Onkel Wanja

"Die Enden der Parabel"

03.10.2010 | 22:29

Die Enden der Parabel. Brigadier Pudding-Wir gelangen in die.(126-374)

.... >>Weißen Visitation<<. Teil 2 von 3.

 Regieanweisung: Wir nähern uns einem Gebäude. Es ist Nacht. Das riesige Gebäude ist unheimlich. Es liegt abgelegen. Es gleicht einem „architektonischen Amoklauf“ was seine Düsternis, sein überwältigende sinnliche Überforderungswirkung verstärkt. Die >>Weiße Visitation<< ist steingewordene psychologische Kriegsführung!

 Aus der Entfernung sehen keine zwei Beobachter, wie dicht beisammen sie auch stehen mögen, genau das gleich Gebäude in einer Orgie der Selbstdarstellung, der jeder neue Besitzer Neues hinzugefügt hat, bis zur Requirierung im gegenwärtigen Krieg.“ S. 135/136

Aus „CROSSROADS“ von Max P. Haering, Pointsmann 4/WV 3. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

"Formbäume säumen die Auffahrt eine Strecke weit, dann übernehmen Lärchen und Ulmen: Enten, Flachen, Schnecken, Engel und Steeplechase-Reiter schwinden die Schotterstraße hinab in braches Schweigen, Schatten unter einem Dach raschelnder Zweige. Der Wachposten, eine düstere, weiße-gegürtete Gestalt, erscheint vor deinen verdunkelten Scheinwerfern, Gewehr im Arm, und du mußt anhalten. Die dressieren tödlich scharfen Hunde beobachten dich aus dem Gehölz.“ S.136

Wir nähern uns dem Gebäude bis wir genauer in einige Fenster schauen können (wir schauen als imaginäre Betrachter durch die abgeklebten Fenster, wir können so was). Wir sehen: Tierkäfige, sehr viele Tierkäfige. Versuchslabore und Büros.

Nun sind wir im Gebäude! Wir hören: Allerlei tierische Laute, Hundegebell hebt sich besonders aus dieser Kakophonie heraus. Doch nicht genug damit: Diesen beunruhigenden Lauten fügen sich die menschliche Lautmalerei psychisch Kranker hinzu, ein Seitenflügel des ehemaligen „Spitals zur Hl-Veronika vom Wahren Bildnis Jesu“ dient zur Tarnung der >>Weißen Visitation<< weiterhin als Nervenheilanstalt.

Wir sehen: „Hund Wanja, der sich augenblicklich in einem halbwegs normalen zustand seines Geistes (…) befindet, gnießt einen kurzen Urlaub vom Versuchsgestell und schnüffelt gegen den galvanisierten Draht, und so verharren die beiden, Schnauze an Schnauze, Leben an Leben (...)Die weißne Lichtstangen brummen von der Decke. Graubekittelte Hilfskräfte schwatzen, rauchen, trödelnde Routinearbeiten herum. Vorsicht, Lefty, sa kommen for die diesam. Paß nur auf, kichert Maus Alexei, wan mir packt, scheiß ich ihm genau in das Hand.“

Die Tiere....Ja richtig gehört, wir können hören wie sie reden! Wer hört diese kleinen Tiere in den Käfigen, wenn sie sich paaren, ihre Jungen säugen, sich durch die grauen Vierecke hindurch unterhalten oder, wie jetzt, zu singen beginnen...Sie haben ihre Käfige verlassen,(...) Sie haben ihren Augenblick der Freiheit gehabt. (…) Jetzt geht es zurück in die Käfige und zu den rationalisierten Formen des Todes – des Todes im Dienst jener einzigen Gattung, die mit dem Bewusstsein ihrer Sterblichkeit geschlagen ist...<< Ich würde euch befreien, wenn ich nur wüßte, wie. Aber hier draußen gibt es auch keine Freiheit. All die Tiere, Pflanzen, Steine, ja sogar andere Gattungen Mensch, sie alle werden jeden Tag zerbrochen und wieder neu zusammengesetzt, nur um die Elite der Wenigen zu erhalten, die am lautesten über Freiheit theoretisieren und selbst am wenigsten frei sind. Ich kann euch nicht mal Hoffnung machen, daß sich das ändern wird -daß SIE eines Tages aus ihren verstecken kommen, den Tod und die durchdachten Schrecken ihrer Technologie vergessen und damit aufhören, jede andere Form des Lebens gnadenlos zu benutzen, um das, was die Menschen quält, auf ein erträgliches Maß zu bringen -daß SIE so sein können wie ihr, einfach da einfach lebendig...>> Der Gaststar geht durch die Korridore ab. S. 362-365

 Wir stellen nichts in Frage. Weiter! Unser Blick schweift nach oben:

Aus „CROSSROADS“ von Max P. Haering, „White Visitation“. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Oben wimmelt die Stukkatur der Decke von methodistischen Versionen des Königreich Gottes: Löwen schmiegen sich an Lämmer. Früchte plumpsen üpig und unaufhörlich in die Arme und vor die Füße von Damen und Kavalieren, Schäfern und Milchmägden. Kein einziger Gesichtsausdruck ist klar getroffen: die sanften Kreaturen blicken scheel, die wilderen Bestien scheinen unter Drogen und Schlafmittel zu stehen, und die menschlichen Wesen vermeiden jeden Augenkontakt untereinander.“ S.134

Wir nähern uns -durch Gänge schreitend- dem Ziel der zentralen Passage und all unsere Sinne sind (hoffentlich) in seherischer Aufnahmebereitschaft:

In kürze folg Teil 3: Brigadier Pudding und die Herrin der Nacht.

Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 04.10.2010 um 22:26
Toll! Ich bin begeistert! :) Die Zeichnungen sind toll! ;)

Die Textauszüge stammen vom Fachmann! ;)

Ich denke darüber nach! Die Schicht heute war hart. :)

Es fällt mir schwer einen konzentrierten Gedanken dazu zu bekommen.

Der Text scheint für sich selbst zu sprechen.

Erzählt von Tieren, dem Tod und Eliten und vom Theorisieren über die Freiheit. Un die Eliten, die am lautesten theorisieren sind am wenigsten frei.

Was der Autor nur damit meint? Es hört sich gut und einlechtend , doch bin ich mir nicht sicher, was das bedeutet.

Trägr ist mein Gehirn am Abend, doch die Bilder sprechen noch mehr für sich als der Text, denke ich,

Ich schaue und geniesse.

Herzliche Grüße

poor on ruhr
Onkel Wanja schrieb am 04.10.2010 um 23:47
"All die Tiere, Pflanzen, Steine, ja sogar andere Gattungen Mensch, sie alle werden jeden Tag zerbrochen und wieder neu zusammengesetzt, nur um die Elite der Wenigen zu erhalten, die am lautesten über Freiheit theoretisieren und selbst am wenigsten frei sind. Ich kann euch nicht mal Hoffnung machen, daß sich das ändern wird -daß SIE eines Tages aus ihren verstecken kommen, den Tod und die durchdachten Schrecken ihrer Technologie vergessen und damit aufhören, jede andere Form des Lebens gnadenlos zu benutzen, um das, was die Menschen quält, auf ein erträgliches Maß zu bringen -daß SIE so sein können wie ihr, einfach da einfach lebendig...>> "

Die Eliten der 1. Welt sind damit gemeint, der Kapitalismus ist damit gemeint. Unser Umgang mit diesem Planeten ist gemeint und letztendlich wir als Spezies. Erinnert sei an die Episode mit den Dronten/Dodos die mich ebenso berührten.Ja, mich rührt der Aspekt des Mitgefühls, der bei Pynchon mit der tierischen Kreatur fühlt, für das Leid was die Menschen den Tieren bereiten.

Ich gehe jede Wette ein, dass Pynchon Vegetarier ist:

"Während sie im Tiefflug über den Schlachthöfen einschwebten, drang der Geruch zu ihnen, der Geruch und der Aufruhr von Fleisch, das seiner Sterblichkeit innewird - wie die dunkle Unterseite irgendeinder taghellen Fiktion, der, so hatte es zunehmend den Anschein, vorschub zu leisten sie hierhergeflogen waren. Irgendwo dort unten laf die in den Broschüren der Weltausstellung verheißene Weiße stadt, irgendwo zwischen den hohen Schornsteinen, die unablässig schwarzen Fettrauch spien, die Ausdünstungen unaufhörlicher Schlächterei, in denen die Gebäude der über Mailen leewärts liegenden Stadt sich verloren wie Kinder in einem Traum, der keine Gnadenfrist vom Tage gewährt. In den Schlachthöfen blickten Arbeiter, die, in überwältigender Mehrheit katholischen Glaubens, von der schicht kamen und sich ein paar kostbare sekunden lang von Erde und Blut distanzieren konnten, verwundert zu dem Luftschiff auf, in dem sie wphl eine Abordnung nicht unbedingt hilfreicher Engel vermuteten.
(...)<> hauchte Lindsay erfürchtig. In der Tat sah man weit mehr Rinderrücken als Menschenhüte. Aus dieser Höhe war es, als sähen die Freunde, die früher oft beobachtet hatten, wie die riesigen Rinderherden in wechselenden, wolkenartigen Mustern über die westlicen Ebenen zogen, diese ungeformte freiheit nun zu einer Bewegung rationalisiert, die sich nun in geraden Linien, rechten Winkeln und einer fortschreitenden Reduktion von Alternatieven vollzog, um schließlich in das letzte Tor einzumünden, das zur eigentlichen Schlachtstätte führte."
(Gemeint ist Chicago)

Thomas Pynchon "Gegen den Tag" S.23
hibou schrieb am 08.10.2010 um 09:26
Vielen Dank für alle und besonders diese beiden blogs!
Wer ist dieser Max P. Haering?
hibou schrieb am 08.10.2010 um 09:28
und sogar Wanja kommt vor...... (apropos: ich verstehe die Tiersprache, mindestens die unserer Katze und unseres Hundes - naja, er war ja auch Imam im letzten Leben)
Onkel Wanja schrieb am 08.10.2010 um 14:34
In meinem Blog zu Max P. Haering gekommst Du unfassende Antwort: Siehe Link, oder gehe auf der Parbabel-Blog-Übersichtsseite auf Seite 2.

www.freitag.de/community/blogs/onkel-wanja/die-enden-der-parabel-bilderwelten-zu-zeichnungen-verwandeltspezial
hibou schrieb am 09.10.2010 um 07:01
oh vielen Dank!
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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