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Der Autor Rainer Kühn ist 49, parteilos, Germanist, Lektor, Mitglied diverser sich schon links wähnender Vereine und schreibt auf freitag.de.
Ich muß einen Brief wegbringen. Einen von heute berichteten 12.000. Briefwahl ist schwierig. In einen ausgerechnet gelben Postkasten möchte ich meine Stimme nicht versenken, ich nehme also die Kollegen von Brief und mehr, der hiesigen roten Post. Vielleicht macht´s dann ja der Stefan oder der Bernd. Erik verfährt sich immer, das ist mir zu unsicher, und Frank trägt nur bei mir aus, also da, von wo mein Wahlbrief ja gerade weggehen soll. Na, ich mach´s lieber selber, ich hab´ ja nicht nur einen Kopf auf dem Hals, sondern auch ein Fahrrad unterm Arsch.
Ich fahre also zum Rathaus, das in diesen Tagen den westfälischen Nichtwählern gewidmet wurde. Diese immer stärkere Fraktion der hier beheimateten Dickschädel konnte das - nomen est omen - letztlich durchsetzen. So braucht man nicht einmal briefwählen, sondern kann im Hühnerstall bleiben; eine westfälische Metapher auf die sog. imposante Natur rings um das Oberzentrum des Münsterlandes.
Gut gefallen mir beim Radln umgefallene FDP-Plakate und hübsche Studentinnen, wobei ich meine Gedanken an den Blog von Magda und Fräulein Juliane abschweifen lasse. Wie ist das Wetter wohl in Timbuktu? Hier wird es ein bißchen bedeckt, deshalb stecke ich meine Hände in die Hosentaschen und fahre frei, wie Gott, an den ich nicht glaube, mich schuf.
In der Mensa verspeise ich noch ein Schwein und einen Tomaten-Gurken-Salat. Abwaschen müssen eh die andern. Für solche Gerichte haben die Studierenden kein Geld, weil der Dispo bei der Öko-Bank für die "Studien"-Gebühren draufgegangen ist. Das grüne Wahlplakat weiß ein Lied davon zu singen. Einige Spatzen begleiten mich zum Rathausinnenhof, der diesmal nicht - weil kein Kulturevent "Schauraum" - vielfarbig beleuchtet ist. Eine Tristesse aus grau und unausgrabbaren Pflastersteinen weist vielmehr den Weg in die westfälische Politik. Nachzutragen ist, dass der Kiosk, der auf dem Weg lag, den "Freitag" nicht mehr führt. Jetzt lese ich "Eckstein. Wer wirft zuerst?" Eine gute Frage.
Im Rathaus ist niemand zu sehen. Die Dickschädel sind eh nicht da, nur der Wahlleiter lektoriert gerade noch den Wahlzettel. "Liktor!", ruft von hinten rechts ein Praktikant, und freut sich sichtlich, daß er schon eine Vokabel auswendig kann. Ich frage ihn, in welcher Klassenstufe er sei. "Sieben!", schreit er mir entgegen. "Na, da willst Du wohl später mal Adam Riese werden, was?", vermute ich. "Nein! Leierkastenmann."
Der Wahlleiter hat gerade sein letztes Deleatur gemalt, die pdnw, die Party of the Night Watchers, wurde damit doch nicht zugelassen und erleidet so das gleiche Schicksal wie die Partei Die Partei einstmals. Zugelassen blieb allerdings PSW, Pferdestärke Warendorf, und SMDB, Sprakel muß draussen bleiben.
Ich zeige meinen Zettel vor und frage wolkig, ob ich damit in die Urne komme. Der bärtige Mann schlägt seine Hand vor die Augen. "Werter Wähler," stößt er hervor, "ich kann doch nicht in ihre ganz private und datengeschützte Meinungsbildung schauen. Ich bin zu Wahrheit, Treu & Redlichkeit verpflichtet und muß hier zudem die Uhren stellen." "Ach so, ich dachte, sie haben eh schon statistisch ermittelt, was ich wählen würde. Aber gut, hier, im nicht einsehbaren Umschlag!" Meine Stimme verschwindet durch den Schlitz. Ich werde sie - und den Wahlleiter - nie wieder sehen ...
Traurig, aber auch glücklich fahre ich durch die Straßen von Westfalia Münster zurück. Hammer, diese alte Chaussee, wahrscheinlich heißt sie deshalb Hammer Straße. Am St. Josephskirchplatz trinke ich einen Tee am dortigen Fahrradcafé. Ich lasse die Zahl der Plakate auf der Ausfallstraße zum Brenner hin auf mich wirken. 372 Bäume habe ich jetzt, und 356 Plakate. Unterschiedlich sind sie vor allem durch die meist dreibuchstabigen Kürzel drauf. Die Themen sind alle gleich, Positionen nur selten akzentuiert, und die Farben von SPD und CDU sind inzwischen komplett identisch: helles Blau und Rot, null Inhalt, aber mit "Kopf pauschal". Ich werde da mal die IP-Adressen konsultieren. Aber jetzt "Ab ins Bett", wie ich unter dem Pseudonym David Baddiel einmal geschrieben habe.
Münster-Süd rules ok.
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genauso wörs /i schwörs
außerdem möchte ich in eigenem interesse darauf hinweisen, daß mein briefwahlkreuz live im sich anhäufenden und erhabenen fotoalbum nachvollzogen werden kann. irgendwo bei foto 180. zu finden über http...uhn/nrw-mein-kontiuum o.s.ä. so, jetzt muß ich mich aber erstmal flachlegen (merdeister weist den weg). |
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Als Wahl-Rheinländer habe ich den Absatz über den Tag der nicht wählenden Briefwähler per persönlicher Stimmabgabe nicht wirklich verstanden. Zählen solche Stimmen wirklich bei der Addition am Wahlsonntag? Es kömmt mir deppert vör.
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schrieb am
25.04.2010 um 22:29
im maßregelfall werden in westfalen abgegebene stimmen einfach weggeworfen. oft im rheinland. nun sind wir aber zusammengelegt, und müssen abwarten, bei wieviel promille in vierzehn tagen gezählt wird. "nrw: nichtwählen könn' wir am besten!"
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Toller Report aus Münster. Besonders schmunzeln musste ich über die lustige Ausdrucksweise! ;) Vielen Dank!:)
Herzliche Grüße rr |
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Gott sei Dank ist bei uns in Bayern die CDU zu Wahlen nicht zugelassen. Du bestätigst den von mir vielleicht subjektiv überbewerteten Eindruck von anderen Wahlkampfberichten, dass der Wahlkampf sehr plakativ ausgerichtet ist.
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@luggi
Der mit der CDU in Bayern ist gut! :) rr |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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