Nora Ancheva

Blog von Nora Ancheva

05.05.2010 | 16:32

Vom Kopf ins Herz

 

Ich komme aus einem Europäischen Land und lebe in einem anderen. In manchen Phasen meines Lebens fühlte ich mich irgendwo zwischen den zwei Welten zerstreut und fand mich immer wieder, wenn ich mich zugehörig fühlte. Aber da ich weder dem einen noch dem anderen Land voll und ganz verbunden war, entstand ein diffuses Gefühl, Europäerin zu sein. Mir gefällt die bunte Mischung aus Traditionen, Lebensweisen und landtypischen Leckereien. Es ist schön ein Teil dieser Mischung zu sein. Und damit wir uns überall gut aufgehoben fühlen, gibt es eine Reihe von Regeln, die eingehalten werden müssen.

Sie kennen die zehn Gebote und vielleicht würden Sie mir zustimmen, es gebe gute Gründe für ihre Existenz. Genau so steht es mit den 54 Geboten, die für Europa gelten. Sie haben einen umständlichen Namen: Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Seit Lissabon sind sie sogar rechtsverbindlich. Sie sorgen dafür, dass wir unser Recht bekommen. Dass wir letztendlich im Recht sind, wenn wir Recht haben und uns überall zu Hause fühlen, auch wenn es anders aussieht und schmeckt. Und sie klingen trocken. Zu trocken, als dass sie die Seele berühren, sich ins Herz einschmeicheln. Hier zwei Beispiele aus der Charta der Grundrechte:

Rechte des Kindes

Kinder haben Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge, die für ihr Wohlergehen notwendig sind. Sie können ihre Meinung frei äußern. Ihre Meinung wird in den Angelegenheiten, die sie betreffen, in einer ihrem Alter und ihrem Reifegrad entsprechenden Weise berücksichtigt.

Petitionsrecht

Die Unionsbürgerinnen und Unionsbürger sowie jede natürliche oder juristische Person mit Wohnsitz oder satzungsmäßigem Sitz in einem Mitgliedstaat haben das Recht, eine Petition an das Europäische Parlament zu richten.

Lauter gute Sachen, nun, um sie sich zu eigen zu machen, bedürfen sie mehrfachen Lesen. Um die Essenz herauszuholen, startete die EU Agentur für Grundrechte einen poetischen Wettbewerb, die 54 Artikel zu reimen. Mir scheint die Idee gar nicht so sinnlos und verschwenderisch, wie sie zum Teil in den eigenen Reihen bewertet wurde. Die EU-Justizkommissarin betonte: „Die Sprache der Charta ist bereits klar und direkt“. Es sei ein Risiko um deren Würde. Ich würde sagen, die Juristin verteidigt die juristische Sprache. Die Idee ist aber die guten Zeilen vom Kopf ins Herz zu bringen.

Ich habe nichts gegen die Amtssprache, nun, Gedichte sind mir schon lieber. Alles was angenehm oder lustig kling. Mit passender Musik kann es zu einem Rap-Song werden. Oder zu einer Rhapsodie. Die Charta gibt genügend Stoff. Gleich kommen meine ersten Verse über ein oder zwei meiner Rechte. Und was ist mit Ihnen? 

Mich zu bewerben habe ich verpasst, die Frist war bis 19. März. Doch dichten kann ich immer.

 

über Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit

 

Auf der Strasse zu gehen

mit gemeinsamen Ideen,

sind wir ermächtigt,

auch wenn nicht allen Recht ist.

 

Jede Person hat das Recht, sich insbesondere im politischen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Bereich auf allen Ebenen frei und friedlich mit anderen zu versammeln und frei mit anderen zusammenzuschließen, was das Recht jeder Person umfasst, zum Schutz ihrer Interessen Gewerkschaften zu gründen und Gewerkschaften beizutreten.

 

oder  Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit

 

Meine Sache wie ich denke - nichts darf mich einschränken.

Im Lied besingen, im Bild ausmalen, aufschreiben was ich

über alles auf der Welt meine,

bin ich frei.

Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben.

 

 

 


 

 



 

 
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Kommentare
luggi schrieb am 05.05.2010 um 23:22
Grundrechte. Ich habe mal das Land durch Punkte ersetzt. Der Satz steht in einer Verfassung, also Verfassungsrecht.

Jeder Bürger der ... hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation. Er hat das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit. Mann und Frau, Erwachsene und Jugendliche haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.
Pferde schrieb am 06.05.2010 um 02:24
"Ich habe nichts gegen die Amtssprache, nun Gedichte sind mir schon lieber."
Bravo, schöne huanita! Esto es para ti:

Dass mir mein Pferd das liebste sei,
sagst du, oh Mensch, sei Sünde.
Das Pferd blieb mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.

Noch ein kleines chascarrillo:
"Ein Pferd, ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!", José Manuel Durão Barroso anlässlich dem von der EU Agentur für Grundrechte ausgerufenen poetischen Wettbewerbes letzten Freitag um halb acht nach veröffentlichung der ersten Vorschläge.
Joachim Petrick schrieb am 06.05.2010 um 02:56
"Ein Pferd, ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!",

war das nicht derWaliser Heinrich der IV auf dem englischen Königsthron, der ihm mangels Pferd zur rechten Zeit per Pedes abhanden kam?
Pferde schrieb am 06.05.2010 um 03:53
Nein, das war doch dert Präsident der Europäischen Kommission. Ehrlich. Neulich...
(Wikipedia: Am 16. September 2009 wurde er vom Europäischen Parlament für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren gewählt (Kommission Barroso II).)

Kommission Barroso II,
klingt wie "Die Tragödie von König Richard III".
Der hat es gesagt, der Richard.

Mein Vorschlag war übrigens: "Ein Klavier! Ein Klavier! Mutter, wir danken dir!"
Und darauf gab Barroso II die Sporen.
Nora Ancheva schrieb am 06.05.2010 um 16:58
"Dass mir mein Pferd das liebste sei" - Es ist sicherlich kein Zufall... "Der Glück der Erde liegt nämlich auf dem Rücken der Pferde."

Wie man das auch deuten wöchte, für mich ist es der Gegnsatz eines Vogelkäfigs. Auch wenn er wunderbar goldig sein sollte.

Auf die Pferde!
Joachim Petrick schrieb am 06.05.2010 um 02:52
Hallo Nora Ancheva,
ich begrüße Sie von Herzen als neues Mitglied in der Freitags- Community-.
Die Idee, rechtliche Begriffe in Gedichtform den Menschen nahe zu bringen, finde ich wunderbar zündend.
Hat doch unter anderen bereits Friedrich Schiller mit seiner Ballade die Bürgschaft aristokratisch verklausuliert wie mental aufgeladen, dem geneigten Leser/in das Sinnen und Trachten der geborgten Freiheit des Vertragsrechts durch Bürgen zu Gunsten Dritter in der bürgerlichen Gesellschaft nicht so unmittelbar geschäftsmäßig andienen wollen.

über Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Zu Lande, zu Wasser, in der Luft, im Dorf,
in der Stadt, Märkten, Rathäusern, Parlamenten,
Pfaden, Wegen, Strassen,
Autobahnen, Flugplätzen,
AKWs,
im Wald, auf den Wiesen, Feldern,
Seen, Flüssen, Meeren,
Bergen, Tälern, Höhen
ungestört frei, unangemeldet zu wandeln,
mich nach Belieben mit mir,
wer bin ich, wenn ja, wie viele,
mit anderen zu versammeln
mich mit mir und anderen in Angelegenheiten des Alltags,
der Kultur, des Berufs, der Bildung, Ausbildung,
des Studiums, des Alters, der Jugend,
des Sports, des Glaubens,
des politischen Engagements
zielstrebig wie ziellos zu vereinigen
Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit
Ich gebe mir nicht nur die Gedankenfreiheit hier
in aller unerhörten Stille
ich lasse meinen Gedanken in Wort, Ton und Bild als Meinung im freien Fluss wie Lauf Flügel wachsen
die Tiefen und Untiefen der Welt in mir,
außer mir zu ermessen
Unfehlbarkeitserklärungen als Fremdbestimmte wie Selbstbestimmte Meinungsfesselung erteile ich eine Abfuhr.
Die Freiheit des Andersdenkens mir gegenüber,
erkenne ich als meine Hüterin,
meine eigene Meinung, wie einen teuren Vogel hütend,
bei Gelegenheit neuer Erkenntnisse.
ohne mich in die Freiheit zu entlassen,
weil mir unversehens eine neue Meinung als Vogel,
den ich nunmehr, bis auf Weiteres,
wie meinen Augapfel hüte,
vertraut zugeflogen ist.

tschüss
JP
Nora Ancheva schrieb am 06.05.2010 um 16:45
Hallo Joachim Petrick,
danke für die herzliche Begrüßung! Ich bin erst seit gestern in der Comunity und fühle mich schon ganz wohl hier.

In unserem internen Dichtungspiel gewinnen Sie auf jeden Fall Vorsprung. Mein lieblings Teil Ihrer Wortkunst ist:

"Die Freiheit des Andersdenkens mir gegenüber,
erkenne ich als meine Hüterin"

Und von Schillers Balade "Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn"

MfG
Nora
Columbus schrieb am 06.05.2010 um 20:53
Moderne Vogelfreiheit

Einst waren Gedanken das einzig Freie,
denn niemand konnt´ sie erraten.
Doch, was nützte der freie Gedanke,
er verhalf nicht zu gemeinsamen Taten.

Jetzt ist die die Meinung vogelfrei,
in Gassen und auf Plätzen.
So sind es glücklich mehr als zwei,
die auf die Freiheit setzen.

Europa, hör´ ich, heißt die freie Charta,
jedoch, geht’s mehr um Geld und Reisen,
die Frachten fahr´n zu billigem Charter. -
Fehlt nicht das Schmieden heißer Eisen?

Machen Sie nur so weiter, liebe Frau Ancheva.

Liebe Grüße und
gutes Gelingen hier im Forum

Christoph Leusch
Nora Ancheva schrieb am 07.05.2010 um 13:42
"Einst waren Gedanken das einzig Freie,
denn niemand konnt´ sie erraten."

Wunderschön beschrieben, lieber Herr Leusch!

Liebe Grüsse zurück und danke für die schöne Begrüssung

Nora Ancheva
Georgius schrieb am 07.05.2010 um 11:48
Um von der Dichterei mal wieder auf den realen Boden zu kommen, finde ich, dass die EU (lower class politicians) den Buerger mit zuviel an "Recht" belaestigt / bevormundet.
Eigentlich klappte das bisher ja recht gut mit:

"Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt."

Hierbei kann Freiheit durchaus hilfsweise mal durch "Recht" ersetzt werden.
Die extreme Ueberbewertung des Rechts des Einzelnen fuehrt zwangslaeufig zur Zerstoerung der nationalen Gemeinschaften.
Auf nationaler Ebene wurden die traditionellen Familienstrukturen ja bereits im Neocon-Konsum-Sinne erfolgreich zerstoert.
Jetzt ist also die Zerstoerung der Gemeinschaft dran.
Mal sehen, wo diese Hirnrissigkeit endet.
Wahrscheinlich endet es im Zerfall des Misthaufens EU.
Danach faellt dann jeder ueber jeden her.
Warum faellt mir dazu nur der 30jaehrige Krieg ein...
naja eine Vision halt, nicht mehr und nicht weniger.

Mein Fazit: Die EU als schlechtes und teueres Sandkastenspiel hat im Herzen nichts zu suchen und sollte viel mehr vom Kopf her ueberwacht sein.

Zur Dichterei ein nicht so positiver Beitrag:

"Wenn die EU kraeht auf dem Mist...
aendert sich nichts ... Mist bleibt eben Mist !! "

Sorry for interruption, nun dichtet man schoen weiter...
Columbus schrieb am 07.05.2010 um 12:24
Sehr geehrter Herr Georgius,

Ich finde, Sie machen es sich ein wenig zu einfach.

Drei kurze Hinweise dazu:

1. Der EU werden Gesetze und Verordnungen angelastet, die nachweislich auf Bundes- oder Landesebene entstanden sind. Z.B. die immer noch erhaltene Niedrigerbesteuerung von Flugbenzin, das völlig überregulierte Bau- und Bauordnungsrecht, welches trotzdem weder die größten Sünden, noch die schlimmsten Planungsschäden verhindert. Das ganze Baurecht ist kommunal. Die Bürger wissen es nur nicht und wollen es auch nicht wissen.

2. Ganz ehrlich, gäbe es keinen subventionierten EU-Agrarmarkt, die Landwirtschaft in Deutschland wäre, bis auf den kleinen Anteil Öko- und Direktvermarktungslandbau, platt. Es wüchse wieder überall artenarmer Wald, wie einst zur Zeit der Cherusker.

3. Regelmäßig sind die EU-Richtlinien zu Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz für den Konsumenten- und die Bürger freundlicher und schützender, als die ursprünglichen Pläne, z.B. der deutschen Regierungen.

Die sitzen nämlich, genau für die mächtigen Lobbys im Bremserhäuschen, ob es um Cheflobbyisten, die "Autokanzler" Schröder und Merkel, oder ob es um den Schutz der deutschen Chemieindustrie geht, ob es die weitere Intransparenz an den Finanzmärkten, um Kreditverträge, Darlehen, Geschäftsgründungnen geht, immer sind es "nationale" Interessen, aber eigentlich die von Lobbyisten, die kräfitg gegen Vereinfachung und Durchblick Politik machen.

Allerdings steht ja in jeder zweiten Qualitätszeitung, Lobbyismus sei gar nicht schlecht, so lange nur das Namensschild lesbar ist. - Bisher hat keiner an diese Praxis ernsthaft Anstoß genommen. Im Gegenteil, alternative Politiker und Journalisten wünschen sich NGO-Lobbyisten!

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Nora Ancheva schrieb am 07.05.2010 um 13:32
Lieber Georgius,

ich finde, Dichten hat nichts mit Realitätsverluste zu tun und die Realität, die eigentlich sehr persönlich empfunden wird, darf uns nicht hindern Idealen zu haben.
Sie haben völlig Recht, dass die Freiheit der Einen dort enden sollte, wo die Freiheit des Anderen anfängt. Aber genau deswegen gibt es Gesetzte über die Rechte, um den richtigen Mass zu halten. Dehnbarkeit ist kein fremdes Wort, wenn es um Rechte und Interessen geht, und Selbstregulation ist zwar etwas Wichtiges, funktioniert aber nicht immer über friedlichen Wege.

Ob die EU etwas im Herzen zu suchen hat oder vom Kopf überwacht werden sollte, hängt natürlich von der Einstellung. Wenn man befürchtet, sie sei eher eine Gefahr, als eine Bereicherung, würde man Ihren Rat folgen. Ich habe jedoch gewählt sie als Bereicherung und Ausdehnung meine Freiheit zu sehen und da ich mich als ein Teil gesamtes Europa sehe und mich nicht auf meine Nationalität begrenze, kann ich sie nicht aus dem Herzen verbannen. Es würde bedeuten, mich selbst zu verleugnen und das mache ich nicht.

Meine idealistischen Züge würden es begrüssen, wenn es irgendwann soweit kommt, uns nicht mehr als Teile bestimmten Gemeinschaften zu sehen, sondern als Menschen. Dann bräuchten wir die gesetzliche Regeln nicht mehr, wenn die gegenseitige Achtung bestimmend für unser Handeln wäre. Ich denke, es wird noch ein bisschen dauern, bis wir soweit sind.

Ohne die Achtung von Ihrer Lebenserfahrung zu verlieren, erlauben Sie mir an einer anderen Welt zu glauben. Ich weiß, welch schönes Gefühl ist zu denken, man habe die Wahrheit erkannt. Habe ich öfters gehabt, bis mir etwas anderes auf dem Kopf stieß und mir zeigte, es war doch nicht alles. Vielleicht ein Teil davon, wie meine eigene Wahrheit. Aber außer mir sind noch einige Menschen auf der Welt. Ich glaube, wenn man sich an etwas festbeißt, man hört auf zu beobachten und zu hinterfragen, und dass führt zum Erstarren. Und nicht selten zum Zynismus. Damit kann ich ehrlich gesagt, nicht gut leben. Deswegen fühle ich erst, ob sich etwas richtig anfühlt, als nur mit dem Kopf zu überwachen. Den Kopf, sollten Sie wissen, benutze ich um die Situationen zu analysieren und da ist er mir recht hilfreich. Aber entscheiden tue ich mit dem Herz, denn es ist schlauer als dem Kopf.

LG

Nora
Nora Ancheva schrieb am 07.05.2010 um 13:54
P.S. @Georgius Ich würde mich freuen, wenn sie sich weiter an Diskussionen beteiligen. Ein anderer Blick kann sehr nützlich sein, um den eigenen Standpunkt immer wieder zu überprüfen.

Mit freundlichen Grüssen

Nora
Georgius schrieb am 07.05.2010 um 16:12
Moin Christoph,
tja, so hat jeder seine Sichtweise und meine als “einfach” zu bezeichnen, ich weiss nicht... ich wuerde eher dazu neigen, dass meine Sichtweise “anders” ...
und nicht schoen geredet ist.
Das "anders“ bedarf natuerlich einer Erklaerung.
Ich schaue der europaeischen Entwicklung seit ueber 20 Jahren von Aussen zu.
Und das eben unbeleckt von Einheitspresse und Blockparteien.
Natuerlich war auch ich zu Beginn recht begeistert von der Idee der Europaeischen Union und hatte mich sogar schon darauf eingestellt.
Nuuuuur dann kam ich auf verschiedenen Ebenen ueberwiegend ausserhalb Europas in Kontakt mit der EU und das wars dann...

Zu 1. Die Gesetze und Verordnungen sind ueberwiegend von denen der EU-Kernlaender kopiert und vielfach verschlimmbessert worden.
Zu 2. Die Fehler der Zentralisierung und das finanzielle Fass ohne Boden der Subventionspolitik haben sich Landwirtschaft und Politik gleichermassen zuzuschreiben. Und was mich immer schon gewundert hat, dass Milch und deren Produkte von Bayern nach Norddeutschland zum Verkauf gekarrt weden und umgekehrt diese Produkte, in Norddeutschland erzeugt, zum Verkauf nach Bayern gekarrt werden muessen. (self-sustaining??)
Ich kann mich nicht erinnern, dass wir oder die Cherusker Einfluss auf die Artenarmut bzw. den Artenreichtum der Waelder haben / hatten, denn das bestimmt immer noch die Bodenqualitaet. Heute werden die Waelder Europas u.a. durch den von der EU finanzierten Strassenbau „platt“ gemacht.
Zu 3. Fuer den Umweltbereich gilt explizit das, was unter Zu 1. genannt ist.
Auf diesem Gebiet gibt es ausserhalb Europas im Hilfs- bzw. Entwicklungsbereich kein EU-finanziertes Project, was erfolgreich abgeschlossen wurde.
Die so versenkten Mrd. werden natuerlich in Europa nicht bekannt. !!
Hier bin ich offen und fair:
Dort, wo die EU bei Projecten mitbietet und ich eingebunden bin, ist meine Empfehlung:
- wenn es weniger ums Project, als mehr ums Geld abgreifen geht, ist „EU recommended“
- wenn es ums Project und um den Projecterfolg geht ist „EU not recommended“.

Von Lobbyismus & Korruption habe ich mich immer erfolgreich fernhalten koennen. Einmal war ich recht nahe dran, habe aber klar gesagt, wie ich dazu stehe und das wars dann.

Die NGOs stehen im gleichen schlechten Licht. Es gibt ein paar Ausnahmen aber ueberwiegend ist auf den Gebieten, in denen die NGOs taetig sind, die Welt-Situation nicht besser geworden sondern vielfach, auch durch Missmanagement, sogar noch schlechter.
Die verprassen Mrd. an Subventions- und Spendengelder nach dem Motto:
Brot fuer die Welt aber bitte sehr Butter und Schinken selbstverstaendlich nur fuer uns.

Es gibt ja u.U. ein paar Leute, die diese, meine etwas andere Sicht von Aussen durchaus nachvollziehen koennen. Nur wer sich staendig in diesem EU-Misthaufen aufhaelt, da bleibt mit der Zeit ein sich entwickelndes „Geschmaeckle“ nicht aus. Ich bin in der Landwirtschaft aufgewachsen und weiss, dass Stall- und Mistgeruch sehr, sehr anhaenglich sein koennen. Die Leute tun mir dann einfach nur leid.
Liebe Gruesse aus Saigon
George
Georgius schrieb am 07.05.2010 um 16:20
Moin Nora,
wie oben bereits dargelegt, geht es mir nicht um Wahrheit, sondern nur um die Sichtweise von Aussen. Dass das etwas befremdlich sein kann, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Interessant fuer mich, wiederum von Aussen betrachtet, ist der Gebrauch des Wortes "Bereicherung“ bzw. das Verb "bereichern“.
Einfach faszinierend.
Vor 20 und mehr Jahren war die Bedeutung des Wortes Bereicherung noch recht bis sehr negativ behaftet. Es wurde benutzt weniger im legalen Rahmen als am Rande dessen und vor allem im illegalen Bereich als Synonym fuer Aneignung, Diebstahl und Schlimmerem.
Heute 20 und mehr Jahre spaeter muss ich feststellen, dass Deutschland, eines der reichsten Laender Welt, nach Bereicherung "lechzt“.
Wie muss ich denn das jetzt bitte schoen verstehen. ??
Bereicherung auf wessen Kosten ??
Wo sind die Kraefte, die das Land zu diesem Reichtum gebracht haben. ??
Alles zerschlagen, zerstoert und aus- / abgebrannt ??
Warum glaubt man sich trotz Reichtum noch weiter bereichern zu muessen ??
Den Hals nicht voll genug bekommen ??
Wie die "Finanz-Elite" ??
Faerbt das bereits ab ??

Keine Familiestrukturen mehr, keine Gemeinschaftsstrukturen mehr, nur noch das Individuum, das ist sozialer Kommunismus und Kommunismus ist ja in der Theorie nicht das Schlechteste nur der Faktor Mensch laeuft dem zuwider und daran scheiterte die Theorie Kommunismus bereits.
Das soll jetzt wiederholt werden, das Scheitern ??
Mal ehrlich. !!
Naja, vielleicht liessen sich die Individuen dann wieder zur Konsum-Herde zusammenfuehren. Wenn dieses System dann gemaess BWL-Manual der Neocons gegen die Wand gefahren wird, was passiert dann ??
Wie ich weiter oben schon andeutete - jeder gegen jeden...

Herz und Politik schliessen sich, meiner Meinung nach, einander aus, passen nicht zusammen unter einen Hut.... der Kopf passt dann schon besser. !!
Soweit meine Sicht von Aussen
Lieben Gruss aus Saigon
George
Georgius schrieb am 07.05.2010 um 18:59
Moin Nora,
danke fuer die Einladung, die ich gern annehme soweit die Zeit reicht aber auf das foermliche "Sie“ sollten wir verzichten – mein Vorschlag.
Ich kenne das weder aus dem Plattdeutschen, mit dem ich aufgewachsen bin, noch im Englischen, das ich 2/3 meines Lebens als Arbeitssprache hatte.

"um den eigenen Standpunkt immer wieder zu überprüfen.“

Ja, dieser Nebensatz ist eigentlich der Hauptsatz.
Dieses permanente Ueberpruefen hat sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Berufsleben gezogen. In meinen Projecten habe ich Standardvorgaben gemacht, in deren Rahmen sich die Projecte bewegen konnten. Einige meiner Projectentscheidungen loesten beim Counterpart teils vehemente Diskussionen aus. Das wurde jeweils geklaert aber hinten herum wollte man immer noch wissen, „was hat Dich, George, zu der Entscheidung gefuehrt, was ist Dein Standpunkt dazu“. Ich habe dann jeweils den „Analysengang“ offen gelegt und dann war gut. Beim naechsten Mal aber wieder dasselbe. Das ging dann soweit, dass wenn Projectfehler vertuscht werden sollten und ich trotzdem drauf kam, dann nicht der Fehler wichtig war sondern „wie hat der George das herausgefunden“.
Naja da habe ich die dann auch manchmal unwissend gelassen.
Meine Project-Entscheidungen musste ich in eigener Verantwortung faellen, sie waren alle richtig, denn nur eine falsche und alle waeren ueber mich hergefallen. Das Fachgebiet war fuer alle, die Nationalen und Internationalen, neu und keiner von denen hatte auch nur einen blassen Schimmer, wie implementieren.
So viel zum Standpunkt ueberpruefen.
Und hier noch eine kleine Episode, die die „Sicht von Aussen“ vielleicht ein bischen transparenter macht.
Im Vorfeld zu Olympia in China instigierten die Amis „Unruhen“ in Tibet.
Ich geriet in Deutschland in eine Diskussionsrunde ueber diese Vorfaelle. Die Diskussion schaukelte sich hoch an zusammengefasst „die armen, armen Tibeter und die boesen, boesen Chinesen“. Irgendwann wurde ich dann auch mal gefragt, was ich denn als „Auslaender“ dazu zu sagen haette. Ich habe dann trocken geantwortet: „Wisst Ihr, der groesste Teil der Bevoelkerung in Tibet lebt gluecklich und zufrieden, sie kennen es nicht anders. Die Tibeter, die es anders kennen, die leben nicht mehr in Tibet.“ Na, da war aber was los, als haette ich Traeume beschaedigt, man fiel ueber mich her mit Gedoens und Getoese. Es war alles dabei Beschimpfungen, Beleidigungen, etc.
Aber als Wikinger-Nachkomme bin ich stur und geduldig, das schliesst sich nicht aus, solange kein Messer aufblitzt.
Nach einer gefuehlten Stunde, es waren aber wohl nur ca. 30 Minuten, beruhigte sich die Lage und ein Teilnehmer stand auf und sagte:

„Weisst Du George, ich versuche Deinen Standpunkt nachzuvollziehen. Es gelingt mir aber nicht ganz und ich glaube der Grund liegt darin, dass Du anders filterst als wir.!!“

Danach war Totenstille und die Runde schien sich langsam bewusst zu werden, was ich gesagt hatte. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich selber war derart von perplex, selten in meinem Leben aber es kommt vor, dass ich selber diese Moeglichkeit noch nicht in Betracht gezogen hatte. Diesen Satz und sein Klang im Ohr werde ich in meinem Leben nicht vergessen.
Ueber das FILTERN kann jetzt natuerlich eine separate Analyse beginnen.

Lieben Gruss aus Saigon
George
Nora Ancheva schrieb am 07.05.2010 um 23:59
Lieber Georgius,
ich nehme das Angebot zum Du-Sagen an, und muss mich erst mal einstimmen, denn für mich ist das Sie keine Formalität, sondern viel mehr Ausdrück meiner Respekt zu einem unbekannten Menschen. Das habe ich verinnerlicht, als ich vor neun Jahren anfing Deutsch zu lernen, und halte mich immer noch daran. Aber da wir Gedanken ausgetauscht haben, sind wir nicht mehr so fremd.

Als erstes möchte ich mich für deine Antwort bedanken und dafür, dass du dir Zeit genommen hast von deinen Erlebnissen zu erzählen. Ich weiß nicht, wie es vor zwanzig Jahren war, das Wort Bereicherung hat für mich ideellen Sinn. In dem Fall, das sich zugehörig fühlen auszudehnen. Ich hatte die überwiegende Zeit in Deutschland Probleme mich einzuordnen, meinen Platz zu finden, denn meiner Heimat hatte ich nicht nur physisch verlassen und hier fühlte ich mich unverstanden. Bis den Herbst letztes Jahres, als ich aufhörte mich fremd zu fühlen, in meiner Heimat und in Deutschland. Das hängt damit zusammen, dass ich nicht weiter auf das fokussiert habe, was ich nicht bin.

Als ich den Text für den Freitag schrieb, ist mir noch mal klar geworden, dass es in mir keine klare Grenze mehr gibt zwischen nah und fremd. Ein schönes Gefühl war das. Ich bin zuhause in den beiden Ländern und doch dehnt sich das Empfinden etwas aus. Die EU ist aus wirtschaftlichen und politischen Interessen entstanden und sie bleiben weiter bestehen, das ist klar. Ich sehe sie trotzdem wie ein Kind, das obwohl nicht aus Liebe entstanden ist, trotzdem seine Berechtigung zu gedeihen hat. Und in welche Richtung es sich entwickelt, werden die Bürger aller EU-Länder durch ihre eigene Einstellung Einfluss haben. Dass viele Entscheidungen nur mit dem Kopf und nicht auch mit dem Herzen gefällt werden, verursacht der Unheil, der angerichtet wird. Wenn es wirklich eine Gemeinschaft wird, würde niemand in dem eigenen Fleisch schneiden, auch wenn es sich um Afrika, Lateinamerika oder Asien handelt. Und obwohl wir kein direkten Einfluss haben, erst muss sich das Denken ändern, bevor es wirklich gerecht in der Welt zugeht. Ich möchte aber nicht weiter philosophieren, ich fühle mich nicht gewachsen die ganze Welt zu verändern. Ich möchte auch nicht gegen etwas sein, denn für mich bedeutet das Verneinen nicht, dass ich mich für etwas anderes und besseres entschieden habe.

Es stimmt, die Familienstrukturen und die Gemeinschaft leiden sehr unter das Überheben des Individualismus. Auch mir fehlt die Selbstverständlichkeit auf einander zu achten. Und ich sehe wieder die Lösung in dem richtigen Maß, denn weder purer Individualismus noch völliges Verschmelzen in einer Masse führen zum Glück. Dahinter rennen viele Menschen und nehmen des Öfteren die falschen Wege, die nur zeitweilig die Bedürfnisse befriedigen. Ob es in Konsumieren, Arbeitsrausch, Besitz oder Süchte überschlägt, durch das Übertreiben wird etwas kompensiert, was ursprünglich fehlt. Es hilft nicht, zu schimpfen und uns darüber zu ärgern. Solange ich gegen etwas gekämpft habe, wurde es nicht besser, sondern verstärkte es sich. Deswegen versuche ich, ohne die Augen für die Unstimmigkeiten zuzumachen, an die Sachen zu denken, die mir wichtig sind. Und da was zu machen. Zurzeit möchte ich schreiben, weil ich auf diesen Weg zu anderen Menschen finde und das bereichert mich. Ich mag das Wort, bis jetzt habe ich kein passenderes gefunden.

Ich würde all zu gern die Welt wie mit einem Zauberstab gerechter machen, aber ich kann es nicht. Diese Sturheit und Geduld über die du schreibst, sind auf jeden Fall die passenden Werkzeuge. Es dauert halt. Und geduldig und etwas stur bin ich auch, auf meine Weise.

Liebe Grüße aus Berlin
Nora
Nora Ancheva
Der Mensch und die Welt
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Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

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