Oehler

Nachspiel

04.10.2010 | 20:26

Gespenstische Bundesliga

 

Ein Gespenst geht um in Europa. Und in diesem Fall ist es weder blond, noch heißt es Geert. Es ist das Abstiegsgespenst. In England steht der altehrwürdige FC Liverpool auf dem 18. Platz, der französische Serienmeister Olympique Lyon ist 17., der AS Rom, letztjähriger Vizemeister und Champions League Gegner der Bayern, 19. Am deutlichsten spukt es jedoch in der Bundesliga. VfB Stuttgart Letzter, Schalke 04 Vorletzter, Werder Bremen 13., Bayern München 12.

Nun ließe sich freilich mit Recht sagen: Abwarten! Es sind erst sieben Spiele gespielt, die WM-Spieler müssen erst noch richtig fit werden und Meisterschaften werden sowieso in der Rückrunde gewonnen. Auch wenn diese Argumente im Einzelnen stimmen mögen, allein sie verfangen von Spieltag zu Spieltag immer weniger. Denn abgesehen davon, dass mittlerweile wohl selbst Ailton wieder 90 Minuten schadlos überstehen würde und der 13- bzw. 17-Punkte-Rückstand von München und Schalke auf Mainz bereits nach mehr, als einem Betriebsunfall aussieht, ist es nicht nur der Tabellenkeller selbst, der seine gespenstische Wirkung entfaltet, sondern vor allem die gruseligen Leistungen, die die beiden dahinführten. Der Verdienst des Jahrhundertstürmers Raùl bestand beispielsweise bis jetzt vor allem darin, sich im gegnerischen Strafraum weniger sehen zu lassen, als Thomas Pynchon auf Preisverleihungen. Sein Sturmpartner Klaas-Jan Hunterlaar zeigt zwar immerhin Phantomtorjägerqualitäten, da er bisweilen dann doch im richtigen Moment vor dem Tor auftaucht. Da aber das Stellungsspiel der Schalker Defensive unter dem einer Laienschauspieltruppe rangiert und die Leistungen von Jurado und Rakitic schwanken, wie Rainer Brüderle auf einem Winzerfest, nützen auch die Knipserqualitäten Huntelaars nur wenig. Zu allem Überfluss zeigte die Schalker Mannschaft auf ihre katastrophalen Auftritte dann zumeist eine Reaktion, die methodisch irgendwo zwischen Kanzleramt und Stuttgarter Schlossgarten liegt. Neustart ausrufen, vornehmlich auf Einzelaktionen setzen und beim Gegner kräftig zutreten. Wenngleich die Bayern hingegen einen spielerisch weitaus besseren Eindruck abgeben, haben sie nicht nur ebenfalls den schlechtesten Saisonstart ihrer Bundesligageschichte hingelegt, sondern auch die konkreten Probleme ähneln sich. Die vermeintlichen Leistungsträger schwächeln, die Stürmer machen keine Tore. Der sonst immer sichere und verlässliche Phillip Lahm spielt momentan so uninspiriert und mutlos, als ob ihm Michael Ballack im Kabinengang auflauern würde. Ribéry-Ersatz Toni Kroos hat sich das Passspiel in die Vertikale offenbar verboten. Das sonst unermüdliche Sturmwiesel Ivica Olic schießt den Ball gegen Dortmund sogar aus zwei Metern vorbei und die 30 Millionen teure 1-Mann-Bad-Bank Mario Gomez dürfte nach abermals torloser und durchwachsener Partie von van Gaal nun endgültig abgewickelt werden.

So düster es also für den Meister, Vize-Meister und auch die anderen Teams mit Titelambitionen aussehen mag, wahrscheinlich werden sie doch Punkt für Punkt die Tabelle hochklettern und die Verhältnisse am Ende der Saison weitestgehend gerade gerückt haben. Doch allein die bloße Möglichkeit, dass die Dinge weiter ihren unerwarteten Gang gehen, Bayern und Schalke nicht aus dem Keller kommen und sich am Ende gar die karnevalesque Prophezeiung bewahrheit, sodass Tabellenführer Mainz wirklich Tabellenführer Mainz bleibt, entlockt einem doch ein kleines Jauchzen.  

 
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Kommentare
hibou schrieb am 04.10.2010 um 20:33
und St.Pauli net zu vergessen
Achtermann schrieb am 04.10.2010 um 21:21
Schalke 05 (!) soll 250 Millionen Euro Schulden angehäuft haben und der am höchsten verschuldete Verein der Bundesliga sein. Kommen die nicht auf einen Tabellenplatz, der einen internationalen Wettbewerb garantiert, kann die Liga-Lizenz flöten gehen. Die Bayern haben immerhin noch finanzielle Möglichkeiten: Sie können, wie in der Vergangenheit schon, gute Spieler anderer Vereine aufkaufen und diese auf der Reservebank sportlich verhungern lassen. Das ist eine Möglichkeit, der dt. Meisterschaft näher zu kommen.
Oehler schrieb am 04.10.2010 um 21:36
Ja, soweit ich weiß, hat Magath dieser Zahl in einem SZ-Interview zumindest nicht widersprochen. Wenn man davon ausgeht, dass sie in der CL nicht sonderlich weit kommen werden und am Ende der Saison womöglich sogar die Europa League verpassen, müsste Herr Tönnies wohl noch die ein oder andere Wurst mehr verkaufen, um die finanzielle Schieflage nicht zur vollen Katastrophe werden zu lassen. München wird sicherlich in der Winterpause nochmal auf's vielzitierte Festgeldkonto zurückgreifen. Rummenigge hatte van Gaal z.B. Khedira ja förmlich aufgedrängt. Aber der wollte nicht. Jetzt noch einen guten Innenverteidiger oder 6'er zu finden, der noch CL spielen kann, wird, glaube ich, schwierig.
sozenschreck schrieb am 04.10.2010 um 21:46
Wolfsburg wird Meister, Mainz wird 2., Schalke wird pleite gehen und Bayern München wird am UI-Cup teilnehmen, wenn sie sich noch steigern können! :-)
Achtermann schrieb am 04.10.2010 um 21:48
Wolfram Heinrich schrieb am 04.10.2010 um 22:03
Machen wir uns nichts vor: Seit vierzig Jahren wird die Bundesliga zu dem einen und einzige Zweck veranstaltet, zu verfolgen, ob diese Saison wieder Bayern Meister wird oder irgendein anderer Verein. Daraus bezieht die Bundesliga ihre Spannung. 1/18 der Fans verfolgt die Bundesliga, weil sie fiebern und hoffen, daß Bayern Meister wird, die restlichen 17/18 hoffen und fiebern, daß Bayern im schändlichen Mittelfeld landet oder gar absteigt.


Ciao
Wolfram
Fro schrieb am 05.10.2010 um 01:47
Hoeness hat durch eine nette Geste den FC St.Pauli aus einer finanziellen Notlage geholfen, seitdem gönnen die Norddeutschen den Bayern zumindest den Vizemeistertitel.
Aber selbst das werden die Bayern nicht bringen – der FC Bayern kann froh sein, wenn er die Teilnahme am Loser-Pokal schafft. Da fehlt das Feuer. Vielleicht kaufen sie sich ja demnächst die komplette Mainzer Mannschaft, inklusive Trainer – das könnte vielleicht noch etwas bringen....
Wolfram Heinrich schrieb am 05.10.2010 um 07:07
@Fro
der FC Bayern kann froh sein, wenn er die Teilnahme am Loser-Pokal schafft. Da fehlt das Feuer.

Dieser Nurejew ist schon eine Spitzenkraft, schon ein Könner, aber i hab des Gfühl, der hupft auch nicht mehr so hoch wie früher, der hat das gar nicht mehr notwendig. - Bayern steigt heuer ab.

Ciao
Wolfram
Fro schrieb am 05.10.2010 um 18:34
@Wolfram
Ja, wenn selbst Nurejew nicht mehr hochkommt.... Dann sehe ich Bayerns Verbleib in der ersten Liga allerdings auch gefährdet. Wird noch interessant mit anzusehen sein, wie die Medien reagieren, wenn sie erfahren, dass Bayern heuer absteigt.
Wolfram Heinrich schrieb am 05.10.2010 um 19:32
@Fro
Ja sag mal, hat denn keiner auf das Video geklickt?

Ciao
Wolfram
Fro schrieb am 05.10.2010 um 21:09
Sorry, Wolfram ich habe mir das Video nur gerafft angesehen und ausgerechnet diese Nurejew-Passage nicht mit bekommen. Und was soll man zu so einem genialen Sketch noch schreiben....aber ich wusste, dass du den Balletttänzer meintest.;-)
poor on ruhr schrieb am 04.10.2010 um 22:49
....aber mein HSV kann noch irgendwie mithalten :).

Ich bin doch nicht zu St.Pauli gewechselt. :)

Herzliche Grüße

poor on ruhr
hibou schrieb am 05.10.2010 um 07:15
naja und gomez :-)))
hibou schrieb am 05.10.2010 um 07:15
HSV is auch ganz ok. Kann zweiter wern von mir aus
koslowski schrieb am 05.10.2010 um 18:00
"Doch allein die bloße Möglichkeit, dass die Dinge weiter ihren unerwarteten Gang gehen, ... entlockt einem doch ein kleines Jauchzen." - Ja, aber nur ganz leise und verschämt, denn noch hat das Universum Zeit, zurück zu schlagen.
Oehler schrieb am 05.10.2010 um 18:05
Da hier das rüde Schalker Spiel der letzten Wochen erwähnt wurde (Immerhin haben sie bis jetzt mehr Spiele in Unterzahl, denn in voller Besetzung beendet), sei noch kurz auf Evo Morales verwiesen. Klingt in diesem Zusammenhang komisch, ist es aber nicht. Bei einem Freundschaftsspiel von Boliviens Kabinett gegen die Opposition zeigt Morales wenig Fairplay.

Oehler schrieb am 05.10.2010 um 18:05
Da hier das rüde Schalker Spiel der letzten Wochen erwähnt wurde (Immerhin haben sie bis jetzt mehr Spiele in Unterzahl, denn in voller Besetzung beendet), sei noch kurz auf Evo Morales verwiesen. Klingt in diesem Zusammenhang komisch, ist es aber nicht. Bei einem Freundschaftsspiel von Boliviens Kabinett gegen die Opposition zeigt Morales wenig Fairplay.

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