Die NRW-Wahlbegleiter

Die NRW-Wahlbegleiter

09.05.2010 | 11:13

Jeder Jürgen ist anders

Die Autorin Senta Best lebt in Köln, ist 32, arbeitet als Online-Redakteurin und schreibt z. B. für das Opak-Magazin.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über den Jürgen Trittin-Besuch auf dem Zülpicher Platz in Köln berichten. Aber dann bekam ich einen Brief. Vom anderen Jürgen. Da muss man dann auch mal Prioritäten setzen.
Der ungefähre Inhalt war mir schon vor dem Öffnen klar, doch was genau schreibt ein CDU-Politiker aus dem feindlichen Düsseldorf an Bürger aus Köln-Ehrenfeld – einem bunten und eher alternativen Stadtteil? Womit versucht er meine Gunst, äh, Kreuze zu gewinnen? Wird er klare Ziele formulieren und diese auch einigermaßen glaubwürdig verpacken, sich für die letzten „Regierungspannen“ entschuldigen und zukünftig alles besser machen wollen? Oder wird er sich eher darauf konzentrieren, auf den Fehlern anderer Parteien herum zu hacken?

Neugierig öffne ich den Brief – ein Bewerbungs-Portrait des Ministerpräsidenten lächelt mir entgegen, seine politischen Ämter stehen zur Erinnerung (oder Erklärung???) als Bildunterschrift darunter. 
In den folgenden 4 Absätzen erklärt Rüttgers erst noch mal kurz, dass am Sonntag Wahl ist. Scheinbar geht er davon aus, dass es einige Menschen gibt, die davon bisher nichts mitbekommen haben.


Weiterhin fordert Herr Rüttgers mich - wie bereits angenommen – dazu auf, ihn unbedingt zu wählen. Die Argumente, mit denen er mich ködern möchte, sind meiner Meinung nach allerdings doch eher schwammig und recht krude.
Positiv und sehr pfiffig finde ich, dass er die wichtigsten (?) Punkte fett markiert hat. Menschen, die noch nicht wissen, was sie wählen sollen bzw. dass überhaupt Wahl ist, haben schließlich nicht unbedingt viel Lust auf viel Text.



So geht also Wahlkampf in NRW: Ein Bewerbungsanschreiben mit einem Rüttgers-Porträtfoto umringt von Buchstabensuppe, in der teils fett gedruckte Worte á la Wirtschaft stabil gehalten, Arbeitsplätze gesichert, sozialer Frieden bewahrt schwimmen.

Aber Moment mal – müsste es nicht korrekterweise heißen „Wirtschaft stabil halten“, „Arbeitsplätze sichern“ und „sozialen Frieden bewahren“? Achso, mit diesen Themen sind Jürgen und seine Gang also schon durch? Alles längst erreicht und abgehakt?! 

Weiter geht’s: „Die Landesregierung unter meiner Führung hat unser Land gut durch die Krise geführt.“ Hm, so habe ich das noch gar nicht gesehen.


Auch der Satz SPD und Grüne wollen die Macht um jeden Preis fällt fett gedruckt ins Auge. Weiterhin schreibt Rüttgers, dass die Konkurrenz Nordrhein-Westfalens Stabilität durch eine Koalition mit der Linkspartei aufs Spiel setzen würde.

STABILITÄT??? In NRW? Wovon zum Geier spricht dieser Mann? Und was eigentlich täte der so genannten Stabilität eigentlich besser, als mal ordentlich durcheinander geschüttelt zu werden? Womöglich würde ein Farbenwechsel und Gerüttel von links das gebeutelte NRW wenigstens ein bisschen aus der derzeitigen Lage retten. 

Dass Rüttgers für sich werben will ist verständlich, sein gutes Recht und auch völlig legitim, aber sich mit völlig fremden Wahlkampffedern schmücken macht irgendwie ja nur bedingt Sinn, finde jedenfalls ich. Die drei Wahlziele sind seltsamerweise nicht fett gedruckt.
Heißt das: Ist eigentlich gar nicht sooo wichtig, eher nebensächlich, fast egal? Muss ich sie nicht verstehen? Versteht er sie selbst nicht? Oder versteckt er die Wahlkampf-Ziele hinter den restlichen Buchstaben, weil er sich ein wenig seiner eigenen zurecht geschwindelten Worte schämt?

Rüttgers und die CDU wollen:
-    Dass NRW umweltfreundlichstes Industrieland wird
-    solide Finanzen
-    NOCH mehr für Kinder tun

Diese drei Aussagen kann man ruhig einfach mal unkommentiert im Freien stehen lassen. Oder?

Im Schlusswort bittet er mich sehr eindringlich, fett gedruckt und ganz persönlich, dass ich am Sonntag meine wertvollen Stimmen BEIDE der CDU überlasse.
Und nicht mal für ein P.S. ist Jürgen sich zu schade; hier fordert er mich ganz frech dazu auf, mit meinen „Verwandten und Freunden zu sprechen“ und zwar „noch heute“. Ja, was denkt denn dieser Mann, was ich für Freunde habe???

Da lobe ich mir doch den grünen Jürgen. Der müllt meinen Briefkasten nicht mit halbseidenen Versprechungen zu, sondern  steht putzig–aufbrausend wie immer auf einer VW-Bus-Bühne inmitten des Zülpicher Platzes, hat seine (zugegebenermaßen fürchterliche) Lieblingsband „Stimmkombinat“ dabei und predigt altbewährte Themen.

Dröger Wahlkampf bekommt hier einen leisen  Hauch von Volksfest-, äh, Eventcharakter. Und das funktioniert doch seit jeher immer gleich: Mit Musik, Würstchen und Bier. Mehr braucht es doch gar nicht. Das nenne ich doch mal volksnah und auf dem Boden geblieben! Und da wir es hier mit den Grünen zu tun haben, stecken in den Brötchen Würstchen von ehemals glücklichen Tieren und das Bier ist sozial verträglich, jedenfalls stehen die Worte „Bio“ und „naturtrüb“ auf dem Etikett.
Ob jeder der hier Anwesenden am Sonntag auch grün wählt, weil das Fest so schön, das Bier so lecker und die Wurst so öko war, sei mal dahin gestellt. Fest steht aber, dass bei dem ein oder anderen NRW-Bürger mit Würstchen in der einen und 1,10-€-Bier in der anderen Hand so ein Kreuzchen sehr viel leichter an die andere, äh, „richtige“ Stelle flutscht.


(Bild: Die Grünen)

Jürgen Trittin ist ein Star zum Anfassen - das jedenfalls ginge theoretisch. Ich könnte ihm Fragen stellen, ihm Verbesserungsvorschläge, einen Dom, Döner oder wasauchimmer an den Kopf werfen. Außerdem hält er eine flammende Rede - und das ganz ohne Spickzettel. Jürgen Trittin kommt nicht einfach zu mir nach Hause, sondern kündigt seinen Besuch unaufdringlich an und lässt mich eigenmündig entscheiden, ob ich ihm zuhöre oder eben nicht. Der Mann weiß, was sich gehört! Rüttgers dagegen denkt wohl, dass er meine Liebe mit einem läppischen Brief gewinnen kann, mit billiger Tinte und Worten, die er nicht mal selber gewählt hat - Schluss machen würde der wahrscheinlich dann per SMS „sorry. hat doch nicht geklappt :( lg“.

Ich jedenfalls bin froh, wenn das Thema Wahl heute Abend erstmal vom Tisch ist, meine hart umkämpften Kreuzchen gemacht sind und alles wieder in gewohnten Bahnen läuft. Denn wenn alle paar Jahre von allen Seiten alle an mir zerren, mich umwerben, im Zweifel einfach meiner Meinung sind und mich plötzlich sehr sehr gerne haben, kann das auf Dauer ganz schön anstrengend sein.

 
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