14
]
Während des Studiums war ich dankbarer Abonnent von allen (un)möglichen schlecht bezahlten Jobs und lernte unser Land noch einmal kennen. Aus ideologischen Gründen nahm ich auch einen Job im Call Center an. Ideologisch deshalb, weil ich wegen den meist miesen Stundenlohns für keinen Job länger als eine halbe Stunde fahren wollte und dieser Arbeitgeber knapp 28 Minuten von meiner damaligen Wohngemeinschaft in Kreuzberg entfernt lag. Ich musste für ein Meinungsforschungsinstitut Outbound und kalt, d.h. ohne Vorbereitung, ohne vorherige Zustimmung und Verabredung, die Zielgruppe anrufen. Ich habe diesen Job 5 Wochen ausgehalten und gehörte daher schon zu den Langzeitbeschäftigten. Ich blieb so lange dabei, einerseits weil ich gerade einen Umzug vorbereitete und eine Doppelmiete auf mich wartete, andererseits auch wegen den durchaus interessanten Fragen. Mein Fragekatalog wechselte alle Paar Tage, je nach Auftrag gebendem Unternehmen. Einmal musste ich der Frage nachgehen, ob es „unwertes Leben“ gibt. Die Antworten, die ich erhielt, waren amüsant bis erschreckend. Eine Dame von 58 Jahren beschimpfte mich sogar als Nazi. Worüber sollte ich mehr traurig sein? Dass mir sämtliche persönliche Daten von der Dame schon im Vorfeld vorgelegt wurden oder dass ich sie einfach in ihrem Alltag anrufen konnte oder dass sie mich für einen Nazi hielt, weil ich jung war und das Geld brauchte? Mein Glück bei alledem war noch, dass ich nichts verkaufen musste. Das würden schon noch andere tun, die die Daten, welche ich ermittelte, verarbeiten würden.
Eine junge Dame neben mir telefonierte für einen Anbieter aus dem Bereich Zahnpflege. Als ihr zum zwanzigsten Mal in Folge ins Gesicht aufgelegt wurde, stieß sie den längsten Fluch aus, den ich je gehört habe. Call Center sind Frustgruben. Und sie sind überall. Es gibt keine Rettung. Versicherungen, Banken, Energiekonzerne, Telekommunikationskonzerne, Die Bahn und ja, auch das Arbeitsamt, sie alle haben Personal abgebaut und kostengünstigere Call Center eingerichtet. Meistens wird das Personal über Zeitarbeitsfirmen bedient und das stellt wiederum einen zweiten Stressfaktor dar, immer mehreren Herren zugleich dienen zu müssen. Für viele ist es auch kein Job, sondern Arbeit fürs tägliche Brot.
Wir hatten bei dem Unternehmen keinen sicheren Tagessatz, einige hatten einen extrem niedrigen Stundenlohn und erhielten noch eine kleine Provision, andere wurden ausschließlich nach Erfolgsquote bezahlt. Es konnte also sein, dass die (nicht mehr so) jungen Menschen 8 Stunden sitzen und sogar noch ins Minus gerieten. So ist wohl auch zu erklären, dass sie am nächsten Tag, als ein Herr partout nicht einsehen wollte, dass er definitiv zu wenig für seine Zähne tat, ausrastete und begann den Herren zu beleidigen. Ich griff ein und drückte die Auflegen-Taste. Das Gespräch hatte auch unser Zuhälter mitbekommen, Pardon, Team-Chef. Wir wurden ständig überwacht und zu mehr Leistung, zu höheren Abschlüssen und Erfolg gedrillt. Ich kam mir vor wie in einem deutschen Remake von Full Metall Jacket. Die junge Dame musste gleich ihre Tasche nehmen und gehen.
Am nächsten Tag saß eine bildhübsche Spanierin neben mir. Bereits gegen Mittag war das Mädchen mit den Nerven am Ende. Als bei ihr eine Dame schon nach den ersten Sekunden auflegte, begann sie ebenfalls zu fluchen. Sie rief dieselbe Dame erneut an und fragte, warum sie denn aufgelegt habe. Als die Person ohne lange Erklärungen abzugeben wieder auflegte, wurde das Mädchen fuchsteufelswild. Sie rief wieder bei der Dame an und schrie in den Hörer: „Du kannst so lange auflegen, wie du willst. Sag deinem Mann, diesem Mistkerl, ich werde das Kind nicht abtreiben!“
Ich traute meinen Ohren nicht. Ja, ich musste zuerst lachen. Aber dann fragte ich sie, ob sie sich bewusst sei, dass sie vielleicht gerade eine Ehe belastet, vielleicht sogar zerstört habe. Sie lachte, mag sein, sagte sie, dann hätte sich die olle Kuh eben 5 Minuten Zeit zum Schutz ihrer Ehe nehmen sollen.
Jahre später. Ich trage schwarz, wie alle anderen. Irina, eine Freundin aus Studienzeiten, lächelt mich an. Sie ist müde, sehr müde. Ihr Mann ist letzte Woche plötzlich von uns gegangen: Hirnblutung. Die Mittagspause haben sie noch zusammen verbracht, 4 Stunden später wollte er sie zum Feierabend abholen und dann gemeinsam Essen gehen. Er kam nicht, dafür ein Anruf aus dem Krankenhaus, dass ihr Mann im Koma liegt. Er erwachte nicht mehr.
Irina lächelt heute soweit es geht. Jeder will helfen, das weiß sie und dennoch, dass keiner helfen kann. Es klingelt das Telefon, sie geht ran. Danach geschieht alles wie in Zeitlupe, ihr fällt erst der Hörer aus der Hand und dann sackt sie selbst zu Boden. Ein Freund kann ihren Sturz gerade noch abfangen. Nachdem genug Leute sich um Irina kümmern, hebe ich den Hörer auf und will ihn wieder auf die Ladestation stellen. Da tönt mir eine unangenehme Stimme entgegen, immer noch wie ein Wasserfall brabbelnd, die SKL-Lose verkaufen will an Irinas Mann. Sicherlich lagen dem Mädel auch alle relevanten persönlichen Daten, woher auch immer genommen, vor. Ich gebe mir Mühe, sachlich zu bleiben und teile der Dame mit, dass der Herr X verstorben ist. „Ja, wunderbar“, ist dann ihre Überleitung „dann hat ja vielleicht Frau X Interesse an unserem Super-Sonderangebot für…oder Sie, wie ist Ihr Name, bitte?“
|
|
Hilfe, das ist ja krass. Eigentlich furchtbar. Ist ja nicht auszuhalten. Und unmenschlich.
Ich habe da auch mal reingeschnuppert. Bei einem seriösen Meinungsforschungsinstitut. Und selbst da war ich schon ziemlich genervt. Eine Stunde Probe habe ich gemacht, dann gab es - weil da Supervisoren mithörten - ein Auswertungsgespräch. Ich habe nach einer Weile gesagt: Wissen Sie was? Ich gehe jetzt Heim". Die fragte mich nun wieder warum ich mir das alles anhöre, wenn ich gar nicht weitermachen will. Und ich: War doch ganz interessant. Es ist schon so, die sind gewöhnt, dass die Leute dringend Geld brauchen. Dass jemand da mal so reingucken will und es - vielleicht - gar nicht nötig hat, macht die fuchtig. Das sind alles beschissene Verhältnisse, finde ich. Die Angestellten selbst waren sehr nett. Studenten, ältere Leute, manche bisschen Bohemien und so. |
|
|
Guten Morgen Magda,
ich hab mich so an Deine reflektierenden Kommentare gewöhnt und freue mich jedes Mal soo darüber, dass ich Dir die Polizei ins Schicken und Alarm auslösen würde, wenn 3 Tage nichts von Dir käme. Also vorher Bescheid geben, falls Du mal im Urlaub bist, oder über andere Dinge länger brütest :-))) manches Mal war es furchtbar und auch krass, einige Mädels und auch Jungs haben geweint, für die war es kein Job, sondern eine vollzeitstelle, ihre arbeit eben, haben schon seit jahren im call center gearbeitet und sie hatten angst um ihren job, wenn am ende des tages die quote nicht gestimmt hat, und brutal war, dass nicht ein langzeitergebnis (mitarbeiter ist seit monaten ein guter berater, interviewer, verkäufer etc) sondern immer die kurzen abschnitte zählten, wer einen zweiten und auch noch einen dritten schlechten tag hatte, der hatte schon einen vier bis sechs augen-gespräch mit dem team- und dem abteilungsleiter. die erwähnten anekdoten sind keine fiktion, das war mal ganz realität (incl. ich bin schwanger von ihrem mann blöde kuh, und ich werd nicht abtreiben :-) |
|
|
Ich habe ja nur deshalb reflektiert, weil Deine Themen mich interessiert haben.
Die Arbeit im Callcenter ist - wie die der Vertreter - ganz besonders exemplarisch und symptomatisch für Leistungsdruck und Ausbeutung und auch für das Unsolide am Kapitalismus, wie es ja am Ende auch in der Finanzbranche zutage tritt. Ansonsten: Keine Polizei. Ich bin gerade auf der Fahndungsliste. |
|
|
keine polizei, aber eine annonce, dass man Dich schon vermisst :-))
vielleicht auch eine rauchwolke über den dächern von berlin, wobei ich mich grad frage, wie die indianer das wohl hinbekommen haben, wenn plötzlich gegenwind war, haben sie sich dann verschrieben? :-)) |
|
|
Scherzkeks - Aber eine Rauchwolke ist nicht schlecht - Wir wohnen so hoch und haben so freie Sicht, dass ich das dann schon irgendwie sehe.
Ach - das wird mal demnächst ein Blogbeitrag. "Blick aus dem Fenster". |
|
|
unnnnd reflektier oder nicht, ich mag, was du schreibst, das gibt die möglichkeit nochmal dinge zu überdenken
|
|
|
Ich habe ein paar Jahre bei (heute: TNS) Infratel in Berlin und München gearbeitet (auch für dimap). Mäßige Entlohnung aber einiges Vergnügen; eher lockere Atmosphäre (man konnte als Profi nebenher essen, trinken, kwatschen usw.), den Streß machte man sich vornehmlich selbst. Natürlich gab es nervige Studien wie Urlaubsreisen, wo dann jede Sekunde des Urlaubs abgefragt werden sollte - und die Befragten reihenweise nach 30 Minuten genervt absprangen. Sehr unbeliebt. Natürlich ist das auch schon über 10 Jahre her und schon damals hat man - seinerzeit vergeblich - versucht, "andere Saiten" aufzuziehen.
|
|
|
ich komm jetzt erst drauf: was für eine gute geschichte für unser "stör ich?"-Wochenthema. Und ich meine, die Call-Center-Folter hätte abgenommen. Oder stimmt das nicht?
Grüße, JK |
|
|
Umfragen von Allensbach, GFK, TNS Infratest & Co. sind m.W. nach wie vor im Umlauf - allerdings werden die Telefonnummern i.d.R. da zufällig generiert, außer man stimmt explizit einem (erneuten) Anruf zu.
Was Anrufe von Verkäufern anlangt (wie weiland in den 1990ern von "Anlageberatern" für Penny Stocks) - das dürfte zurückgegangen sein. Bin da aber nicht auf dem Laufenden, da ich meine private Telefonnummer niemandem mitteile; auch ich muß immer überlegen, wie die nun lautet ... :-) |
|
|
Nein die Call Center suchen weiter permanent Nachschub. Allgemein ist die Fluktuaktion beim überwiegenden Teil der Direkt-Dialog-Schmieden sehr hoch. Jedoch suchen viele Firmen händeringend neue Kunden, daraus folgt eine recht gute auftragslage für Call Center. Simone Fojut, Chefredakteurin vom Magazin CallCenter Profi sieht die Branche sogar als Gewinnerin der Krise. Sehr zu empfehlen ist zu dem Thema auch der Wallraff Film zur Call Center Szene. Hier gehts zum entsprechenden Artikel
www.zeit.de/2007/22/Guenter-Wallraff |
|
|
Inbound Outbound; viele Callcenter rufen ja nicht vornehmlich an, sondern werden angerufen ... (Hinweis z. Erg.)
|
|
|
wenn man nicht gerade an einem wunderbaren gewinnspiel um ein tolles auto in einer bahnhofshalle oder in der stadt mitgemacht hat oder in diversen blättern kreuzworträtsel bis diverse gewinnfragen beantwortet hat, immer mit angabe der adresse und telefonnr bzw weitere angaben zur person, dann hat mans schon mal richtig gemacht und kann nur noch von meinungsumfragen erwischt werden, hat man aber bei obigen mal teilgenommen, kann es eine ganze weile dauern, weil die angaben über magische wege durch alle möglichen dienstleister gehen.
sonst stimme ich zu, der überwiegende anteil der call center sind inbound, wie ihre dsl, telefon, handyanbieter, versandhäuser, reisegesellschaften, agentur für arbeit, versicherungen, kreditunternehmen etc pp, es gibt kaum eine branche, die ohne call center arbeitet. |
|
|
VIELEN DANK, TESSA!ich freue mich :-)))
:-)) |
Ausgabe 11/10
18.03.2010
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 2.90 €
>> bestellen