Nous Poetikos

Die Welt ist tausend Wunder voll

21.12.2009 | 01:49

Die Gewinner und Verlierer der Krise

Dieser Blog ist eine Antwort auf den Blog "Wanted! Die Gewinner" von guggau.

Den Blog von guggau finden Sie hier:

www.freitag.de/community/blogs/guggau/wanted-die-gewinner#formplaceholder_0

Lieber guggau,

Bei den "vernichteten" Geldwerten handelt es sich allein um Buchwerte, dass bedeutet, den "Werten" hat oft kein reeller Gegenwert gegenüber gestanden.

Ein einfaches Beispiel: Kaufe ich Land für 1000 € und das Interesse von Käufern an anderen Immobilien in der Lage steigt, so klettert der Wert meines Grundstücks vielleicht auf 1500 €.

In einer Immobilienkrise könnte der Wert des Grundstücks zum Beispiel wieder auf 1000 € fallen. Damit wären 500 € meines Vermögens "vernichtet", ohne dass jemand einen Gewinn gemacht hätte.

Nur hätte ich auch keinen realen Verlust erlitten.

Hat eine Bank das Grundstück als Anlagevermögen in ihren Büchern so kann sie für ein vielfaches von dessen Wert Geld bei der Zentralbank leihen. Sie kann also aufgrund desselben Grundstücks mehr Geld leihen, solange der Wert 1500 € beträgt und weniger, wenn der Wert 1000 € beträgt.

Grundstücke gehören dabei noch zu den reellen Werten, Aktienkurse, Rohstoffpreise, Finanzderivate, Währungskurse, Kreditbewertungen und andere Werte können oft noch viel entfernter von einem tatsächlichen Wert sein.

Das Resultat ist, dass tatsächlich Geldwert "verschwinden" kann, oder zwangsläufig immer dann verschwindet, wenn der tatsächliche Wert dieser Vermögenswerte aufgedeckt wird, was die Banken dann in gehörige Liquiditätsprobleme bringen kann, da sie in so einem Fall weniger Geld bei der Zentralbank leihen können.

Letzten Endes ist jedes Gut nur so viel Geld wert, wie ein Käufer bereit ist, dafür zu bezahlen.

Zur "Vernichtung" virtueller Geldwerte kommt nun eine zweite Dimension hinzu, indem die Staaten Rettungspakete für die Banken im Gesamtwert von vielen Billionen € aufgelegt haben.

Es handelt sich dabei um Geld, dass die Staaten nicht haben, sondern durch Staatsanleihen oder zusätzliche Geldausgabe erzeugen müssen.

Hier ist zu fragen:

1. In wessen Hände fließt das vom Staat ausgeschüttete Geld, wer ist also "Gewinner der Krise"?

2. Was hat die höhere Verschuldung der Staaten für Auswirkungen?

3. Was hat das zusätzlich in Umlauf gebrachte Geld für Auswirkungen?

Kurz beantwortet:

1. Das ausgeschüttete Geld ersetzt Werte, die bisher nur virtuell bestanden. Dadurch bleiben die spekulativ hohen Werte von Aktien, Rohstoffen usw. erhalten. Profiteure sind also die Besitzer der Banken und alle Vermögenden, die entweder spekulative Werte haben oder aber auch Geldeinlagen bei den Banken, die sonst verloren gegangen wären.

In Deutschland halten 20 % der Bevölkerung 80 % der Vermögenswerte, 60 % der Bevölkerung besitzen praktisch gar kein Vermögen (Quelle DIW 2007). In anderen Ländern ist das Verhältnis zwischen Arm und Reich meist noch unausgewogener.

2. Die höhere Staatsverschuldung wird durch Einschnitte bei den Staatsausgaben sowie durch höhere Steuern und Sozialausgaben ausgeglichen werden müssen, da der Staat nicht über andere Einnahmequellen verfügt. Einkommen von Arbeitern und Angestellten bis zu einer Höhe von Brutto 5400 € monatlich (ausgenommen geringfügig Beschäftigte bis 400 €) sind in Deutschland am stärksten mit Steuern und Sozialabgaben (addiert) belastet.

Diese Gruppe, die gleichzeitig überwiegend die 60 % der Bevölkerung praktisch ohne Vermögen bildet, wird somit den Großteil der langfristigen Kosten tragen, die die höhere Staatsverschuldung verursacht.

Hier haben wir also eindeutig Verlierer der Wirtschaftskrise.

Ein Ausweg wäre eine radikale Umkehr der Steuerpolitik, die die Vermögenden wenigstens in gleichem Maße mit Steuern und Sozialabgaben belastet wie Arbeiter und Angestellte, aber ein solches Steuer- und Sozialabgabenkonzept liegt zur Zeit von keiner Partei auf dem Tisch.

3. Bei gleicher oder sinkender Wirtschaftsleistung mehr Geld in Umlauf zu bringen führt zwangsläufig zu einer Inflation.

Diese wirkte sich in der aktuellen Krise bisher überwiegend auf die Kurse von Aktien und Rohstoffen aus, die schnell wieder in Höhen wie vor der Krise aufschlossen, da die Banken kaum andere Möglichkeiten haben, das Geld anzulegen. Das Hauptproblem daran ist, dass mit dieser erneuten Spekulationsblase schon der Grundstein für die nächste Krise gelegt ist.

Allgemein rechnet man aber damit, dass die erhöhte Geldmenge sich auch auf einen Anstieg der Verbraucherpreise auswirkt, was dann zwei Gruppen zu Verlierern macht, die wieder weitgehend identisch sind:

Die erste Gruppe sind Kleinsparer, die Ihr Geld als Bankguthaben, Schatzbrief, Lebensversicherung etc. angelegt haben, während die Kaufkraft des Geldes schwindet.

Die zweite Gruppe sind wieder die Lohn- und Gehaltsempfänger, wenn ihre Einkommen nicht entsprechend der Inflationsrate angepasst werden, was zumindest im letzten Jahrzehnt nicht der Fall war und angesichts der Wirtschaftskrise auch in nächster Zeit nicht wahrscheinlich erscheint.

Zur Untersuchung dieses Kriminalfalls reicht es jedoch nicht, den Fluss der Gelder zu untersuchen, denn es geht hier um Macht, und diese Macht gründet sich zwar auf Geld, aber auch auf reellen Werten, wie beispielsweise Landbesitz, Einfluss auf die Medien, Einfluss auf Politik, militärische Stärke, geostrategische Lage, Kontrolle von Rohstoffvorkommen, Kontrolle von Rohstoffpreisen und Kontrolle des Handels mit Rohstoffen und Währungen, Besitz der Produktionsmittel und vielen weiteren Faktoren.

 

Den Einfluss der Krise auf diese Machtfaktoren zu untersuchen erfordert sicherlich den Einsatz vieler Blogger, Journalisten und Wissenschaftler.

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 03:21
Klare Worte. Dafür meinen Dank.
guggau schrieb am 21.12.2009 um 17:57
WOW !!!!
Das gibt's also tatsächlich auch noch: Ein Kommentar, der präzise am Thema bleibt und fundamental weiter hilft. In diesem Fall setze ich das "zweifellos" vor "hochintelligent" nicht mehr in Klammern.
Erstmal vielen Dank. Dann werde ich den Kommentar noch ein paar mal lesen müssen, um die mir verbleibenden Fragen zu sortieren.
Mit Respekt und freundlichen Grüßen
guggau
Nous Poetikos schrieb am 21.12.2009 um 20:49
Vielen Dank für Euer Lob, echt aufbauend, wenn man seinen ersten Blog schreibt :)
Dass motiviert mich demnächst mal einige lang geplante Artikel umzusetzen.
Dabei bin ich zum Teil recht oberflächlich geblieben.
So investieren beispielsweise die Banken das überschüssige Geld in Staatsanleihen und machen dabei noch Zinsgewinne. Auf diese Weise leiht sich der Staat sein Geld von seinen Schuldnern zurück.
Ein sehr lehrreiches Beispiel was passiert, wenn der Staat den Banken Milliarden schenkt läßt sich auch an der deutschen Wiedervereinigung und dem Aufbau Ost studieren. Hätte der Staat damals nicht die Banken sondern die ostdeutsche Wirtschaft gefördert, hätte es dort womöglich wirklich einen Boom gegeben.

Mehr dazu hier:
www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/art141,1883768

Bemerkenswert, dass die meisten der am damaligen Raubzug beteiligten Banken mittlerweile Pleite sind.
So wie unser Staat...
Aber all diese Unternehmen und unser Staat werden ja zum Glück von Leuten geführt, die "was von Wirtschaft verstehen" ( der Volksmund über Union und FDP ).
guggau schrieb am 22.12.2009 um 16:55
>Bei den "vernichteten" Geldwerten handelt es sich allein um Buchwerte, dass bedeutet, den "Werten" hat oft kein reeller Gegenwert gegenüber gestanden.<

Das reimt sch bei mir immer noch nicht so richtig: Warum es „reeller“ Milliarden vom Staat bedarf, um „nicht-reelle“ Verluste der Banken auszugleichen?

>Profiteure sind also die Besitzer der Banken und alle Vermögenden, die entweder spekulative Werte haben<

Könnten das die sein, die ich per Steckbrief gesucht habe? Die auf ihren satten Gewinnen hocken, im Traum nicht daran denken, auch nur einen Cent davon abzugeben (Steuern? Ha-ha-ha) und sich bucklig lachen über die dummen Politiker und ihre noch dümmeren Steuerzahler?

>Ein Ausweg wäre eine radikale Umkehr der Steuerpolitik, die die Vermögenden wenigstens in gleichem Maße mit Steuern und Sozialabgaben belastet wie Arbeiter und Angestellte, aber ein solches Steuer- und Sozialabgabenkonzept liegt zur Zeit von keiner Partei auf dem Tisch.<

Sollte man der „Linken“ vielleicht mal einen Tip geben?

>Zur Untersuchung dieses Kriminalfalls …<

Kriminalfall? In diesem unserem Lande wird doch hoffentlich nie jemand auf den Gedanken kommen, unsere Politiker, oder auch nur einige davon, oder auch nur ein einziger von ihnen könnte der Versuchung nicht widerstehen, sich in kriminelle Machenschaften verwickeln zu lassen. Das wäre ja noch schöner! Andererseits: Ein paar plausible Erklärungen wären denkbar, wenn es denn anders wäre.

Es bleibt düster.

guggau
Nous Poetikos schrieb am 23.12.2009 um 02:03
Einige treffende Antworten auf diese Fragen sind in diesem wichtigen Artikel enthalten:

www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,668324,00.html

Man staunt doch immer mal wieder, dass der Spiegel auch zu tiefgreifender Gesellschaftskritik fähig ist.
(und hier an unsere Debatte anknüpft ;)
guggau schrieb am 23.12.2009 um 18:25
Danke, Nous, habe ich gelesen.
Was bleibt da noch? Resignation.
Wünschen könnte man sich höchstens noch, was absolut unrealistisch ist:
Dass ein Weltgerichtshof sämtliche Politiker sämtlicher Staaten wegen fahrlässiger/vorsätzlicher Duldung krimineller Machenschaften hinter Gitter setzt.
Und in Block B: Die Banker.
Aber, wie gesagt, illusorisch. Logistisch schon nicht machbar: Man müsste Sibirien UND die Sahara überbauen mit Gefängnissen, um Platz für alle Gauner zu schaffen. Und ein paar, unter jeder Garantie, wären immer noch frei.
Sollen wir trotzdem fröhlich bleiben?
Bleiben wir.
MfG guggau
Nous Poetikos
Unsere differenzierte Sprachfähigkeit unterscheidet den Mensch vom Tier. Nutzen wir sie!
Mitglied seit:
2 Jahre 25 Wochen
Zuletzt aktiv:
19.08.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 2
Kommentare: 14
Logbuch
01:21
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:15
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:09
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:08
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:03
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG