings, die persönliche Machtlosigkeit dokumentieren, gibt es höchstens 2-3 Diskutanten, die tatsächlich eingestehen, allen „Widrigkeiten“ zum Trotz, ein relativ selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben zu führen.

Nun ist aber die Realität im echten Leben unserer Republik doch eine völlig andere. Immer noch kommt die Mehrheit „ganz gut zurecht“. (Von den entsprechenden Diskutanten gern mit „Dir wünsch ich die Pest an den Hals, hoffentlich landest Du bald GANZ UNTEN.“ kommentiert.) Da stellt sich mir doch die Frage, woher kommt dieser fatale Trend zur Selbstverzwergung? Warum gehen so viele Menschen ihr Leben nicht mehr mit Mut und Offensive an? Ist „liegen bleiben und auf Hilfe warten“ vielleicht für viele der scheinbar einfachere Weg?

Ich lebe beim besten Willen nicht auf einer Insel der Seeligen. Im Gegenteil, ich bin durch Firmenschließung arbeitslos geworden, mein Mann ebenfalls. Ich habe fiese Chefs erlebt und meine Konsequenz daraus gezogen, mich selbständig zu machen. Ich habe inzwischen mehrere Branchen- und Wirtschaftskrisen erlebt und mir immer neue Nischen und Kunden gesucht, manchmal hat es kaum gereicht, aber irgendwie habe ich es immer geschafft. Kurz nach dem Bau unseres „Generationenhauses“ sind im Abstand von wenigen Jahren zwei der Mit-Erbauer und Mit-Kreditnehmer gestorben. Also haben wir restlichen vier „den Gürtel enger geschnallt“. Als Fibromyalgie-Patientin leide ich unter einer chronischen Krankheit, die viele dauerhaft arbeitsunfähig macht. Als Hauptverdienerin in meiner Familie habe ich Strategien entwickelt, trotzdem voll arbeitsfähig zu sein und habe auf diese Weise tatsächlich sogar Mitpatientinnen und meinem Hausarzt helfen können.

Nun kommt wieder der Punkt, wo es heißt „ja DUUUUU, Du bist ja auch anders.“

Ich habe aber festgestellt, ich bin gar nicht anders. Es gibt Tausende, die ebenfalls ihr Schicksal mit beiden Händen so bearbeiten, dass sie damit gut leben können. Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie sich selbst und andere dafür begeistern nicht nur zu „liegen“, sondern ihre Welt zu verändern. Auch deshalb, weil ich etwa die Hälfte meiner Zeit nicht mit reiner Erwerbsarbeit, sondern mit Arbeit im Dienst von Hilfsorganisationen verbringe. (Für die ich nicht komplett gratis arbeite, sondern meine Facharbeit zu 50% in Rechnung stelle – ich muss leben, mein persönlicher Luxus ist es aber, Sinnvolles zu tun.)

Umso mehr entsetzt es mich, dass immer mehr Menschen anfangen, DIE für alles verantwortlich zu machen und ihre Eigeninitiative zu verleugnen. Denn, wer nach DENEN ruft, der gibt damit auch seine Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand. In der Politik, in der Arbeitswelt und im eigenen Leben.

Ich wünsche mir deshalb, dass die Menschen in Deutschland – und speziell die Internet-Gemeinde – endlich anfängt, das ICH als Möglichkeit zum tatsächlichen, praktischen Handeln in der realen Welt zu entdecken. Was kann ICH tun? Um meine eigene Lage zu verbessern, um meine Gemeinde zu stärken, um unser eigentlich sehr schönes Deutschland zu einem lebenswerteren Ort zu machen.

Denn DIE machen sowieso immer alles falsch...

 
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Kommentare
abghoul schrieb am 31.01.2012 um 21:21
Vielleicht wird das sogar mit viel Augenmerk und Mühe so beigebracht, damit es DENEN nicht an den Kragen geht.
Das hat dann halt hässliche Nebenwirkungen...
Nizzre Dra'Velven schrieb am 31.01.2012 um 21:28
Guter Punkt und ich stimme Ihnen absolut zu, dass unsere Politik und unser Sozialsystem viel dafür tun, Menschen genau in dieses Haltung von Passivität und selbstempfundener Hilflosigkeit zu bringen.

Genau deshalb habe ich diesen Artikel geschrieben. Denn es ist an UNS, selbst unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen.

Genau genommen ist das eine Position der Aufklärung und ich hätte, als ich darüber in der Schule in den 80ern mit Begeisterung gelesen habe, nie gedacht, dass wir kaum 30 Jahre später eine Zeit erleben, in der viele Menschen wieder in voraufklärerische Hilflosigkeit zurückfallen. Und das ohne echte Repression, allein durch die einlullende Macht des Nanny-Staates und der Nanny-Fürsorglichkeit im Sozialwesen.

Ich hoffe aber inständig, dass sich diese Phase durch Aufklärung und bürgerschaftliches Engagement auflösen lässt - ohne, dass es jemandem "an den Kragen" gehen muss.
abghoul schrieb am 31.01.2012 um 21:33
"Sapere Aude" kannst du aber noch soviel in die Strassen rufen, am Karneval antworten alle mit Helau, Alaaf oder Rumskedi!
Nizzre Dra'Velven schrieb am 31.01.2012 um 21:42
Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan Kants und habe mir den kathegorischen Imparativ zur Lebensmaxime gemacht - auch deshalb, weil ich der Meinung bin, wenn die Menschen darüber nachdenken würden, würden sie feststellen, dass dieser der kleinste gemeinsame Nenner der großen Weltreligionen sein könnte.

Aber letztlich resultiert meine Überzeugung aus meiner Herkunft als "Niederrheinerin". "Watt Du nich wills, dat einer tu, dat füg auch keen andern zu" - und "Hilf Dir selbs, dann hilft Dir Gott".

So bin ich aufgewachsen und so hab ich das gelernt. Und ich frage mich wirklich: Wo ist dieses simple "Volkswissen" hin?
abghoul schrieb am 31.01.2012 um 22:02
Zum einen hat es viele radikale Brüche mit dem "Volkswissen" gegeben.
Zum anderen ist diese Wissen schon immer auch zu Manipulations Zwecken missbraucht worden.
Der Begriff "Volkswissen" eignet sich vielleicht nicht so gut, beim Ursprung unserer Intution verweise ich auf jeden Fall auf die Spezies, aller Arten Rassen und Nationen.
Könnte vielleicht reichlich Belege zu nervös-reflektorischen Angelegenheiten, als Beweise sozusagen, vorlagen, aber das halte ich für überflüssig, die eigenen Körperfunktion können da schnell eines "Besseren" belehren.

"Der Mut selber zu denken" ist auch eine schwierige Angelenheit, und ganz bestimmt nicht auf ein Modell das für die Algemeinheit wirkt zu reduzieren.
Das ist eine sehr subjektive Veranstaltung, multiplex sozusagen, als ob bei jedem Wort völlig neue Regeln gelten, und vielleicht nur der Zusammenhang sie zusammenhält, das sie halt Worte sind.
Dem kategorischen Imperativ bin auch anhängend, und ich sehe das der unglaublich viel Spielraum hat obwohl der präzise definiert ist.
Nizzre Dra'Velven schrieb am 31.01.2012 um 22:17
Ich muss zugeben, dass ich den Begriff "Volkswissen" völlig unbedarft im Kontext von "Volkslied" und "Folklore" verwendet habe. Was sicherlich daran liegt, dass ich zwar am Niederrhein geboren bin, aber einer italienisch-deutsch-belgisch-ungarischen Familie entstamme. Entsprechend ist mir da jeder Bezug zur von Ihnen angedeuteten Drittreichideologie fremd.
Ich bitte Sie deshalb, meine unbedachte Wortwahl zu entschuldigen, die lediglich nach einem griffigen Wort für überbrachtes Trivialwissen suchte.

"Der Mut selber zu denken" hingegen ist etwas, das ich absolut offensiv verteidige. Und was ich mit großer Vehemenz von jedem in meiner Umgebung einfordere. Dabei geht es gar nicht darum, in komplexen, intellektuellen Maßstäben zu denken, sondern lediglich um Alltagsklugheit und Gassenwissen.

Ich habe in meinem Leben unglaublich viele sehr schlichte, ungebildete Menschen kennen gelernt, die genau dieses dazu nutzen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Und ich kenne genau so viele hochgebildete - mit Verlaub - Idioten.

Nur nebenbei - ich freue mich sehr, mit Ihnen hier zu diskutieren, weil es mir zusätzlich zu dem, was ich mir anfangs dachte, ganz wertvolle und anregende Gedanken vermittelt.

Die Sache ist doch die, jeder von uns Menschen, der schlichteste, aber auch der hochbegabteste, bewegt in der Welt nur so viel, wie er "heraus lässt". Und ich habe zur Zeit das Gefühl, dass viele extrem unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil es so viel leichter und bequemer ist.
ch.paffen schrieb am 31.01.2012 um 22:32
@ abghoult

Karneval ist nicht nur stumpf.
"Sapere Aude" nicht nur steil.

Spass haben muss nicht zwangsläufig doof, Wissen nicht zwangläufig schlau sein.

man muss auch jönne könne

Feine Restnach noch Christiane Paffen
abghoul schrieb am 31.01.2012 um 22:40
@Christiane
Nich böse sein aber ich wohne in der Innenstadt von "Rumskedi" City, das kann wahrlich *entkarnevalisierend* sein.
Als Botte hab ichs auch geliebt, dat geb ich zu.
Von daher, wenn auch unter wehleiden, wirds gegönnt.
hadie schrieb am 01.02.2012 um 10:44
Ach ja: gib dem Armen einen Fisch oder gib dem Armen eine Angel ...

Das Problem dabei ist, dass das Meer von Konzernen leergefischt wird und meine Angel nur die Stichlinge im örtlichen Tümpel fängt. Und der Angelschein kostet Unsummen. Da gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als sich bei der Sozialmafia hinten anzustellen und sich dann auch noch die ganzen Talkshow-Weisheiten anzuhören. Nur nachplappern sollte man sie nicht.
Nizzre Dra'Velven schrieb am 01.02.2012 um 11:00
Entschuldigung, aber das ist schlicht nicht richtig.
Statistisch gesehen arbeiten mehr als 65% aller abhängig Beschäftigten in kleinen und mittleren Unternehmen.
Nur rund 20% in den von Ihnen als übermächtig dargestellten Konzernen.

Und "leergefischt" wird nix, die meisten Arbeiten fallen jeden Tag aufs Neue an, in der Dienstleistung, im Handwerk, auch im produzierenden Gewerbe, denn es geht immer was kaputt und muss nachgekauft werden oder wir neues, besseres entwickelt.

Ähnlich ist es mit der Selbständigkeit. Man muss sich selbst Arbeit MACHEN. Indem man Nachfrage ermittelt und Lösungen anbietet.

Wer sich "bei der Sozialmafia hinten anstellt" vertrödelt Zeit, die er/sie besser nutzen könnte. Vom Ansehen von Talkshows ganz zu schweigen.
hadie schrieb am 01.02.2012 um 11:12
Geschenkt.
Nietzsche 2011 schrieb am 01.02.2012 um 12:15
Guter Artikel.

„Warum gehen so viele Menschen ihr Leben nicht mehr mit Mut und Offensive an? Ist „liegen bleiben und auf Hilfe warten“ vielleicht für viele der scheinbar einfachere Weg?“
In den ersten Jahren nach der Wende hielt ich diese Lethargie noch für ein Ost-Problem; waren wir doch darauf getrimmt, dass der Staat „alles „regelt“. Mittlerweile bin ich von dieser Position weg.
Nach meiner Überzeugung fehlt es vielen Menschen einfach am Willen bzw. an Willensstärke. Natürlich wird jeder behaupten, dass er über einen freien Willen verfüge. Behaupten ist auch nicht anstrengend. Aber in der Realität zeigt sich das Phänomen, dass dieser „freie“ Wille erst „angestoßen“ werden muss – sei es durch Weisung oder durch Beispielhandlungen von vertrauten Menschen. Beispiele: Verhalten in der Krise – kein Widerstand, dafür konsumieren; ökologischer Umbau ja, aber anfangen damit sollen die da oben bzw. die anderen.
Last not least – kämpfen (auch mit sich) ist anstrengend. Nicht jeder will sich heute noch anstrengen, zumal der Erfolg nicht garantiert wird.
hadie schrieb am 01.02.2012 um 12:44
Ein Großteil der Internettexte wird nicht von Usern, Bloggern oder Journalisten geschrieben, siehe:

www.literaturcafe.de/content-autor-rezension-fachaufsatz-gegendarstellung-ich-erfinde-alles/
Nizzre Dra'Velven schrieb am 01.02.2012 um 13:25
Entschuldigung? Was wollen Sie denn damit sagen? Bzw. an wen geht diese Unterstellung? An Nietzsche 2011? Oder möchten Sie andeuten/unterstellen, ich würde "bezahlt"?

Falls ja, verbitte ich mir das in aller Form. Ich bin freiberufliche Konzeptionerin und Texterin. Das steht auch in meinem Profil. Dieses Blog hier ist jedoch meine Privatangelegenheit und repräsentiert ausschließlich meine persönliche, absolut unkäufliche Meinung.
Nizzre Dra'Velven
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