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Der Autor Jens Scholz kommt aus Köln und schreibt auf jensscholz.com.
Ich glaube, ich habe die Wahlkampfstrategien der Parteien verstanden: Bloß nicht aus der Deckung kommen, der Erste der's tut, kriegt auf die Omme.
Das bedeutet aber auch, es gibt keine Themen: Spätestens nach den TV-Duell (warum das "Duell" genannt wurde, ist ja auch niemandem wirklich klar) ist jedem Zuschauer klar gewesen, dass die beiden großen Parteien glauben, dass Merkel die Bundestagswahl gewonnen hat, weil sie sich aus allen Kontroversen herausgezogen hat und machen es ihr nach.
Ich kenne das aus der Wirtschaft, es nennt sich "Best Practice" und ist ein Euphemismus für "Nummer Sicher".
Das einzig wirklich Lustige an dem Duell ist die Berichterstattung darüber aus den beiden Paralleluniversen der Parteien: Ob SPD- oder CDU-Blog, man muss schon sehr grinsen, wenn man liest, für wie großartig dort die Leistung des jeweiligen Favoriten gehalten wird.
Das Problem ist freilich, dass Merkels Vorbild in Wirklichkeit keines ist, denn wenn man sich die Zahlen genauer ansieht, haben ja letztes Jahr beide Parteien viel weniger Stimmen bekommen als zuvor. Gewonnen hat Merkel eigentlich nur, weil viele SPD-Wähler zu Hause geblieben waren. Insoweit wäre eigentlich die Lehre gewesen: Macht mal wieder was Anderes als das Elend zu verwalten.
Die CDU ist doch eigentlich großartig angreifbar - ich meine: Was soll denn dieser Slogan "NRW muss stabil bleiben!" aussagen? Dass alles prima ist, so wie es ist? Hallo? Das ist doch ne Steilvorlage: Stabil ist doch gerade überhaupt nichts, gerade in NRW, wo man in der Finanzkrise völlig hilflos und dilettantisch ein Opel-Debakel hingelegt hat, das sich gewaschen hat. Wo ein marodes Bildungssystem mit einer völlig überlasteten und geriatrischen Lehrerdecke vor sich hin stirbt und wo Energiekonzerne der Regierung die Gesetze diktieren. Was soll denn da stabil sein? Und was sucht überhaupt das Wort "bleiben" da drin?
Wenn man die Biographie von Hannelore Kraft durchliest, versteht man noch viel weniger, warum die SPD hier nicht versucht, mehr Gewinn herauszuschlagen und sie als Gegenpol zu weltfremden Profipolitikern aufzustellen.
Warum man sie stattdesssen wie eine Merkel-Blaupause inszeniert und sie sich im TV-Duell auch so gerierte, kann man ja gar nicht mehr anders nachvollziehen, als dass die Wahlberater der SPD eine "Best Practice"-Strategie verordnet haben. Das machen Berater gerne, denn damit ist auch der Berater aus dem Schneider, gibt er die Verantwortung für den Erfolg doch an die Praktik ab, die woanders ja anscheinend gut funktioniert hat und wenn's schief geht, ist es auf keinen Fall die Beratung gewesen, sondern die mangelhafte Umsetzung.
Mal ehrlich: Das "Alles soll bleiben wie es ist" der CDU und das "Alles soll so bleiben wie es ist, aber unter unserer Regierung" der SPD sind keine Programme, sondern ein ganz peinlicher Rückzug aus der aktiven Gestaltung der Zukunft des Landes.
Immerhin haben die Grünen - nicht wirklich verdient - durch die Renaissance der Anti-Atombewegung eine sehr schöne Wahlkampfhilfe erhalten. Sie mussten sich ja nur noch dranhängen. Erstaunlich nur, dass der offizielle Wahlkampf diese Dynamik verpuffen lässt.
Velleicht denkt der werte Leser ja, dass ich diese Entwicklung generell doof finde. Tue ich aber gar nicht, denn die Lahmarschigkeit und Visionslosigkeit der Parteien macht diese zwar wirklich langweilig für den Wähler, aber nicht nur:
Sie erlaubt auch einer ganzen Menge kleinen Parteien, Gruppierungen, Aktivisten und anderweitig sich tatsächlich politisch betätigenden Menschen, sich lose und schlagkräftig (meist im Internet) zu organisieren und in den vielen von den Parteien verlassenen Feldern tut sich plötzlich etwas, was man lange nicht mehr gesehen hat: Die Menschen erobern sich ihren Gestaltungsspielraum stückweise zurück und lassen die Parteien im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen.
Ist, wie ich finde, kein so schlechter Effekt. Besser jedenfalls als die Befürchtung von Kulturpessimisten, die vor einigen Jahren noch glaubten, dass die Abkapselung der politischen Klasse in eine geschützte Parallelwelt das Volk als unpolitische, uninteressierte und uninformierte Schafe zurücklassen wird.
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ja, der Wahlkampf in NRW schwappt auf einer Welle schlecht inszenierter Belanglosigkeit gelangweilt vor sich hin. Was sich wahrscheinlich in einer geringen Wählbeteiligung niederschlagen wird.
Aber die These: "Die Menschen erobern sich ihren Gestaltungsspielraum stückweise zurück und lassen die Parteien im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen." wage ich zu bezweifeln. Gerade die Zersplitterung des Politischen führt m.E.eben auch zu einer gesellschaftlichen Zersplitterung. Es fehlt das Gemeinsame - Richtung, Wert und Sinn. Was den Weltenlenkern übrigens nur zugute, der Bevölkerung aber zuschaden kommen kann. |
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Ich bin ein großer Freund von Pluralität und Verschiedenheit. Das Wort Zersplitterung ist mir da immer mal zu negativ, denn es impliziert den unausweichlichen Verlust von Einfluss, der nur durch Einigkeit erzeugt werden könnte.
Ich glaube, daß die Individualisierung und Fragmentierung der Gesellschaft, die in den Neunzigern und Nullerjahren ablief inzwischen soweit zu Normalität geworden ist, dass auch ein anderer Umgang mit der daraus folgenden negativen Situation der Fragmentierung von Themen und Causes entsteht, denn Solidarität ist - wie ich gerade in den letzten drei vier Jahren beobachte - natürlich dennoch ein wichtiges Bedürfnis und nicht wirklich verschwunden. Sie funktioniert nur anders, bzw. beginnt, anders zu funktionieren. Ich beschäftige mich derzeit mit ganz vielen interessanten Bewegungen. Eine Sache die auffällt ist, daß sich die unterschiedlichsten Themen zu sehr schlagkräftigen Aktionen zusammenfinden, weil sie übergeordnete Ideen finden und gemeinsam verfolgen. Ein Beispiel ist die Commons-Bewegung, in der auch Extreme wie von einer spirituellen Seite (die z.B. gegen die Ausbeutung von Wissen der Naturvölker kämpft) als auch von einer ganz technischen (z.B. Open Source, die gegen das Ausbremsen von guten Lösungen durch das Patentrecht kämpft) zusammenfinden. Oder die Piratenpartei, die völlig neue Formen der politischen Teilnahme und Zusammenarbeit entwickelt. Das finde ich sehr angenehm zu beobachten und führt mich zu meiner wesentlich weniger pessimistischen Beurteilung der Lage. |
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die Sache hat dann einen kleinen Haken, wenn es um die Beschaffung von Mehrheiten und die Durchsetzung bestimmter Interessen geht. Es sei denn man Geld und ein Lobbybüro in Berlin oder Brüssel.
Nichts desto trotz begrüße ich ebenfalls die vielen kleinen Parteien auf dem Wahlzettel. Wüsste ich nicht was, warum und wie ich wähle, würde ich, statt gar nicht, lieber eine kleine Partei wählen. Die Piraten z.B :-) |
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das erste, was mir an diesem blog gefällt .ist die sprache, " dem volk auf`s maul geschaut " und ungekünstelt.
das zweite ist eine schonungslose analyse, ja es stimmt, es sind zwei volksparteien, anders im namen und personen , ein wenig anders im programm, sonst identisch..... was mit fehlt ist die partei, die wohl neu in den landtag kommen wird, die linke, die sich im walkampf erstmal finden muss und aufbaut, und wo konflikte in der kommenden fraktion jetzt bereits absehbar sind..... und darüber werden die blogger aus nrw sicherlich auch nach dem 09.05.berichten..... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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