Oehler

Nachspiel

17.10.2010 | 17:15

Die Dramen des Spieltags

 

So ein Bundesligaspieltag erzählt ja bisweilen auch Geschichten, kleinere und größere Dramen. Meistens leicht daran zu erkennen, dass der Sportreporter leidenschaftlich „Ausgerechnet!“ ausruft. So zum Beispiel bei Lukas Podolski, ausgerechnet Podolski. Dessen Wochenende stand gewissermaßen im Zeichen einer Bernhard’schen Erregung. Zuerst ging es gegen den eigenen Verein. Den hatte er in einem Interview kräftig bepöbelt, gar mit Abschied gedroht. Standen vor dem Spiel gegen Dortmund eine folgende Geldstrafe oder sogar Aufführungsverbot im Raum, war die Welt zehn Minuten vor Spielende, als Podolski mit einem großartigen Tor zum Ausgleich traf und ganz loyal das Köln-Emblem mit Zärtlichkeiten bedeckte, scheinbar wieder in Ordnung. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Erregung hielt an, das Holzfällen ging von nun an erst richtig los. Nur war das Ziel jetzt der Dortmunder Nuri Sahin. Hatte er diesen schon zuvor ziemlich rabiat von den Beinen geholt, so machte er ihm in der Folge mit ungemein ausgeklügelter Fingerakrobatik mehrmals klar, wie hoch die Türkei dann noch mal gegen Deutschland verloren hatte. Nachdem Sahin, ausgerechnet Sahin, dann in der Nachspielzeit noch den Siegtreffer für Dortmund erzielte, wechselte Podolski von bloßer Ergebnisanzeige in härtere Gefilde der hohen Beschimpfungsgestik. Nur das Ende des Abends war dann nicht mehr im Bernhard’schen Sinne. Er entschuldigte sich im Kabinengang beim Dortmunder. Das hätte Bernhard freilich nicht gemacht.

 

Bei Mario Gomez hätte es hingegen ein rührendes Comeback-Stück werden können: Geschmähter Außenseiter findet seinen Weg zurück und zeigt es allen. Gomez, dessen Reservistenrolle schon für ewig besiegelt schien und der nur spielte, weil die Münchner Personaldecke momentan so dünn ist, wie ein Arztroman an der Supermarktkasse, machte alle drei Tore beim Sieg der Bayern gegen Hannover. Ausgerechnet, sozusagen. Man wollte sich eigentlich intuitiv für den Vielgescholtenen freuen. Allein, man konnte es irgendwie nicht. Denn obwohl die Geschichte an sich schön war, wurde sie vom Protagonisten kaputt inszeniert. Nicht nur, dass er gleich zweimal einen albernen Torero-Jubel hinlegte, sondern im Interview dann auch noch „viele Grüße nach Chile“ senden musste – er hatte seine drei Tore quasi vorhergesehen, da sich unter den geretteten Mineros ein Namensvetter von ihm befindet – war einfach zu viel des Guten. Gemessen daran, dass er zuvor monatelang unter der Wahrnehmungsgrenze spielte und nur positiv auffiel, wenn er mal keinen Ball verstolperte, war das  zu dick aufgetragen. Zu viel Pathos, zu viel Schmierigkeit.

 

Das ernsthafte, klassische Gegenstück dazu bleibt Schalke. Dort wird momentan eher Tschechow gegeben. Trainer Magath, Manager Heldt und Präsident Tönnies wirkten nach dem 2:2 gegen den Tabellenletzten Stuttgart abermals wie Drei Schwestern. Nachdem ihre glorreichen Tage schon lange her sind, befindet man sich heute nur noch in der grauen Tabellenprovinz und klammert sich allein an die sehnsüchtigen Träume von besseren Orten und Zeiten. Am Ende zerplatzen die aber freilich wie Seifenblasen. Was bleibt, ist nur apathische Tristesse.

 

Und St. Pauli hat auch sein erstes Heimspiel gewonnen, 3:2 gegen Nürnberg. Gerald Asamoah, der das erste Mal von Beginn an spielen durfte, machte gleich sein Tor. Ausgerechnet. Aber genaugenommen ist es auch verhältnismäßig egal, ob die gerade gewinnen oder nicht. Pauli bleibt so oder so der Pollesch der Liga.

 
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