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Blog von nosferatu

06.04.2011 | 10:17

Die arabischen Revolutionen - wo sind die Streiks?

Seit Wochen sind die Aufstände und Revolutionen im arabischen Raum in dem Medien präsent. Galten die islamisch geprägten Länder bisher als schwer bis gar nicht demokratisierbar - vorsichtig ausgedrückt - so ändert sich dies. Für die westlichen Länder, hier insbesonder Europa, wurden die repressiven Dikataturen instrumentalisiert, um Flüchtlinge aufzuhalten und den Zugang zu Rohstoffen wie Öl zu sichern. Dies wurde in den verschiedenen Medien durchaus thematisiert, aber wer erinnert sich z.B. noch an die Pläne europäische Auffanglager (was für ein sprechender Begriff!) in Nordafrika und dem Nahen Osten einzurichten?

In den großen Tageszeitungen und den Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen erfährt man, dass die Revolutionäre Demokratie und Freiheit, mithin also ein liberale, marktwirtschaftlich organisierte bürgerliche Gesellschaft anstreben. Möglicherweise liegt darin ein Grund für die überaus positive Rezeption der Aufstände und Revolutionen. Aber zurück bleibt eine seltsame Leerstelle: nach Jahren der Repression, Folter und Unterdrückung scheinen die Revolutionen aus dem Nichts ausgebrochen zu sein. Und wie entstand der gesellschaftliche und politische Druck, dem sich die Machthaber schließlich beugen mussten. Schließlich handelt es sich doch nicht um den ersten Aufstandsversuch und bisher haben es die Diktatoren immer noch verstanden, sich an der Macht zu halten. Woher kommt also der Druck? In der Zeitung 'Direkte Aktion' steht, dass ein wesentliches Moment der Aufstände Streiks darstellen [link]. Warum hört und liest man in den Mainstreammedien kaum bis gar nichts davon?

Über die Gründe kann an dieser Stelle nur gemutmaßt werden, eine Antwort hat der Autor dieser Zeilen nicht parat. Möglich wäre, dass es mit der Interessenlage der großen Zeitungs- und Medienverlage zu tun haben, die nahezu eine Monopolstellung bei der veröffentlichten Meinung einnehmen. Diese Verlage sind selber privatwirtschaftlich organisierte Organisationen mit Verbindungen in andere Bereiche der Wirtschaft. Die Tatsache, dass Streiks und sog. Brotrevolten eine derartige gesellschaftliche Dynamik entfachen können, dass darüber ganze Regierungen und politische Systeme stürzen, wird dort eher Unsicherheit auslösen. Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wirtschaftsstandorts hängt unter anderem an den gesunkenen Stückkosten in der Produktion und eben der im internationalen Vergleich niedriegen Streikrate ab. Gesellschaftliche Unruhe würde die deutsche Friedhofsstille durchbrechen und Fragen an die Oberfläche spülen, die zu stellen, bisher ein 'no go' war.

Bisher galt als gesichert, dass es in Deutschland dank des sozial abgefederten Kapitalismus (Soziale Marktwirtschaft) keine Klassen mehr gäbe und letztlich alle am steigenden Wohlstand partizipierten. Politisch war entweder die SPD oder die CDU an der Macht, entweder mit der FDP oder mit den Grünen. Die real-existierenden Gewerkschaften haben zusammen mit den Arbeitgeberverbänden jährlich ritualisierte Tarifauseinandersetzungen geführt, an deren Ende stets ein kleines Entgeltplus stand. Dieser gesellschaftliche Kompromiss erodierte mit der Zeit und bisher überwunden geglaubte gesellschaftliche Spaltungen brechen wieder auf, allerdings in erneuerter Form. Auf einmal gibt es wieder Klassen, neu hinzugekommen ist die Klasse der Prekarisierten. Es erscheint möglich, dass diese innenpolitische Interessenlage, fernab von verschwörungstheoretischem Unsinn, mit dazu führt, dass die Rolle, die die organisierte Macht der abhängig Beschäftigten und Prekarisierten in den Aufständen spielen in den hiesigen Medien unterbelichtet bleibt.

Um dies zu ändern, ist es notwendig, den Mediensektor zu demokratisieren, die lokalen Monopole aufzubrechen und eine plurale Meinungsvielfalt herzustellen. Freie und unabhängige Medien sind für eine lebendige Demokratie unerlässlich. Ein erster Schritt in diese Richtung könnten die Diskussionen auf dem Medienkongress der taz und des freitag in Berlin [link] darstellen.

weiterführende Informationen auf labournet.

 

 
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Kommentare
Richard der Hayek schrieb am 06.04.2011 um 11:54
Danke für diese Information, sehr interessant.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.04.2011 um 14:59
@Nosferatu,

Ihr Hinweis auf eine Demokratisierung des Mediensektors hat ein Problem: So wie die Ägypter vor 3000 Jahren wohl glaubten das sie an einer grossen Sache beteiligt sind, als sie sich als Sklaven beim Pyramiden bauen verheizen liessen, scheinen heutz Blogger ähnlich gelagert zu sein. Wenn überhaupt bietet der Blogbetreiber Cents als Vergütung für den Zeitaufwand.

Ich bin ein grosser Fan von "open source" und stelle hier sporadisch auch frei ein. Arbeiten, die aber im Zusammenhang mit einem Auftrag entstehen können gar nicht frei verfügbar gemacht werden, weil schon jemand dafür bezahlt hat! Es wäre ungerecht die einen zahlen zu lassen während die andern umsonst saugen.

Nachrichten, Informationen, professionelle Recherche und journalistische Arbeit kostet viel. Beispiel: Du fährst nach Nord-Afrika um von dort aus zu berichten. Hotel, Flug, Übersetzer, Fahrzeug vor Ort kosten pro Tag 300 bis 500 Euro. Pro Tag! Da deckt ein Honorar von der TAZ (vom Freitag gar nicht erst zu sprechen) nicht einmal die Hotelrechnung. "Spiegel" ist so ziemlich die einzige Publikation die überhaupt noch vernüftig zahlt.

Die Konsequenz: Die "Demokratisierung" und "freie" Inhalte werden von denen eingestellt, die ihre Einnahmen aus anderen Quellen bestreiten. Deren Lebensunterhalt wird oft auch durch andere bezahlt. Irgendjemand zahlt immer für etwas das "frei" ist. Zumindest ist das also dann keine Demokratisierung, eher das Gegenteil wenn ich nur noch die Informationen erhalte, die von denen eingestellt / veröffentlicht werden die es sich leisten können.

Die Realität: eine Organisation, TV, Zeitung, ThinkTank, UN-Organisation, was auch immer, zahlt diese 500 Euro pro Tag um aus Nord-Afrika zu berichten zu können. Und dann zahlt diese Organisation etwa das gleiche noch einmal nur an Versicherung wegen dem Risiko. Das macht 1000 Euro pro Tag.

Die Folge: Viel Schrott-Informationen werden darum von Wiki u.a. Web-Seiten gesogen, aus dem Zusammenhang gerissen, und liefern kein wirkliches Bild einer Situation.

Ah ja: "Auffanglager" heissen "Transit-Processing-Center". Und das mit den Streiks, - wird in Deutschland nicht geschehen.
nosferatu schrieb am 06.04.2011 um 15:35
Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor: mit freien Medien sind hier keineswegs 'kostenlose' Angebote wie sie z.B. von Wikipedia auf der Grundlage unentgeltlicher Arbeit angeboten werden, also eben nicht 'open source'. Mit freien und demokratischen Medien ist vielmehr gemeint, dass diese ungehindert, nach journalistischen Qualitätsstandars arbeiten können. Dabei sollte der einzelne Reporter frei von Einflussnahme sowohl aufgrund finanzieller Interessen der Eigner des Medienkonzerns, als auch von repressiven Einschränkungen staatlicherseits arbeiten können. Demokratisch heißt in diesem Zusammenhang, dass z.B. der/ die jeweilige Reporter/in an der Gestaltung der Medieninhalte und an den Entscheidungen, die innerhalb des Betriebs gefällt werden, beteiligt wird. Des weiteren, dass die Medienmacher_innen sich als Teil einer freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft begreifen.
Konsequent weitergedacht, stößt man irgendwann auch die Eigentumsfrage, d.h. wer hat Eigentum bzw. Verfügungsgewalt über welche Strukturen und Ressourcen und kann dadurch die Inhalte maßgeblich beeinflussen.
Ich stimme Ihnen zu, dass die gesellschaftliche Ordnung durch Streiks gefährdet wird, eher gering einzschätzen ist. Letztlich ist hier aber auch zu fragen, inwieweit eine Destabilisierung durch umfassende Streiks wünschenswert ist in einer Gesellschaft, in der ein demokratisches Bewusstsein und ein demokratischer Umgang tief verankert sind. Deutlich sollte einem aber schon sein, dass gesellschaftliche Unruhe auch durch Streiks entstehen und diese dadurch - Beispiel Initiative zur Einschränkung der Tarifautonomie durch BdA und DGB - politisch eingehegt werden sollen.
nosferatu schrieb am 06.04.2011 um 15:37
(sorry für die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler - wann kommt endlich die Korrekturfunktion?)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.04.2011 um 18:49
@ nosferatu,
sorry me, da hab ich auch etwas auf der Leitung gestanden. Kommt wohl daher das ich an diesem Punkt immer Rot seh...

"Demokratisch heißt in diesem Zusammenhang, dass z.B. der/ die jeweilige Reporter/in an der Gestaltung der Medieninhalte und an den Entscheidungen, die innerhalb des Betriebs gefällt werden, beteiligt wird." Das ist die ideale Voraussetzung, auch weil so die effektivste Selbstkontrolle gewährleitet ist. Bei der FAZ ist es doch gerade ein Vorteil WEIL ich weiss wie ich WAS WIE presentiert bekomme. Ich kann doch nicht jede Nachricht auf ihre politische Korrektheit abklopfen. Der Jakob äugt hier ja noch, aber ermacht es ganz gut, aber darum auch das Foto von den chinesischen Kormoranen oben, welche die chinesischen Fischer zum fischen benutzen ;-).

Zu dem Niedergang der Streikkultur möchte ich daran erinnern das sich damals durch den Irak-Krieg und manch merkwürdige Entscheidungen von Rot-Grün eine grosse Unsicherheit bei Firmeninhabern und Unternehmen eingestellt hatten. Die selbstherrliche Arroganz der USA hatte sich wie Mehltau über alle möglichen geschäftlichen Aktivitäten gelegt. Viele Firmen waren bankrott gegangen, andere hatten kein Lust mehr unter den herrschenden Bedingungen in Deutschland überhaupt noch Leute einzustellen. Dann gewann die Merkel, wie geplant (welch Fehleinschätzung der deutschen Medien damals, wo hier in Frankreich Merkel Sieg schon fast gefeiert wurde bevor sie gewonnen hatte. Ja, dann kam Mercedes, verkündete das es mit der 36 Stundenwoche ein Ende hat. Ohne Lohnausgleich! Das reichte zum Kahlschlag bis dann 2008 alles in den Trümmern der Casino-Banker in Vergessenheit geriet. Auf diesen Trümmern lässt sich keine wirkliche Streikkultur erneuern. Jetzt noch nicht. Wenn wie erst einmal 20% Jugendarbeitslosikeit, wie sie in den USA jetzt Realität ist, haben, dann lass uns nur hoffen das es nicht schon zu spät ist.

Denn nun kommen wir wieder zurück zur kontemporären Entwicklung: erst wird FRONTEX jetzt mit Geld überschüttet, dann kommt es zu "Sauerlandfatamorgans" und die ENISA gerät in Schwung, d.h. Sicherheit im Inneren. Die Pläne liegen nicht mehr auf dem Tisch, die Vorbereitungen beendet, es fehlt nur noch die "günstige" Gelegenheit. Wer mal in die Fahrzeuge mit den verhängten Scheiben im Park vor dem Bahnhof in Stuttgart gesehen hat braucht sich über nichts mehr wundern. Da wurde in Echtzeit das Twittern verfolgt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.04.2011 um 18:54
hihi, - Korrekturfunktion ist aber wichtig: Wenn WIR erst einmal 20% Jugendarbeitslosikeit, wie sie in den USA jetzt schon Realität ist, haben, dann lass uns nur hoffen das es nicht schon zu spät ist.
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